Ausstellungen im Kunstpalast Düsseldorf
von Marina Hoffmann
Wer die Reise nach Düsseldorf antreten möchte, oder bereits dort lebt, hat die Gelegenheit, bis zum 10.1. bzw 7.2.2027 zwei politische Kunstausstellungen im Kunstpalast zu besuchen: Niki de Saint Phalle – Dream Machine und Immendorff.
Niki de Saint Phalle
Vögel
Niki de Saint Phalle wurde 1930 geboren und starb 2002. Ihr Vater missbraucht sie jahrelang. Ihre Mutter und Großmutter beschreibt sie als Hüterinnen des Herdfeuers, mit denen sie sich nicht identifizieren kann. Mit 18 flieht sie mit ihrem Freund von zuhause. Ihre Mutter drängt sie zur Hochzeit. »Ich wollte die Welt, und die Welt gehörte den MÄNNERN […] Sehr jung erhielt ich die Botschaft, dass Männer Macht hatten, und die wollte ich«, schreibt sie in einem Brief an einen Freund. Bei einem Klinikaufenthalt mit 22 lernt sie, die Kunst als Sprachrohr für Schmerz, Trauma und Träume zu nutzen. Die Kunst war ihr Schicksal, wie sie schreibt: »Ich wurde Künstlerin, weil es für mich keine Alternative gab.« Immer wieder stellt sie Vögel als Symbol für Freiheit dar. Die Skulptur »Crazy Bird« steht zu Beginn der Ausstellung.
Wut
Als »wütende Frau« macht sie auf sich aufmerksam, indem sie erste Happenings veranstaltet, bei denen sie auf ihre Bilder schießt, sie damit »tötet« und gleichzeitig ins Leben ruft. Für die Kunstwerke hängt sie Farbbeutel hinter eine weiße Gipswand. Bei den Schüssen, die auch ihre weiblichen Gäste abfeuern dürfen, bluten die Bilder Farbe. Mit ihrem Gewehr schießt sie gleichzeitig auf das patriarchale System und all die einengenden Mechanismen, unter denen sie als Frau leidet.
Sie setzt sich weiter mit Weiblichkeit auseinander. Sie schafft Kunstwerke, die ihre traumatischen Geburten verarbeiten. Die schwarze Witwe greift sie als ein matriarchales Symbol auf. Diese frisst das Männchen nach dem Paarungsakt, spendet als Mutter Leben und nimmt es als Gattin. Auch in ihrem Spätwerk greift sie die Spinne auf, in einem Kunstwerk, das ein Paar beim Spaziergang mit ihrer Hausspinne zeigt – eine Version ihrer Eltern.
Nanas an die Macht!
Ganz anders zeigt sie Weiblichkeit durch ihre Nana-Figuren. Nana ist ein französischer Begriff, eher abwertend Frauen gegenüber. Die bunten, kurvigen Figuren mit kleinen Köpfen stellen einen neuen Schritt in ihrem Werk dar. Von Emotions- und Traumaverarbeitung sowie gewaltvollem Kampf gegen die Gewalt, die ihr und anderen angetan wird, entwirft sie Göttinnen. Die Nanas stehen für gnadenlose, selbstbewusste Weiblichkeit und für eine Welt, in der Freiheit und Freude regieren.
Zu diesen bunten, fröhlichen Figuren wurde Niki de Saint Phalle durch Frauen aus ihrem Umfeld sowie aus der Öffentlichkeit inspiriert. 1965 gestaltet sie beispielsweise »Black Rosy or My Heart Belongs to Rosy«, die Rosa Parks symbolisiert und damit den Kampf gegen den Rassismus. Rosa Parks wurde 1955 in den USA verhaftet, weil sie ihren Platz im Bus nicht für einen Weißen freimachen wollte. Daraufhin entbrannten Proteste und die Bürgerrechtsbewegung erwirkte ein Jahrzehnt später die Abschaffung der gesetzlich vorgeschriebenen Rassentrennung.
Öffentlichkeit
Der Gedanke der Öffentlichkeit und des Mitgestaltens, der sich schon in den Schießbildern zeigt, setzt sich mit den Nana-Skulpturen fort. Ihre Werke stehen an vielen Orten der Welt. Die Skulpturen zieren beispielsweise den Lifesaverbrunnen in Duisburg oder das Leibnitzufer in Hannover. Die größte, 29 Meter lange Nana baute sie vor das Stockholmer Moderna Museet. In ihr ein Kino, eine Milchbar, eine Ausstellung von gefälschten Bildern und ein Balkon auf dem Bauch. Die Schwangerschaft der übergroßen Nana stellt Niki de Saint Phalle durch ein Goldfischbecken dar.
Die Nanas sind groß, bunt, begehbar oder für wenig Geld käuflich zu erwerben. Um der Kunst das Elitäre zu nehmen, auch Kindern eine Berührung mit den Nanas zu ermöglichen und um mehr Nanas mit ihrer positiven Aura zu verbreiten, verkauft Niki aufblasbare Nanas. Außerdem bringen ihr die Nanas Geld, um weiterarbeiten zu können, da sie die meisten Kunstwerke selbst finanziert.
Für ihr Großprojekt »Der Tarotgarten« verkauft sie nicht zuletzt Parfüm, Vasen, Modelle, Möbel, Schmuck und anderes. Der Garten in der Toskana beinhaltet die 22 Figuren des großen Arkana aus dem Tarotspiel. In eine Skulptur baut sie sogar eine Wohnung, in der sie während der Konstruktion teilweise lebt. Inzwischen ist der Garten öffentlich zugänglich.
