Das Känguru kehrt zurück
von Marina Hoffmann
Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion. Berlin: Ullstein, 2026. 288 S., 14,99 Euro
Wer noch nie etwas von Marc-Uwe Kling gehört hat, geht wohl selten in die Buchhandlung und noch seltener ins Internet.
Der erfolgreiche Bestsellerautor beginnt seine Karriere auf den Lesebühnen Berlins. Für die 2005 selbst gegründete Lese-Düne schreibt er einen Text, in dem ein kommunistisches Känguru vorkommt, das beim anarchistischen Autor einzieht.
Das namenlose Beuteltier entwickelt schnell ein Eigenleben und ist wegen seiner nervig-penetranten Art und Stimme (vorgetragen von Kling) sowie seiner kritischen Denkweise beliebt. Deshalb erscheinen 2009 Die Känguru-Chroniken: Ansichten eines vorlauten Beuteltiers – mit riesigem Erfolg.
Die Kategorien verschieben sich: Mein oder dein werden zu bürgerlichen Kategorien, witzig oder nicht witzig sind viel relevanter. Auch ist die Frage nicht mehr links oder rechts – viel eher Anarchismus oder Kommunismus?
Mit dem inzwischen fünften Teil der Roman/Kurzgeschichten-Reihe ändert sich einiges. Es geht um eine Rebellion gegen die Zustände und das ist denkbar einfach: Die beiden gewinnen zwei Leute, die gewinnen wieder zwei und so weiter, sodass die Revolution exponentiell wächst. Und dann? Erstmal einen Podcast starten, um die Reichweite weiter zu steigern.
Wie die Revolution konkret aussieht, verrät uns das Buch nicht. Es geht nur um ein Ändern des Denkens und um ein ganz konkretes Feindbild: rechte Politik.
Die Känguru-Revolution richtet sich nicht mehr an Linke, sondern an ein bürgerliches Publikum, dass vielleicht herzlich über den (teils sehr flachen) Humor lachen kann, aber letztendlich doch keine Änderung befürchten muss. Wer all die Fakten, auf die das Buch wert legt, zumindest in Ausschnitten kennt, kann mit ihnen nicht viel anfangen. An Menschen, denen Fakten egal sind, perlt die Kritik ab. Humor und Kritik wechseln sich ab wie beim Doomscrollen auf Social Media.
In der Politik geht es nicht um wahr oder falsch, sondern um Interessen. Wenn das linke einzige Interesse ist, die AfD zu verhindern, scheitert sie genau wie Merz. Kling macht sich im Buch für ein politisches Bild stark, das er selbst in der eigenen Dystopie hinterfragt: In »Qualityland« gibt es nur noch drei Parteien: Die Qualitätsallianz, die Fortschrittspartei und die Oppositionspartei. Sie wechseln in einem ewigen Tauziehen, um gemeinsam in die falsche Richtung zu steuern.
Wenn der Millionen-Autor bei lesenswert im SWR sich nur »ein kleines Rädchen in der gesellschaftlichen Debatte« nennt, obwohl er ein Millionenpublikum erreicht, was können wir dann sein? Wenn die Känguru-Revolution »im Optimalfall Spaß und was zum Festhalten« bieten soll, klingt das nicht nach einer Kampfansage, sondern nach einer Kapitulation.
Wolfgang M. Schmitt spricht in seinem Podcast »Wohlstand für alle« in bezug auf das Buch zurecht von der Hilflosigkeit und Programmlosigkeit der gesamten linken Bewegung. Sein Podcast-Kollege Ole Nymoen, bekannt als einzige deutsche Stimme gegen den Krieg (zumindest in deutschen Talkshows) merkt an, dass es nicht mehr um Kritik am Kapitalismus geht, sondern viel eher um eine Kritik an Kapitalisten. Das System scheint akzeptiert.
Das Buch sucht den kleinsten gemeinsamen Nenner und findet ihn in AfD, Trump, Merz und Putin. Merz ist der unbeliebteste Kanzler Deutschlands, Putin und Trump sind Mörder und die AfD probt den Faschismus. Um Krieg, Aufrüstung oder aktuelle Völkermorde geht es nicht, obwohl das Buch sich tagesaktuell gibt. Imperialismus kommt überhaupt nicht vor, wobei doch gerade Trump, Putin, Merz und AfD imperialistisch denken. Deutschland verkauft Waffen, Menschen ertrinken im Mittelmeer, Geflüchtete werden abgeschoben – all das spielt keine Rolle.
Wenn ich früher vom Känguru las oder hörte, redete ich mit Freund:innen darüber und fühlte mich weniger allein, aber jetzt, wo wir das Känguru und seine Systemkritik am meisten brauchen, verschwindet es, gliedert sich ein.
Humor ist eine Waffe, aber Humor kann auch verschleiern, wie ernst es wirklich ist. Wenn die Lösung ist, dass wir Menschen zu einer ungeplanten Revolte gegen einzelne böse Akteure zusammensammeln, dann ist nichts gewonnen. Selbst wenn wir alle mit Känguru-Merch herumliefen, würden wir den Mächtigen damit nur zeigen, dass wir uns nicht wehren.
Wir können etwas bewegen, müssen blockieren, fördern, fordern, diskutieren, taktieren und uns umeinander kümmern – gegen das, was das System will: Vereinzelung, Nationalismus, Überforderung und unkritisches Lachen.
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