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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2010 |

Organisierung entlang der Wertschöpfungskette

Ein Ausweg aus der Krise der Arbeiterbewegung
von Ingo Schmidt

Das waren noch Zeiten, damals im Wirtschaftswunder: erst im Personalbüro den Arbeitsvertrag unterschreiben, dann im Betriebsratsbüro den Aufnahmeantrag für die Gewerkschaft abholen. Der Chef war immer noch Chef, aber wenigstens an die Leine gewerkschaftlicher Gegenmacht gelegt.

Dank Flächentarifvertrag und Kopplung von Sozialleistungen an den Arbeitslohn konnten auch Beschäftigte in organisationsschwachen Betrieben, Rentner und Arbeitslose an den Lohnerhöhungen teilhaben, die von Gewerkschaften in den Kernindustrien der Wirtschaft ausgehandelt wurden.

Mit der Wirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre sollte sich das grundlegend ändern. Wegen der verschärften Konkurrenz auf den Absatzmärkten riefen die Unternehmer nach einer Senkung der Lohnkosten. Massenarbeitslosigkeit und Entlassungsdrohungen erwiesen sich als eine wirksame Peitsche, um die Reallöhne langfristig zu drücken.

Doch sie reichte nicht: Solange Belegschaftsvertreter in einzelnen Unternehmen gute Ergebnisse erzielten, die auf andere Firmen übertragen wurden, konnten gewerkschaftliche Forderungen immer noch flächendeckend durchgesetzt werden. Deshalb gingen die Unternehmer dazu über, einzelne Fertigungsabschnitte in schlecht oder gar nicht organisierte Betriebe auszulagern, und höhlten damit die betriebliche Verankerung der Gewerkschaften aus. Die innerbetriebliche Solidarität wurde durch die Einführung miteinander konkurrierender Einheiten, so genannter Profit Center, zersetzt.

Die gesetzlich geförderte Ausweitung befristeter Arbeitsverhältnisse, die Einschränkung von Gewerkschaftsrechten und die Kürzung von Sozialleistungen taten ein Übriges zur Schwächung der Gewerkschaften.

Die Restrukturierung des Kapitals…
Das Unternehmerlager scharte sich in den 70er Jahren um einen neuen Konsens: Inflationsbekämpfung, Haushaltskonsolidierung und betriebliche Umstrukturierung waren die Waffen, mit denen der Klassenkampf nunmehr von oben geführt wurde.

Dem hatte die Gewerkschaftslinke nichts entgegenzusetzen. Die Schwäche der Linken führte dazu, dass sich die Gewerkschaftsrechte ganz von Gegenmacht und Gestaltungsansprüchen abwandten. Abhängig Beschäftigte wurden zu modernen Arbeitnehmern ernannt, die weniger an kollektiver Interessenvertretung als an der individuellen Aushandlung ihrer Anliegen interessiert seien. Gewerkschaften könnten sich endlich von einer Konfliktpartei einem Steckenpferd der Gewerkschaftslinken zu Moderatoren und Co-Managern weiterentwickeln.

Über gewerkschaftliche Strategie Co-Management oder Basismobilisierung wird in unzähligen Publikationen und Seminaren gestritten, über die Ziele der einen oder anderen ist sehr viel weniger zu hören. Insofern gilt Lenins Verdikt des «Nurgewerkschaftertums» für die Anhänger beider Strategien, so sehr sie sich ansonsten auch befehden mögen.

Ziellosigkeit ist nicht ihre einzige Gemeinsamkeit. In beiden Strategien spielen Idealtypen eine größere Rolle als die «real existierenden Arbeiter». Was den einen die «moderne Arbeitnehmer», sind den anderen die «kämpferischen Belegschaften». Unterschiede mit Blick auf Ausbildung, Einkommen und Arbeitsbedingungen spielen für diese Idealtypen eine ebenso geringe Rolle wie die Vielfalt an Ideen, Wünschen und Ängste, die reale Arbeiter mit sich herumtragen.

… und notwendige Wiedergewinnung der Arbeiterklasse
Solange sich eine hinreichend große Zahl von Arbeitern von den Gewerkschaften vertreten fühlte, waren diese mobilisierungsfähig. Nach Jahrzehnten der Umstrukturierung ist davon nicht mehr viel übrig geblieben.
Der väterliche Betriebsratskumpel, der die Sache schon mit dem Meister regeln wird, spricht heute kaum noch jemanden an: Entweder läuft der eigene Arbeitsvertrag schneller aus, als der Betriebsrat mit dem Meister kungeln kann, oder es sind beide von den Renditevorgaben und dauernden Umstrukturierungsplänen aus der Chefetage verunsichert. Der Betriebsratskumpel ist damit als «Zement», der Gewerkschaft und Arbeiterklasse zusammenhält, obsolet geworden.

Weder Co-Manager noch Basisaktivist können an seine Stelle treten. Der eine nicht, weil er aussieht, als befände er sich auf dem Karrieresprung in die Personalabteilung; der andere nicht, weil er mehr Zeit mit Vorbereitungstreffen für die nächste Aktion verbringt als mit den Alltagssorgen des Kollegen Karl oder der Kollegin Karla.

