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Aufmacher Klasse 30. April 2026

Tarifrunde Nahverkehr und die Verkehrswende
von Helmut Born und Gerhard Klas

Die Tarifauseinandersetzungen im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) verlaufen in diesem Jahr nach dem bekannten Muster – und markieren zugleich eine neue Dimension gewerkschaftlicher Koordination.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat es geschafft, die Laufzeiten der Tarifverträge in den Landesverbänden zu vereinheitlichen und damit in allen Bundesländern Forderungen aufzustellen. Insgesamt sind rund 100.000 Beschäftigte in etwa 150 kommunalen Verkehrsunternehmen betroffen.
Unter den gegebenen Bedingungen in eine solche Tarifrunde zu gehen bedeutet, sich auf jeder Ebene (Bund, Land, Kommunen) den Sparhaushalten entgegenzustellen. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung aus CDU und SPD seit langem die Parole ausgegeben hat, in Deutschland müsse länger gearbeitet werden. Die Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung und nach längeren Ruhephasen steht diesem Ansinnen entgegen. Und insgesamt geht es um weit mehr als um klassische Tariffragen, nämlich um die Zukunft der Verkehrswende.

Erhebliche Unterschiede
Der aktuelle Stand der Tarifauseinandersetzungen könnte nicht weiter auseinanderklaffen: Während in Mecklenburg-Vorpommern Mitte April nach fünf Verhandlungsrunden eine Einigung erzielt wurde, eskaliert der Konflikt in Bayern weiter. Dort legen Warnstreiks regelmäßig ganze Städte lahm, während die Verhandlungen nur schleppend vorankommen.
Diese Ungleichzeitigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer strukturell zersplitterten Tariflandschaft, die Ver.di in dieser Runde erstmals strategisch zu bündeln versucht hat. Durch die Synchronisierung der Tariflaufzeiten in allen Bundesländern konnte die Gewerkschaft eine bislang selten erreichte Parallelität der Auseinandersetzungen herstellen. Ziel ist es, den Druck auf die kommunalen Arbeitgeberverbände zu erhöhen – mit sichtbarem Erfolg, aber auch deutlichen Grenzen.
Denn die Ausgangsbedingungen unterscheiden sich erheblich. In der Hälfte der Bundesländer stehen ausschließlich Arbeitsbedingungen im Fokus, da die Entgelte an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst gekoppelt sind. In anderen Regionen werden zusätzlich Löhne verhandelt. Diese Heterogenität erschwert nicht nur Vergleiche, sondern begrenzt auch die Durchschlagskraft bundesweiter Strategien.

