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Die Kafka-Konferenz 1963

Der politische Auslöser des Prager Frühlings
Auszug aus einem Interview mit Eduard Goldstücker*

Vor 50 Jahren wurde dem Versuch, die politischen Verhältnisse in einem sich sozialistisch nennenden Staat zu demokratisieren und eine Arbeiterselbstverwaltung einzuführen, durch den Einmarsch sowjetischer Truppen ein jähes Ende gesetzt. In den Massenmedien konzentriert sich die Erinnerung an den Prager Frühling auf den Kampf zwischen den Kräften des Alten Regimes und den «Reformern». Letztere bildeten aber keineswegs ein einheitliches Lager, vielmehr unterteilten sie sich in solche, die marktwirtschaftliche Reformen «von oben» einführen wollten (Technokraten und Liberale), und solche, für die die Beteiligung der Massen am gesellschaftlichen und politischen Erneuerungsprozess von zentraler Bedeutung war – die radikalen Demokraten. Deren Lager umfasste einen Teil der Intelligenz, die Studierendenbewegung und einen großen Teil der Arbeiterklasse. Die zentrale Frage, die die radikalen Demokraten von den liberalen und technokratischen Reformern trennte, war die der Einführung von Demokratie in die Betriebe und den Produktionsprozess.
Zwei Höhepunkte bezeichneten Anfang und Ende des «Prager Frühlings»: die Kafka-Konferenz 1963 und die Arbeiterselbstverwaltung 1968/69.
Unmittelbar nach dem XX.Parteitag der KPdSU [1956] äußerten viele tschechoslowakische Intellektuelle öffentlich die Meinung, das stalinistische Modell sei auf unser Land überhaupt nicht übertragbar. Die Desillusionierung im Land war groß und wir waren zunehmend mehr davon überzeugt, dass wir neue Wege suchen mussten; so haben wir versucht, eine Debatte zu eröffnen, Artikel zu veröffentlichen, Konferenzen dazu durchzuführen.
Einige Monate nach dem XX.Parteitag der KPdSU versammelte sich der Schriftstellerkongress. Zwei unserer beliebtesten Dichter, Jaro­slav Seifert und František Hrubín, haben den Kongress mit ihrer Rede über den repressiven Charakter des Regimes und den Mangel an Freiheit aufgerüttelt. Seifert war nach 1948 fast vollständig zum Schweigen gebracht worden. Dabei war er einer unserer größten Dichter und war der Partei enthusiastisch beigetreten. Nun, der Gegenangriff der Parteiführung folgte noch auf dem Schriftstellerkongress und war hart. Wir mussten bis zum XXII.Parteitag der KPdSU [1961] und zum XII.Parteitag der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei [1962] warten, um mehr Freiheit der Rede und der Initiative zu bekommen.
Im Februar 1963 schrieb ich einen Artikel über Kafka für Literární noviny, das Organ des Schriftstellerverbands. Ich war im Jahr zuvor zum Vorsitzenden der Germanistischen Fakultät der Prager Universität gewählt worden und hatte ein nationales tschechoslowakisches Komitee von Kennern der deutschen Literatur gegründet. Ich machte dem Komitee den Vorschlag, eine internationale marxistische Konferenz über Kafkas Werk zu organisieren. Denn Kafka war in Prag geboren, hatte hier gelebt und geschrieben und viele Menschen kamen nach Prag, um die Orte kennenzulernen, an denen er gewirkt hatte. Warum sollte er dann bei uns tabu bleiben? Sollten wir ihn weiterhin als dekadenten Schriftsteller verstehen, dessen Werk vom tschechoslowakischen Volk ferngehalten werden musste?
In dem genannten Artikel schrieb ich, dass sich neue Freiheitsmöglichkeiten am Horizont auftaten, die wir bestmöglich nutzen sollten. Der Artikel wurde weltweit als erster Schritt zum «Prager Frühling» verstanden.
In dieser Zeit organisierte die Gesellschaft zur Verbreitung der politischen und wissenschaftlichen Kultur eine öffentliche Debatte zu verschiedenen Fragen. Im März 1963 lud sie 20 Redner aus unterschiedlichen Teilen des kulturellen Lebens ein, Fragen des Publikums zu beantworten. Kurz zuvor hatte Chruschtschow in Moskau eine dogmatische Rede über Fragen der Kultur gehalten. Es war klar, dass das Publikum unsere Haltung dazu kennenlernen wollte und dass dies große Verlegenheit hervorrufen würde. Einige Redner meldeten sich krank, weil sie nicht Dinge sagen wollten, die die Parteiführung ärgern könnte, aber auch das Publikum nicht verärgern wollten.
Ich war einer der Redner und in der Mitte der Veranstaltung erhielt ich von einer Gruppe Studenten schriftlich die Frage: «Wir bitten Professor Goldstücker, uns seine Meinung zur Rede von Chruschtschow über Fragen der Kultur zu sagen.» Die Studenten, vielleicht meine eigenen, bewiesen mir damit ihr Vertrauen und ich hatte keinerlei Absicht sie zu enttäuschen. Ich sagte, ich würde den Genossen Chruschtschow sehr schätzen und müsse ihm in vielerlei Hinsicht wegen seiner politischen Initiative auf dem XX.Parteitag der KPdSU dankbar sein, sie hätte mir sicherlich das Leben gerettet. Doch könne mich das nicht bewegen, mich mit seinen Vorstellungen über Fragen der Kultur einverstanden zu erklären. Ich erhielt einen langen Applaus und seitdem, glaube ich, galt ich in der Tschechoslowakei als jemand, der die Wahrheit sagte. Es war das erste Mal seit 15 Jahren, dass jemand in der Öffentlichkeit eine den Führern der UdSSR entgegengesetzte Meinung äußerte.
Dieser Schriftstellerkongress war einzigartig in der Kulturgeschichte der Menschheit. Denn bei dieser Gelegenheit baten die Intellektuellen das Regime offiziell… um die Einführung der Zensur. Offiziell gab es sie in der Tschechoslowakei nicht. Dennoch musste jedes geschriebene Wort, gleich welcher Fachrichtung, die Prüfung eines staatlichen Zensors passieren. Sogar im Redaktionsgebäude der Parteizeitung Rudé právo, gab es ein Zensurbüro, das es offiziell nicht gab – das war eine unhaltbare Situation. Die Zensur fand auf der Basis von Direktiven der Sicherheitsorgane der Partei statt, die niemand kannte und die sich auch ständig änderten.