Ausgliederungen, Änderungen im betrieblichen Ablauf, Leih- und Zeitarbeit haben zu einer Repräsentationskrise der Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung insgesamt geführt. Zwar sind Arbeiter weiterhin eigensinnige Individuen. Ihr Eigensinn drückt sich jedoch kaum noch, oder nur in höchst verschlüsselter Form, in Klassenbewusstsein aus, eher in einer Vielzahl anderer Identitäten.

Die Überwindung der Krise der Arbeiterbewegung bedarf deshalb mehr als pfiffiger Strategien. Sie bedarf einer Wiedergewinnung und Neudefinition von Arbeiterklasse. Dazu müssen gemeinschaftlich zu erkämpfende Ziele formuliert werden. Und es müssen Organisationsformen gefunden werden, die die Bündelung individueller Kräfte zu einer kollektiven Kraft erlauben. Einzelne müssen sich mit ihren Anliegen in der Organisation aufgehoben fühlen, nicht einem vermeintlich großen Ganzen untergeordnet. Dabei sollte ein Selbstverständigungsprozess in Gang gesetzt werden, auf dessen Grundlage Ziele, Organisationsformen und Strategien diskutiert werden.

Das alte Organisationsprinzip
Zum Zwecke der Mehrwertproduktion schafft der Kapitalist den Gesamtarbeiter. Sobald dieser sich als Klasse zu organisieren beginnt und Produktion sowie Aneignung von Mehrwert in Frage stellt, reagiert das Kapital mit einem Umbau des Gesamtarbeiters – moderner ausgedrückt: mit der Neuanordnung der Wertschöpfungskette.
Indem einzelne Glieder der Kette der gewerkschaftlichen Repräsentation entzogen werden, kann die Gegenmacht der gesamten Arbeiterbewegung untergraben werden. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass Erneuerungsbestrebungen die Organisation und Kontrolle vollständiger Wertschöpfungsketten zum Ziel haben müssen.

Dazu sind Organisationsmodelle, die aus der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre hervorgegangen sind und mit der Nachkriegsprosperität ihre Blütezeit erlebt haben, nicht geeignet. Das Industrieverbandsprinzip ein Betrieb, eine Gewerkschaft war in jener Zeit wirkungsvoll, weil vertikal hochgradig integrierte Betriebe große Teile einzelner Wertschöpfungsketten abdeckten, und weil die Leitindustrien der Wirtschaft, in denen Lohn- und Beschäftigungsstandards ausgehandelt wurden, halbwegs klar voneinander abgegrenzt waren.
Diese klaren Grenzziehungen erlaubten eine, oftmals mehr implizite als offene, Koordination verschiedener Gewerkschaften und ihrer Tarifpolitik. Die Wertschöpfungsketten der drei Leitsektoren in Westdeutschland Automobil, Chemie, Elektro- und Maschinenbau waren von drei Gewerkschaften organisiert, IG Bergbau, IG Chemie und IG Metall.

Die IG Bergbau ist mittlerweile in der IG Chemie aufgegangen, die nunmehr als IG BCE firmiert, die IG Metall hat eine Reihe kleinerer Gewerkschaften aufgesogen. Welche Industrien diese «Konglomeratgewerkschaften» eigentlich organisieren, wissen sie selbst nicht so genau.
Wie dem auch sei: Die «Zerfledderung» gewerkschaftlicher Organisationsbereiche war eines der Ziele der Unternehmeroffensive seit den 80er Jahren. Das ist gelungen.

Grenzen sprengen
Die Wertschöpfungsketten des heutigen Kapitalismus überschreiten nicht nur die Grenzen gewerkschaftlicher Tarifbereiche, sondern auch sonst alle nur denkbaren Grenzen und spielen an einzelnen Gliedern dieser Kette Arbeiter beiderlei Geschlechts, aller Herren Länder, Hautfarben, religiöser Bekenntnisse und Qualifikationen gegeneinander aus.

Die Organisierung dieser «Multitude» verschiedenster Realtypen von Arbeitern stellt eine Herausforderung an Leitbilder der Vergangenheit dar. Letztere sind ein besonderes Problem, weil solche Leitbilder gerade unter Krisenbedingungen in guter Erinnerung gehalten werden.

Hierin unterscheiden sich Gewerkschaftsfunktionäre kaum von ihren Mitgliedern und Nicht-Organisierten. Mehr noch: Gerade in der Krise ist der Versuch verlockend, sich einen Arbeitsmarktvorteil zulasten der jeweils schwächeren Arbeiter zu verschaffen: Inländer zulasten von Ausländern, Hochqualifizierte zulasten von Unqualifizierten, Männer zulasten von Frauen.

Das ist nicht schön, aber verständlich. Aussichtslos ist es allerdings auch. Ein solches Sich-gegeneinander-ausspielen-Lassen treibt die Mehrwertrate in die Höhe und Arbeiter in Verzweiflung, viele auch in nacktes Elend. Angesichts solcher Aussichten wird das Wagnis einer Neuorientierung von Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung irgendwann zum kleineren Übel, mit dem man es zumindest mal probieren kann.


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