Über die Verbindung von Klima- und sozialen Bewegungen zur Überwindung des Kapitalismus
Angela Klein im Gespräch mit Johanna Schellhagen
Johanna Schellhagen hat 2011 Labournet TV mitgegründet. Sie dreht, produziert und schneidet Videos und Dokumentarfilme.
Vor vier Jahren präsentierte sie ihren Film Der laute Frühling. In diesem Jahr erschien ihr Buch Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Mit Johanna Schellhagen sprach Angela Klein.
Vor vier Jahren hast du den Film Der laute Frühling herausgebracht. Damals hast du versucht, den inneren Zusammenhang zwischen sozialen Kämpfen und der Umweltkrise aufzuzeigen. Der laute Frühling wurde zweihundertmal öffentlich aufgeführt. Welche Wirkung konnte er entfalten?
Ich weiß das nicht so genau, ich weiß nur, dass ihn ein großer Teil der Klimabewegung rezipiert hat. Vielleicht ist dabei manchen klar geworden, dass es wichtig ist, den Blick weg von den Parlamenten hin zur Sphäre der Produktion zu lenken, das würde mich sehr freuen.
Hast du den Film auch in gewerkschaftsnahen Kontexten gezeigt und wie waren dort die Reaktionen?
Ja, die DGB-Jugend hat den Film öfter gezeigt, die FAU auch. Die Diskussionen waren nicht groß anders als in der Klimabewegung. Ein Zurückweichen davor, dass wir die ganze Bäckerei übernehmen müssen, der Wunsch, es möge bitte ’ne Nummer kleiner gehen, waren schon immer präsent. Klar, bei manchen Klimaaktivist:innen klang durch, dass man sich selber nicht als Arbeiter:in sieht, dass man Arbeiter:innen unterstellt, sie hätten kein Interesse an Veränderungen oder keine Angst vor dem Klimawandel. Das gab es natürlich in gewerkschaftsnahen Zusammenhängen nicht.
Als ich mit dem Film herumgereist bin, war das größte Problem noch die Staatsgläubigkeit von großen Teilen der Klimabewegung, auch der gewerkschaftlich organisierten Zuschauer:innen, das hat sich seitdem deutlich verändert. Das finde ich sehr wichtig, weil es die Perspektive auf eine grundlegende Änderung der Verhältnisse eröffnet.
Dein Handbuch Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen, das im Februar erschienen ist, kritisiert auch die Klimagerechtigkeitsbewegung. An welchen Punkten? Immerhin hatten die Massenaktionen im Hambacher Wald das Ergebnis, dass RWE sich auf ein Kohleausstiegsszenario einlassen musste. So ganz erfolglos waren sie also nicht…
Das stimmt, wir verdanken der Klimabewegung sehr viel, weil sie das Thema auf die Tagesordnung gebracht hat. Die Medien konnten es nicht länger ignorieren. Es ist durchgesickert in die Gesellschaft. Ein Viertel der direkten Aktionen sind erfolgreich in dem Sinne, dass Projekte verhindert werden, man kann also das Engagement und die Opferbereitschaft, das Organisationstalent und den Mut dieser zehntausenden Aktiven nicht genug wertschätzen.
Es geht nicht darum, die Klimabewegung zu kritisieren. Mir geht es darum, dass wir eine große Lösung brauchen, denn solange das Kapitalverhältnis existiert, solange Unternehmen gezwungen sind, Profite zu machen, wird die Zerstörung des Planeten und jeder einzelnen unserer sozialen Errungenschaften weitergehen. Wir müssen also das Kapitalverhältnis aufheben, indem wir uns die Produktion aneignen, und die im Kapitalismus notwendige Konkurrenz und den Profitzwang umgehen, indem wir direkt zusammenarbeiten.
Es geht darum, sich eine solche lokale und globale Zusammenarbeit zunächst vorzustellen und sie dann aufzubauen. Es ist machbar, wir sollten nur langsam unsere Scheuklappen ablegen, Verantwortung übernehmen und uns anschauen, wie es gehen könnte. Dazu mache ich in dem Buch Vorschläge, in unserem neuen Film Jeder Acker, jede Fabrik geht es dann ganz konkret um eine kommunistische, vernünftige Produktionsweise und den Weg dahin.
Es gibt mehrere Dinge, die gelingen müssen, wenn wir eine postkapitalistische Produktionsweise etablieren wollen.
Erstens, die Betriebe müssen übernommen werden. Ok, das ist noch das Einfachste, passiert auch die ganze Zeit, Leute sind fähig sich selber zu organisieren. Dann muss man sich der zu erwartenden Repression durch den Staat erwehren. Ok, auch möglich, wenn es eine echte Massenbeteiligung gibt und wir davon ausgehen, dass die meisten Soldat:innen auch unsere Klassengeschwister sind.