In dieser Situation fand also am 27. und 28.Mai 1963 unsere internationale Kafka-Konferenz statt. An ihr nahmen auch Vertreter aus der DDR statt. Sie vertraten den Standpunkt, die Qualitäten Kafkas als Künstler und Schriftsteller seien anzuerkennen, aber sein Werk spiegele die gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus, vor allem die Entfremdung des Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft wider. Dies habe aber nichts zu tun mit den Verhältnissen in der neuen Gesellschaft, im Prozess des Aufbaus des Sozialismus. Sie begriffen Kafka als «ein Problem der Vergangenheit».
Die Mehrzahl der Redner vertrat einen genau entgegengesetzten Standpunkt. Sie argumentierten, die Machtübernahme allein durch die Kommunistische Partei sei noch keine Garantie dafür, dass sich das Problem der Entfremdung automatisch löse. In der Übergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus sei die Entfremdung als gesellschaftliches Problem weiterhin sehr präsent. Ich behauptete sogar, auf der Basis eigener Erfahrungen, es könne durchaus Situationen geben, wo ein Bürger sich in einer sozialistischen Gesellschaft entfremdeter fühlte als in einer kapitalistischen. Das wurde natürlich als Kriegs­erklärung aufgefasst…
* Der tschechische Literaturhistoriker und Schriftsteller Eduard Goldstücker (1913–2000) hat mehrere Bücher über deutschsprachige Schriftsteller aus Böhmen und Mähren geschrieben. Das Interview mit Goldstücker wurde 1981 in dem Buch «Da Praga a Danzica» veröffentlicht, das im Verlag der italienischen KP, Editori Riuniti, erschienen ist.


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