Nachruf
dokumentiert
›Man muss so handeln als ob es möglich wäre, die Welt radikal zu verändern‹ (Angela Davis)
Zeit ihres Lebens hat unsere Freundin und Genossin Brigitte politisch gekämpft. Trotz oder gerade wegen ihres unmissverständlichen Idealismus war sie auch bei politischen Gegner:innen respektiert und angesehen, bei den Klassenfeinden gefürchtet. Egal ob auf der Straße, auf Podien, in Gerichtssälen oder an Küchentischen – Brigitte hat uns alle beeindruckt und geprägt.
Als junge Schülerin in ihrer schwäbischen Herkunftsstadt Memmingen begann sie sich »1968« zu politisieren. Sie opponierte mit Flugblättern, Büchertischen und Streiks gegen die politischen Zustände. Zu Beginn der 70er Jahre orientierte sie sich als Studentin der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe in der kleinen trotzkistischen Kadergruppe Spartacusbund, später der Kommunistischen Liga.
Für Brigitte war die Organisierung in einer revolutionären und klassenbewussten Gruppe wichtig, um in der Offensive politische Kämpfe zielgerichtet zu führen. 1982 wagte sie mit ihrem kongenialen politischen Partner und Lebensgefährten Wolfram Treiber (1954–2023) den leider erfolglosen Versuch, mit der linkssozialistischen SPD-Abspaltung Demokratische Sozialisten eine sozialistische Partei in der BRD aufzubauen und organisierte(n) eine starke Gruppe in Karlsruhe.
Den politischen Veränderungen 1989/1990 und der darauf folgenden Resignation vieler radikaler Linker beziehungsweise deren Übertritt zu den bürgerlichen Grünen setzte sie ein politisches Projekt, die lokale Sozialistische Linke Karlsruhe, entgegen. Es war der Beginn eines Netzwerks politischer Aktivist:innen aus den Bereichen Antifaschismus, Internationalismus und Feminismus, aus dem in vielen Schritten 2007 das Aufgehen in der Interventionistischen Linken erfolgte.
Ein Hauptpfeiler ihrer politischen Arbeit war der Frauenkampf, er zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Sie war maßgeblich in der feministischen Bewegung in Karlsruhe und bundesweit aktiv, hat angetrieben und mitgestaltet
Ihrem Verständnis und Handeln nach war sie Internationalistin. Dabei hat sie sich nicht nur, aber besonders intensiv mit dem Mittleren Osten beschäftigt, mit den revolutionären Bewegungen der Türkei, Kurdistans, Irak, Iran. Sie reiste dorthin und baute zahlreiche politische Kontakte auf.
In ihrer beruflichen Tätigkeit als Rechtsanwältin wirkte sie unermüdlich für die Rechte von Flüchtlingen und politisch Verfolgten.
Brigitte Kiechle war Autorin von Büchern zum Feminismus wie zum Internationalismus und hat Artikel in der SoZ veröffentlicht.
Anders als ihre politischen Kämpfe konnte sie den Kampf gegen den Krebs nicht gewinnen. Nun wird sie als politische Leitfigur, als Vorkämpferin für politische Freiheit, Gleichheit und für Gerechtigkeit fehlen. Sie hinterlässt eine Lücke. Sie gehört zu den Unersetzlichen.
Ihren Karlsruher Genossinnen und Genossen fehlt jetzt auch eine liebgewonnene Freundin.
Interventionistische Linke Karlsruhe
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