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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Kirchenkritiker Karlheinz Deschner

 

Gestorben am 8. April 2014

von Manuel Kellner

Es war ihm nicht vergönnt, seine monumentale Kriminalgeschichte des Christentums zu Ende zu bringen. In hohem Alter, bevor er jetzt mit 89 Jahren gestorben ist, vollendete er den zehnten Band zum „18. Jahrhundert mit Ausblick auf die Folgezeit“. Die im Juni erscheinende Printausgabe der SoZ wird eine Würdigung seines Lebenswerks bringen.Die Schulen, die er als Kind besucht  hatte, waren von Franziskanern, Karmelitern und Englischen Fräulein geleitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Bamberg, promovierte 1951 über Leanaus metaphysische Verzweiflung und ihr lyrischer Ausdruck. Wegen der Ehe mit der geschiedenen Elfi Tuch wurde er von der katholischen Kirche exkommuniziert. Bis dahin hatte er sich noch nicht mit kirchen- oder religionskritischen Themen befasst.

Erst 1957 gab er mit dem Buch Was halten Sie vom Christentum? Einen Sammelband mit kirchenkritischen Beiträgen heraus. 1962 erschien von ihm Abermals krähte der Hahn, womit er seinen Ruf als streitbaren Kirchenkritiker begründete. Viele weitere Veröffentlichungen folgten und erzielten hohe Auflagen: Mit Gott und den Faschisten. Der Vatikan im Bunde mit Mussolini, Franco, Hitler und Pavelic (1965), Kirche des Un-Heils. Argumente, um Konsequenzen zu ziehen (1974), Opus Diaboli. Fünfzehn unversöhnliche Essays über die Arbeit im Weinberg des Herrn (1987), Oben ohne. Für einen götterlosen Himmel und eine priesterfreie Welt (1997), um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Bei der Entlarvung der heuchlerischen Gottesmänner und der Institutionen insbesondere der katholischen Kirche und ihres Bündnisses mit den irdischen Machthabern war Deschner erbarmungslos und stützte sich dabei stets auf eine Fülle von Fakten, Belegen und Zitaten. Seine Arbeit steht in der Tradition der Aufklärung, insbesondere der Vorstellung vom Priestertrug, bei dem geistliche Würdenträger und Ideologen die anderen Menschen belügen und täuschen, um ihren Vorteil daraus zu ziehen.

Somit ist Deschner kein Religionskritiker im engeren Sinne des Wortes gewesen. Er kannte seinen Feuerbach und zitierte gelegentlich aus dessen Wesen des Christentums. Die religiösen Dogmen aus menschlichen Projektionen und Wünschen abzuleiten war jedoch seine Sache nicht. Er selbst nannte sich in Bezug auf die Gottesfrage einen Agnostiker, war seiner Gesinnung nach ein radikaler Tierschützer und fühlte sich bestimmten Spielarten fernöstlicher Religionen wie dem Buddhismus zugeneigt. Das Bewusstsein, mit seinem Tod in der Erde und im Weltganzen aufzugehen, war ihm wichtig.

Dafür bedarf es allerdings keiner besonderen Position oder Anstrengung, und er ist in diesem Weltganzen aufgegangen, wie es auch mir und uns allen bevorsteht. Einen Trost verschafft das nicht. Wir werden ihn vermissen, denn mit seinem Lebenswerk haben wir in Deutschland die „Pfaffenfresserei“ auf höchstem Niveau, und wir hätten gerne auch seine Kriminalgeschichte des Christentums im 19. Und 20. Jahrhundert noch lesen dürfen.

Die Apologeten der Kirche haben Deschners Kritik nicht überzeugend abwehren können. Die Behauptungen, seine eingestandene Feindschaft gegenüber der Kirche habe ihn blind eifern lassen, oder sein Umgang mit den Quellen sei fragwürdig, erweisen sich als ungerechtfertigt angesichts der Masse des von Deschner zusammengetragenen Materials. Die protestantische Theologin Uta Ranke-Heinemann würdigt Karlheinz Deschner in einem Nachruf in der jüngsten Ausgabe des Stern unter anderem mit dem Bekenntnis: „Jedes Mal, wenn mich ein neuer Band (der Kriminalgeschichte des Christentums, M.K.) erreichte,  war ich fasziniert von deinem Detailwissen und deiner Kritik an einer selbstherrlichen Kirche. Du hast erkannt, dass das Christentum keine frohe Botschaft ist. Du hast mir geholfen. Ich danke dir.“

 

 

 


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