Deutschland, der Kriegsklotz und die Radikalität des Punk
von Gaston Kirsche
Der Kriegsklotz ist immer noch da, aber ohne ihn gäbe es dieses Lied auch nicht. »Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen«, steht groß auf dem neun Meter breiten und sechs Meter hohen Quader aus Beton. In Fraktur, darunter marschierende Soldaten in Reih und Glied mit geschulterten Gewehren, bereit für das nächste Kriegsverbrechen. Seit 1936 steht er da, am Bahnhof Dammtor mitten in Hamburg, errichtet unter der Nazidiktatur.
Viele Demonstrationen gegen Krieg und Bundeswehr begannen hier, einmal wurde dazu aufgerufen, gemeinsam mit Hammer und Meißel den Kriegsklotz zu zerstören. Eine Ecke wurde geschafft. Den Spruch umzudrehen war und ist genial. Eine ebenso geschickte wie schöne Volte.
Die Punkband Slime, gegründet von Schülern 1978 am Gymnasium Heidberg im Hamburger Norden, erster Auftritt im damals von Linken bevölkerten Jugendzentrum Kiwittsmoor, brachte 1981 zuerst im Selbstvertrieb eine Platte raus: Slime I. Eines der vierzehn Lieder hieß »Deutschland« und wurde schnell durch die schöne, eingängige Refrainzeile »Deutschland muss sterben, damit wir leben können« bekannt.
Seitdem denke ich, wenn ich am Kriegsklotz vorbeikomme, an seine radikale Negierung: »Wo Faschisten und Multis das Land regieren, wo Leben und Umwelt keinen interessieren, wo alle Menschen ihr Ich verlieren, da kann eigentlich nur noch eins passieren: Deutschland muss sterben, damit wir leben können.« Deutschlandkritik rulez.
Unmittelbar: »Schwarz ist der Himmel, rot ist die Erde. Gold sind die Hände jener Bonzenschweine. Doch der Bundesadler stürzt bald ab, denn Deutschland, wir tragen dich zu Grab.«
Bullenschweine
Das nächste Lied auf der LP hieß »Bullenschweine«, auch unter dem Refrain bekannt: »Wir wollen keine – Bullenschweine!«
Klare Ansagen waren das, das eine Lied rief Einsatzleiter und Staatsanwaltschaften auf den Plan, das andere die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die es in ihrer »Bekanntmachung Nr. 4/2013 über jugendgefährdende Trägermedien« indizierte.
Slime I ist musikalisch am frühen englischen Punk orientiert, nicht düster, überhaupt kein Hardcore. Wütend, aber durchaus mäandernd, nicht auf dem kürzesten Weg zum Schlussakkord unterwegs. 1978 brachte Sham 69 If the Kids Are United raus; The Undertones Teenage Kicks; 1979 The Clash ihr Doppelalbum London Calling – danach klingt Slime I für mich.
Mit verschiedenen Einflüssen – es war die Zeit, in der The Clash ihr erstes Konzert in der Hamburger Markthalle spielten, das von puritanisch-unpolitischen Punx gestürmt wurde, von wegen böser Kommerzialisierung und so. Die klare politische Positionierung von The Clash war den puritanisch-unpolitischen Punx offenbar egal. Fast wäre es zu einer Massenschlägerei gekommen.
Mit dem Vorwurf der Kommerzialisierung hatten Slime auch schnell zu kämpfen – und mit Störungen durch Naziskins. Legendär ist die Ansage auf der Live-Platte von 1984: »Wenn ihr kleinen Scheißhaufen dieses Konzert in den Arsch macht, dann gibt es so lang und satt auf die Fresse, wie ihr noch nie gekriegt habt.« Nachdem sie ihre erste Platte bei Aggressive Rockproduktionen (AGR) ein zweites Mal herausbringen konnten, mit einem Vertrag, und 50000 Stück auf einen Schlag verkauften, war der Vorwurf des Ausverkaufs da. Völlig absurd angesichts dessen, was sie spielten, wofür Slime stand.
Karl-Ulrich Walterbach und seine AGR waren auch keineswegs ein Hort der Kommerzialisierung, nur professionell. Als er mich 1983 einmal beim Trampen von Hamburg nach Berlin in seinem Auto mitnahm, erzählte er mir, wie er 1976 verhaftet worden war, mit Molotowcocktail in der Jacke versteckt. Am Tag zuvor war Ulrike Meinhof tot in ihrer Gefängniszelle aufgefunden worden. Er wolle subversive Gegenkultur stärken, er wolle Slime bundesweit bekannter machen – wozu er viel betrug.