2002 stirbt sie in Kalifornien, das wegen seiner trockenen und warmen Luft gut für das Lungenleiden war, das sie vermutlich durch die Arbeit mit Polyester bei der Erschaffung ihrer Skulpturen entwickelte.
Niki de Saint Phalle kämpfte gegen eine Welt, die sie an den Rande des Wahnsinns getrieben hat. Die Kunst war ihr ein Ausweg. Sie malte, baute und setzte dem unbestimmten Gefühl der Falschheit und des Eingesperrtseins etwas entgegen.
JÖRG IMMENDORFF
Ganz anders, aber ebenso politisch ist der Künstler Jörg Immendorff. Er lebte von 1945 bis 2007, studierte erst Bühnenbild bei Teo Otto, dann monumentale Bildhauerei bei Joseph Beuys. Dieser lobt ihn, als Immendorff sein Bild unzufrieden durchstreicht und darunter schreibt: »Hört auf zu malen«.
Ende des 20.Jahrhunderts gehört er zu den bekanntesten zeitgenössischen deutschen Künstlern und wird auch »Malerfürst« genannt. Die Ausstellung zeigt rund 120 Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen, sowie Archivmaterial, darunter Bilder aus der Reihe »Café Deutschland« und den »Lidl-Block«. Auch die Stempel, die Jörg Immendorff herstellte, sind in der ganzen Ausstellung verteilt. Affen treten immer wieder auf, als Avatare für ihn selbst, aber auch als kritische Fragensteller.
Menschwerdung
Kunst gehört laut Immendorff zur Menschwerdung. Sie offenbart die eigene soziale Rolle und das eigene Erleben. Aber genau diese Kunst und ihre Rolle hinterfragt er auch immer wieder. »Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege«, heißt es beispielsweise auf dem gleichnamigen Bild, auf dem ein Protestierender die Tür eines Künstlers öffnet, und ihm die Frage stellt.
1967 malt er eine Reihe übergroßer Babys, die im Kontext des Vietnamkrieges ein Gegenbild über Liebe und Frieden entwerfen – ähnlich wie die Nanas.
LIDL
Gemeinsam mit der Künstlerin Chris Reinecke und anderen Kolleg:innen gründet er die Initiative LIDL, deren Namen nicht auf der inzwischen milliardenschweren Supermarktkette, sondern auf einem kindlichen Ausruf basiert. Das Projekt soll eine alternative Gesellschaft simulieren, in der Kunst allen zugänglich gemacht wird und zudem Einfluss auf die Politik nimmt.
Gleich zu Anfang zieht Jörg Immendorff mit einem schwarz-rot-goldenen Klotz an seinem Bein, auf dem LIDL steht, vor den Bundestag – und wird prompt festgenommen. Daraufhin verhört ihn der Verfassungsschutz wegen Verunglimpfung der Bundesrepublik Deutschlands.
Doch die Initiative veranstaltet vor allem Happenings, Filmvorführungen und Konzerte. Eine LIDL-Stadt, eine LIDL-Kommune, LIDL-Sport und die LIDL-Akademie werden geplant und teilweise umgesetzt. Die LIDL-Akademie soll die Barriere zwischen Lehrenden und Lernenden brechen.
Im Anschluss an seine LIDL wird Immendorff noch politischer. Er tritt linken Gruppen wie der maoistischen Kommunistischen Partei Deutschlands/Aufbauorganisation bei. Ein Werk zeigt, wie ein Maler aus der Ich-Perspektive das Bild eines Arbeiters und einen Mann im Hemd übermalt. In den Farben auf der Palette sind Figuren – in schwarz der Geheimdienst, in gelb die Polizei, in rot Hitler.
Parallel zu diesen Kunstwerken arbeitet er an Schulen als Kunstlehrer und ermutigt die Schüler:innen, ihre Meinung zu vertreten. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat auch Auswirkungen auf sein Schaffen.
Café Deutschland
Die Trennung von Ost und West beschäftigt Jörg Immendorff. Er sieht »die deutsche Teilung immer als Weltproblem. Also, die beiden deutschen Teilstaaten als Pufferzonen, als Stoßstangen der beiden Weltautos«, und malt die Reihe »Café Deutschland«, in der Cafés auf großformatigen Wimmelbildern als Kulisse für die damals aktuelle Debatte um Deutschland dienen.
1984 übernimmt er die Bar La Paloma auf St.Pauli, die ihn zu der Reihe »Café de Flore« inspirierte. Er schafft eine Bildwelt voller Bezüge auf andere Künstler:innen und auf sich selbst.
Krankheit
In den 90er Jahren, nachdem er am Theater war und für die Oper The Rake’s Progress unter anderem das Bühnenbild übernahm, erhält er seine Diagnose: ALS (amyotrophe Lateralsklerose, eine unheilbare Krankheit des Nervensystems). Als seine linke Hand versagt, malt er mit der rechten weiter. Als er nicht mehr selbst malen kann, helfen ihm Assistent:innen bei der Umsetzung seiner Spätwerke. Er malt unter anderem noch das Kanzlerporträt für Gerhard Schröder. Bis zu seinem Tod 2007 arbeitet der Künstler an seinen Werken.
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