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Aufmacher Klasse 21. Mai 2026

Im Persischen Golf werden Seeleute zu Geiseln
von Wolfgang Pomrehn

Nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg sind so viele Seeleute in das Kreuzfeuer eines Krieges geraten wie jene, die derzeit im Persischen Golf auf über tausend Schiffen festsitzen. Doch von ihrem Leid erfährt man wenig in den hiesigen Medien. Ebenso wenig wie über die Lage der Millionen von ausländischen, rechtlos gehaltenen Arbeiterinnen und Arbeitern, die in den Golfmonarchien auf den Baustellen, in den Fabriken und selbst in den Haushalten der privilegierten Einheimischen die Wirtschaft am Laufen halten.

Anfänglich hingen rund 2000 Schiffe – Tanker, Frachter und auch sechs Kreuzfahrer – im Persischen Golf fest und auf ihnen nach UN-Angaben rund 20.000 Seeleute. Ende April war noch von 1600 Schiffen die Rede. Vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran waren jeden Tag rund 150 Schiffe durch die Straße von Hormus gefahren, die den Golf mit dem Indischen Ozean verbindet. Wochenlang ließen der Iran und die USA jedoch nur noch vier oder fünf pro Tag passieren. 29 Schiffe wurden nach Informationen der internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO (International Maritime Organization) angegriffen, wobei zehn Seeleute getötet und acht weitere verletzt wurden.
»Ich habe mit einem der Seeleute gesprochen, die seit mehr als sechs Wochen im Persischen Golf in der Falle sitzen«, meinte IMO-Generalsekretär Arsenio Dominguez Ende April, acht Wochen nach Kriegsausbruch gegenüber der Presse. Die Mannschaften seien erschöpft, ihre geistige Gesundheit nehme Schaden und sie fühlten sich unsichtbar und nicht wertgeschätzt. Es müsse viel mehr getan werden um ihnen zu helfen.
Derweil haben sowohl die USA als auch der Iran Schiffe beschlagnahmt, wogegen die Internationale Transportarbeiterföderation ITF heftig protestiert. Auch die IMO forderte die sofortige Freilassung der Besatzungsmitglieder. Seine Organisation würde an einem Evakuierungsplan für die eingeschlossenen Besatzungen arbeiten, so Dominguez, aber dafür müssten alle zusammenarbeiten und die Kriegsparteien Angriffe unterlassen. Davon abgesehen werden auf den Schiffen Notbesatzungen verbleiben müssen. Derzeit kreuzen die Schiffe im Golf herum oder liegen vor der Küste auf Rede, weil sie in den Häfen nicht sicher sind. Für die Menschen an Bord verstärkt das die Isolation.
ITF-Generalsekretär Stephen Cotten macht deutlich, dass die Angriffe und Beschlagnahmungen keine Unfälle und keine sogenannten Kollateralschäden sind, sondern gezielte Gewalt gegen unbeteiligte Zivilisten. »Die Seeleute sind keine Soldaten«, so Cotton. »Sie sind Arbeiter, die meist aus dem globalen Süden stammen und fern der Heimat dafür sorgen, dass die Fracht von A nach B kommt, um unser aller Ökonomien am Laufen zu halten. Weder haben sie diesen Krieg begonnen, noch können sie ihn beenden. Sie werden als Geiseln gehalten, als Druckmittel in einem Konflikt zwischen Staaten, die sehr wohl wissen, was ihre Verpflichtungen nach internationalem Recht wären.«
Die ITF fordert außerdem die Reeder auf, »nicht mit dem Leben der Seeleute zu spielen. Keine Fracht, kein Vertrag, kein ökonomischer Druck sind das Leben eines Seemanns wert«, so Cotten. »So lange keine sichere Durchfahrt möglich ist, sollte kein Schiff mit einer zivilen Besatzung durch die Straße von Hormus fahren.« IMO-Generalsekretär Dominguez hatte zuvor verneint, dass es eine sicher Durchfahrt gibt, und unter anderem auf Seeminen hingewiesen.
Die ITF forderte unterdessen die beteiligten Staaten auf, sich an das internationale Recht zu halten und die Arbeiter auf den Schiffen zu schützen, die Angriffe einzustellen und alle Arbeiter sowie die beschlagnahmten Schiffe freizugeben. Die menschlichen Kosten der Krise würden von Tag zu Tag steigen, und die Auswirkungen der ständigen Furcht und Unsicherheit auf die Gesundheit seien nicht zu unterschätzen. Viele Seeleute seien seit Wochen gefangen, hätten oft keinen Kontakt zu ihren Familien und seien sich ihrer Rechte nicht bewusst. Cotten: »Diese Menschen haben Namen, Familien und Rechte, und es ist eine Schande, dass wir daran erinnern müssen.«

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