Genauso wie die aufkommende autonome Demokultur: Neben »Es geht voran« gehörte zu Demos der radikalen Linken, dass »Deutschland« vom Lautsprecherwagen gespielt wurde. Hallo, liebe Leute, dies hier ist kein Friedens-Tralala-Gelatsche, wir wollen alles, und zwar sofort!
Polizeigewalt
Dirk Jora, der 1979 als Sänger zu Slime stieß, bewegte sich wie ich im Kommunistischen Bund, der in den Siebzigern in Hamburg ein ganzes Milieu prägte.
Und erlebte, wie viele andere linke Jugendliche auch, bei den großen, militanten Demonstrationen gegen die Baustellen der Atomkraftwerke Brokdorf, Grohnde, Malville eine brutale Polizeigewalt. Dirk Jora erzählt gerne davon, dass in den Tagen vor den Demos in Brokdorf 1976, 1977 in Hamburg an vielen Mülltonnen die Deckel fehlten: »Die haben wir abgemacht, um sie als Schilde gegen die Polizeiknüppel zu nutzen«. Leider flog Dirk Jora 1978 aus dem KB raus, weil er die Sex Pistols gut fand und in der WG hörte – sein dogmatischer »Anleiter« schmiss ihn daraufhin aus der WG und aus der Organisation.
Es gab im KB damals Bedenken, ob Punk wegen der Verwendung von NS-Symbolen eine rechte Provokation sei – die Bedenken wurden entkräftet, leider zu spät für Dirk Jora. Aber die Staatskritik von Slime, sie brauchte nicht viel Theorie, die Bürgerkriegsmanöver von Polizei und paramilitärischem Bundesgrenzschutz (heute in abgerüsteter Version die Bundespolizei) waren prägend.
Mit »Bullenschweine« brachten Slime auf ihren Konzerten mächtig Stimmung in den Laden. Mit »Deutschland« auch. Und mit so vielen anderen straighten Titeln. In der Punkszene, die gerade in Hamburg vorher teilweise diffus gegen alles war, trafen die klaren Parolen und Feindbestimmungen auf viel Resonanz. So gründeten sich 1980 die »Punx Against Fascism«, es gab Gruppen von Punx auf Demos. Wie Slime sang, waren viele der alten Nazis noch in Amt und Würden – die beiden Spitzenkandidaten von SPD und Union bei der Bundestagswahl 1980, Schmidt und Strauß, hatten als Offiziere in der Naziwehrmacht an Kriegsverbrechen mitgewirkt und hielten soldatische Tugenden hoch. Am Kriegsklotz legten Abordnungen der Bundeswehr gemeinsam mit Nazis von Wehrmachtstraditionsverbänden Kränze ab. Nachts, nach Punkkonzerten in der Markthalle, wurden diese Kränze oft antifaschistisch entsorgt.
Kunstfreiheit
Bis vor das Bundesverfassungsgericht gingen die Prozesse um das Verbot von »Deutschland«.
In dessen Urteil vom 23.November 2000 kann nicht nur der komplette Liedtext nachgelesen werden, auch auf die Entstehung des Liedes wird Bezug genommen: »Die Hamburger Punkrock-Gruppe Slime hatte damals diese Thematik in ihrem Lied aufgegriffen und die provozierende Antithese ›Deutschland muss sterben, damit wir leben können‹ dem in Zeiten des Nationalsozialismus zu Denkmalehren gekommenen Spruch ›Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen’entgegengesetzt.« Das Verbot wurde aufgehoben unter Berufung auf die im Grundgesetz garantierte Kunstfreiheit. Das oberste Gericht war anderer Ansicht als viele Einsatzleitungen.
Wie viele Demonstrationen wurden von Hundertschaften der Polizei beendet wegen des Abspielens von »Deutschland«, wie viele Demonstrierende unter Anwendung von Gewalt verhaftet, gegen wie viele Konzertveranstalter:innen wurden Bußgelder verhängt? Das Lied geht weiter, es hat für mich nichts von seiner Straightness eingebüßt, ist gut gealtert, bis zum Ende: »Deutschland verrecke!«
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