Drittens muss es aber eine Koordination zwischen den Betrieben geben. Sie müssen die Lieferketten, die der Kapitalismus geschaffen hat, aufrechterhalten und sinnvoll umbauen. Das ist schon anspruchsvoll, wenn wir bedenken, dass beispielsweise Intel 16000 Zulieferer hat. Aber nicht unmöglich, zumal wir ja den Großteil der heutigen Produktion weglassen können, weil er überflüssig oder schädlich ist, Stichwort Rüstungsindustrie oder geplante Obsoleszenz.
Viertens, die internen Probleme: Damit die Selbstverwaltung dauerhaft funktioniert und Früchte trägt, damit Leute auch nach einem revolutionären Moment aktiv blieben und sich zuständig fühlen, müssen alle mitreden können. Das rein formale Recht mitzureden reicht aber nicht aus, es muss auch das Wissen im Betrieb und in der Gesellschaft insgesamt verteilt werden, so dass auch alle wissen, wovon die Rede ist, wenn es darum geht, gemeinsam zu entscheiden.
Und das setzt fünftens natürlich wiederum voraus, dass wir in diesen ganzen Kollektiven, Räten und Arbeitskreisen, die wir dann haben werden, Sexismus und Rassismus, Homophobie, Ableismus* und Transfeindlichkeit – diese ganzen Unterdrückungsverhältnisse, die in unsere Körper und unsere Subjektivität eingeschrieben sind, zurückdrängen, um eine Gleichheit aufrechtzuerhalten, die letztlich die Basis einer kommunistischen Produktionsweise ist.
Also: alles sehr anspruchsvoll, aber, ja: machbar.
Wir sollten nur langsam mal anfangen, das alles in den Blick zu nehmen. Millionen haben im Lauf der Geschichte die Vorarbeit dafür geleistet, wir müssen jetzt noch den Rest erledigen, bevor es zu spät ist.
Was müsste deiner Meinung nach von der Klimabewegung anders gemacht werden?
Nichts, ich finde sie macht unglaublich wertvolle Arbeit und bin froh, dass jetzt zum Beispiel die Gasinfrastruktur blockiert wird. Es geht eher darum, diejenigen zu aktivieren, die noch nicht am Start sind und sie dazu zu inspirieren, an ihrem Arbeitsplatz und in ihrem Stadtteil aktiv zu werden, Betriebszellen und kämpferische Zusammenhänge aufzubauen, praktischen Feminismus und Antirassismus durchzusetzen, wo auch immer sie sind…
Die einzigen, die ich in diesem ganzen Feld kritisieren würde, sind Leute, die sagen, es wäre schon zu spät, man könnte nichts mehr tun, »die deutschen Arbeiter« wären ignorant und unwillig etwas zu tun. Beides halte ich für politisch schädlich.
Man kann immer das Schlimmste verhindern und die Barbarei zurückdrängen und Leute, die die Probleme bei den Arbeiter:innen sehen und nicht beim Klassenfeind, haben kein Koordinatensystem um das, was geschieht, sinnvoll einordnen zu können, weil sie nicht sehen, dass wir in einer Klassengesellschaft leben. Dann ist es kein Wunder, dass sie auch keine erfolgversprechenden Strategien entwickeln können.
Wo siehst du heute in Deutschland Ansatzpunkte für Veränderungen?
Ich finde derzeit die Bewegung gegen Rüstungskonversion enorm wichtig, ebenso die geplante Blockade der Gasinfrastruktur. Es gibt aber auch Myriaden von weiteren wichtigen Initiativen – zum Beispiel Leute, die strategisch arbeiten gehen oder revolutionäre Stadtteilarbeit machen; die Initiative #BerlinStehtZusammen, die sich aus #WirFahrenZusammen heraus entwickelt hat; Leute, die sich als Landarbeiter:innen organisieren; Leute, die gegen die Zerschlagung des Sozialstaats kämpfen wie beispielsweise »Gesundheit statt Profite«; Leute, die gegen das Verschwinden legaler Beschäftigungsverhältnisse kämpfen wie das Lieferando Workers’ Collective, der Solidaritätsfonds für Arbeitskämpfe Payday e.V. oder die Initiative Berlin Workers’ Support u.a.
Es ist an der Zeit, dass die Klimabewegung mit diesem ganzen Rest zu einer vereinten revolutionären Bewegung zusammenwächst, die eine klare Strategie entwickelt und umsetzt.
Jetzt arbeitest du an einem neuen Film: Jeder Acker, jede Fabrik – Ideen für eine notwendige Revolution. Kannst du dir vorstellen, damit auch in Betriebe zu gehen?
Klar, Betriebsversammlungen, Streikzelte – das sind die Orte, an denen wir unsere Filme am liebsten zeigen würden. Wir hoffen, dass wir eingeladen werden. Der Film ist übrigens eine Kooperation von Labournet TV mit den Angry Workers, einer kleinen Gruppe in England, die derzeit eine Betriebszeitung in zwei großen Krankenhäusern herausgeben.
*Ableismus bedeutet Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen.
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