Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Rand Rolf Euler 1. April 2026

An den Rand notiert
von Rolf Euler

»Erschrecken und Erstaunen« – das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele passt wieder genau in die Zeit. Mit Erschrecken stellen wir die Erosion demokratischer Zustände fest, und man muss nicht an Trump denken dabei. Erschrecken gibt es im Bereich der Kultur über die rechte Politisierung und die damit verbundene Drohung mit Kürzung oder Streichung öffentlicher Gelder.

Das jüngste Beispiel – die Entziehung der Buchhandelspreise für drei linke Buchhandlungen durch den Kulturstaatsminister Weimer und die endgültige Streichung des gesamten Preises – ist die Spitze des Eisbergs. Dazu der Aufstand wegen der Rede eines Filmemachers auf der Berlinale zu Palästina, die Entlassungsdrohung gegen die Leiterin Tricia Tuttle – das alles erinnert Regisseur Volker Schlöndorff an die »Bleierne Zeit« vor 50 Jahren.
Aber das Erschrecken – oder noch Erstaunen? – über die amtlichen Politiken führt auch zu Widerstand: Über 3000 Filmschaffende sowie die Europäische und Deutsche Filmakademie protestierten gegen diese Drohung, dazu der Offene Brief von Schlöndorff und Daniel Kehlmann an Weimer.
Auch damals waren Fassbinder und Schlöndorff auf der Berlinale mit dem Film Deutschland im Herbst nach dem Tod der RAF-Häftlinge in Stammheim Angriffen ausgesetzt. Schlöndorff sagt in einem Interview dazu: »Dieser Wirbel gehört dazu, sonst ist es furchtbar langweilig. Denn das, was jetzt geschieht, ist Ausdruck dafür, dass wir am Leben sind, dass der Kopf funktioniert, dass wir uns engagieren…«
Das muss man bei aller Sorge um erneutes politisches Herbstwetter registrieren: Es wachen mehr Menschen auf. Unsere Generation erinnert sich an Die verlorene Ehre der Katharina Blum mit der perfiden Rolle der Bild-Zeitung, wenn Europa unter die Fuchtel der MAGA-Strategen zu geraten scheint. Aber wir registrieren auch, dass zunehmend bürgerschaftliches Engagement unter Druck gerät, weil AfD-Abgeordnete in den kommunalen Parlamenten inzwischen Anträge stellen, aufklärerischen oder linken oder gegen Rechtsextreme gerichteten Gruppen die Gelder zu entziehen. Und damit »anschlussfähig« für die Politik von Teilen der anderen Parteien werden.
Hier zeigt sich, wie sorgsam orchestriert im nachhinein erscheint, dass vor den Bundestagswahlen die CDU/CSU eine Liste von 500 solcher Organisationen zusammengestellt hat mit der Frage, was an öffentlichen Geldern dorthin fließt. Der noch zu schwache Aufschrei dagegen, beispielsweise von den »Omas gegen Rechts«, wird sich hoffentlich verstärken.
Bei allem »Erstaunen« oder »Erschrecken« über Krisen und Kriege ist es immer die Zeit, Kultur, Tanz, Musik, vor allem die der freien Ensembles zu unterstützen, auch zu aktuellen Aufführungen der Ruhrfestspiele zu gehen. Schlöndorff stellt fest, dass es »wieder ein Gefühl gibt, dass das, was in der Welt los ist, auch uns betrifft. So wie damals der Vietnamkrieg die Bundesrepublik aufgemischt hat, sind es jetzt Gaza, die Ukraine und der Iran.« Auch ohne Kulturstaatsminister.

www.ruhrfestspiele.de. – Erinnert sei auch an die Autobiografie von Volker Schlöndorff, „Licht, Schatten und ­Bewegung“, von 2008.

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