Grundproblem Personalmangel
Inhaltlich dreht sich die Tarifrunde um ein Kernproblem des ÖPNV: den zunehmenden Personalmangel.
Eine alternde Belegschaft, hohe Fluktuation und die gesundheitlich belastende Schichtarbeit bis spät in die Nacht prägen den Alltag vieler Beschäftigter. Geteilte Dienste, kurze Ruhezeiten und regelmäßige Überstunden sind in vielen Betrieben die Regel. Vor diesem Hintergrund versteht Ver.di die Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, höheren Zuschlägen und besseren Ruhezeiten als notwendige Voraussetzung, um den Beruf überhaupt attraktiv zu halten.
Die Abschlüsse spiegeln diese Priorität wider – allerdings in unterschiedlicher Intensität. In Mecklenburg-Vorpommern wurde eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 38 Stunden vereinbart, flankiert von moderaten Lohnerhöhungen und einer Entlastungsprämie. Die lange Laufzeit bis 2029 zeigt jedoch auch hier die Grenzen des Erreichten.
Deutlich ambitionierter fallen die Ergebnisse in anderen Bundesländern aus. In Nordrhein-Westfalen stand die Arbeitszeitverkürzung im Zentrum: Ab 2027 wird die Wochenarbeitszeit schrittweise gesenkt, bei vollem Lohnausgleich. Das entspricht mehreren zusätzlichen freien Tagen pro Jahr. Auch die tarifliche Festschreibung der elfstündigen Ruhezeit zwischen Schichten gilt als wichtiger Fortschritt.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Berlin, wo ebenso wie in NRW erst nach zähen Verhandlungen und mehreren Streiks ein substanzieller Abschluss gelang. Mehr Urlaubstage, höhere Sonderzahlungen und zusätzliche freie Tage für Nachtarbeitende markieren spürbare Verbesserungen. Besonders relevant ist auch hier die verbindliche Regelung der Ruhezeiten – ein Detail mit großer Wirkung für den Arbeitsalltag.
Demgegenüber wirkt der frühe Abschluss in Baden-Württemberg vergleichsweise schwach. Nach nur einem Streiktag einigte man sich auf moderate Verbesserungen bei Zuschlägen und Ruhezeiten – allerdings mit einer Laufzeit von vier Jahren. Diese lange Bindung wurde innerhalb der Gewerkschaft kritisch gesehen, denn sie erschwert künftige Nachverhandlungen. Leider wurde diese lange Laufzeit zum Modell für viele andere Abschlüsse.
Die lange Laufzeit ist auch Ausdruck der angespannten Haushaltslage der Kommunen, die höhere Personalkosten nur begrenzt tragen können oder wollen.
Gleichzeitig verweist sie auf die politischen Rahmenbedingungen: Ein strikter Sparkurs auf Bundesebene und eine insgesamt zurückhaltende Investitionspolitik im ÖPNV setzen enge Grenzen für tarifliche Verbesserungen.
In Bayern zeigt sich, was passiert, wenn diese Grenzen offensiv herausgefordert werden: Die flächendeckenden Warnstreiks in Städten wie München, Nürnberg oder Augsburg verdeutlichen die Entschlossenheit der Beschäftigten, ihre Forderungen durchzusetzen. Während die Arbeitgeber bislang eine prozentuale Lohnerhöhung anbieten, setzt Ver.di auf einen festen Erhöhungsbetrag sowie eine Reduzierung der Arbeitszeit.

Lange Streiks, gute Ergebnisse
Auffällig ist, dass der Umfang der Streikmaßnahmen offenbar direkten Einfluss auf die Ergebnisse hat.
Dort, wo früh abgeschlossen wurde, bleiben die Verbesserungen begrenzt. Wo hingegen wiederholt und massiv gestreikt wurde, konnten deutlich substanziellere Zugeständnisse erreicht werden. Dieses Muster bestätigt die klassische Logik industrieller Beziehungen – und stellt zugleich die Frage nach der Belastbarkeit der öffentlichen Unterstützung.
Denn anders als in früheren Jahren fehlte der Tarifrunde 2026 ein wichtiger Verbündeter: die Klimabewegung. Die Kooperation mit Fridays for Future hatte in der Vergangenheit dazu beigetragen, die Auseinandersetzungen als Teil einer größeren gesellschaftlichen Transformation zu rahmen. In diesem Jahr bleibt die Tarifrunde weitgehend auf die gewerkschaftliche Sphäre beschränkt. Das schmälert ihre öffentliche Resonanz – und damit indirekt auch den politischen Druck.
Dabei ist der Zusammenhang offensichtlich. Gerade im Verkehr verfehlt Deutschland seit Jahren sämtliche Klimaziele. Und ohne ausreichend Personal im ÖPNV ist eine Wende zum Scheitern verurteilt. Die Tarifrunde 2026 macht diesen Zielkonflikt sichtbar: Zwischen Klimazielen und Haushaltsrealität klafft eine erhebliche Lücke.
Die Frage bleibt aktuell: Wie soll ein wachsender und attraktiver Nahverkehr finanziert werden? Konzepte zur Besteuerung von Vermögen und Erbschaften liegen längst vor, ebenso Vorschläge zum Abbau klimaschädlicher Subventionen, die dann dem Nahverkehr zugute kommen könnten. Aber sie werden von der Bundesregierung ignoriert.
Solange das so bleibt, werden Tarifrunden im ÖPNV mehr sein als bloße Verhandlungen über Arbeitsbedingungen. Sie werden zum Austragungsort eines grundlegenden Konflikts um die Verkehrswende.
Zum Redaktionsschluss lag in etwas mehr als der Hälfte der Bundesländer ein Abschluss vor. Besonders die Auseinandersetzungen in Bayern zeigen, dass der Konflikt noch längst nicht entschieden ist.

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