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200 Jahre Karl Marx, Teil 5

Materialistische Geschichtsauffassung
von Manuel Kellner

Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.

Karl Marx und Friedrich Engels gelangten zu ihren Grundüberzeugungen durch Abgrenzung von der junghegelianischen idealistischen Auffassung, nach der die entscheidenden Kämpfe in den Köpfen und im Medium des Begriffs tobten. Gegen diese «deutsche Ideologie» wandten sie ein, dass Menschen zunächst ihre Lebensmittel produzieren müssen und dafür bestimmte Verhältnisse miteinander eingehen, bevor sie politisieren, Gesetze erlassen und kritisieren können. Dabei geht es keineswegs um eine dogmatisch verkündete Geschichtsphilosophie, sondern sehr viel mehr um ein Forschungsprogramm:

«…Individuen die auf bestimmte Weise produktiv thätig sind gehen diese bestimmten gesellschaftlichen & politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen & politischen Gliederung mit der Produktion empirisch & ohne alle Mystifikation & Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung & der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor; aber dieser Individuen … wie sie wirklich sind, d.h. wie sie wirken, materiell produziren, also wie sie unter bestimmten materiellen & von ihrer Willkühr unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen thätig sind.» (MEGA² I/5. S.135.)

Hinter den politischen Kämpfen und Ideensystemen stecken die gegensätzlichen Interessen der Gesellschaftsklassen, die es analytisch herauszuarbeiten gilt. Revolutionen sind Ausdruck einer Zuspitzung der Widersprüche in gegebenen Gesellschaftsformationen.

«Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.» (MEW 13:9.)

Das Bild von der Sprengung der Fesseln mag nicht unbedingt treffend sein. Zumindest heute scheint es eher so zu sein, dass die ungeheure Entwicklung der Produktivkräfte unter kapitalistischen Verhältnissen immer massiver umschlägt in Zerstörungskräfte.

«In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses … aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsform schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.» (Ebd.)

Aus diesen Worten von Karl Marx haben Unberufene zu Unrecht ein Schema «gesetzmäßig» aufeinanderfolgender Produktionsweisen abgeleitet. In dessen Schriften findet sich hingegen immer wieder die Bemühung, solche Prozesse der Reifung der Bedingungen für große Umwälzungen konkret herauszuarbeiten. Sein Freund Friedrich Engels sah sich 1890 zu folgender Klarstellung veranlasst:

«Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens.» Doch viele andere Faktoren, politische Systeme und Ideologien, Ergebnisse gesellschaftlicher Kämpfe usw. wirken auf diese ökonomische Basis zurück: «Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten … als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt. Sonst wäre die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.» (MEW 37:463.)

Im Kapitel zur «sogenannten ursprünglichen Akkumulation» des Kapitals in Bd.1 des Kapitals räumt Marx mit der idyllischen Legende auf, die Fleißigen und Sparsamen seien eben besser als die Faulen und Verschwender Kapitalisten geworden. Auch erscheint hier die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise nicht als Ausdruck einer «Gesetzmäßigkeit». Verschiedenes musste dafür vielmehr zusammenkommen: Die Trennung einer großen bäuerlichen Masse von ihren Produktionsmitteln, die Entstehung großer Geldkapitalien durch Wucher, betrügerischen Handel und Ausraubung Südamerikas und brutale Gewalt, um die Menschen zur Arbeit in der entstehenden Industrie zu prügeln.

«Tantae molis erat*, die ‹ewigen Naturgesetze› der kapitalistischen Produktionsweise zu entbinden, den Scheidungsprozess zwischen Arbeitern und Arbeitsbedingungen zu vollziehn, auf dem einen Pol die gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmittel in Kapital zu verwandeln, auf dem Gegenpol die Volksmasse in Lohnarbeiter, in freie ‹arbeitende Arme› … Wenn das Geld, nach Augier, mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.» (MEW 23:787f.)

 

*«So vieler Mühsal bedurfte [die Gründung des römischen Volkes]» (Vergil: Aeneis).

 

Teil 4 behandelte Marx’ Entwicklung zum Kommunisten.


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