Von Paul Michel
Vor 90 Jahren begann der spanische Bürgerkrieg. Wir bringen hier einen Überblick über seine Vorgeschichte. In der nächsten SoZ folgt ein Schwerpunkt zur Bildung der Volksfrontregierung und zum Putsch der Generäle im Juli 1936.
Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war Spanien eines der rückständigsten Länder in Europa. Eine altersschwache Monarchie herrschte über das Land, die wichtigsten Pfeiler ihrer Macht waren die Katholische Kirche und das von Aristokraten dominierte Offizierskorps.
Die Wirtschaft war überwiegend agrarische. Über 70 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Das Land hatte die höchste Geburtenrate, aber auch die höchste Sterberate Europas. Epidemien rafften ganze Landstriche dahin. Der spanische Bauer kannte noch keine anderen Geräte als seine Vorfahren im Mittelalter: Der Hackenpflug war das Hauptgerät des Ackerbaus geblieben. Die Hektarerträge waren die niedrigsten in Europa; über 30 Prozent des anbaufähigen Bodens blieben unbebaut. 1931 betrug die Zahl der Landarbeiter ohne Bodenbesitz rund zwei Millionen.
Die ländliche Oberschicht, die Großgrundbesitzer, schwelgten in ihrem Reichtum. 50.000 Großgrundbesitzer verfügten über die Hälfte der Fläche des spanischen Bodens. Vor allem im Süden, in der Extremadura und in Andalusien, standen wenige adlige Großgrundbesitzer einer großen Zahl recht- und eigentumsloser Landarbeiter gegenüber. Die Mehrheit der Bevölkerung war bettelarm. Tagelöhner und Saisonarbeiter, die „Braceros“ fanden allenfalls fünf Monate im Jahr Arbeit. Die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben.
Dynamik in den Städten
In den Randgebieten des spanischen Staates, in Katalonien und im Baskenkland, setzte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine industrielle Entwicklung ein. Der kommerzielle Kapitalismus und die industrielle Revolution machten dort im 20. Jahrhundert Fortschritte. In Barcelona und seinen Vororten entwickelte sich eine bedeutende Textilindustrie, die die Märkte in Spanien und Lateinamerika bediente. In der baskischen Region Viscaya entwickelte sich dank englischer Investitionen im späten 19. Jahrhundert eine Stahlindustrie sowie der Schiffsbau und Lokomotivenbau.
Die Kirche
Mit ihren 80.000 Geistlichen, Mönchen und Nonnen schien die Kirche unvermittelt noch den Geist des Mittelalters zu atmen. Ihre geistliche und weltliche Macht war beträchtlich. Anfang der 1930er Jahre belief sich ihr landwirtschaftlicher Besitz auf 11.000 Güter im Gesamtwert von 130 Millionen Peseten. Nicht minder bedeutend war ihr städtischer Grundbesitz. Mit ihren Industrie- und Bankbeteiligungen stellte sie einen beträchtlichen Wirtschaftsfaktor in den Banken wie in der Industrie dar; direkt oder durch Strohmänner beherrschte sie so bedeutende Unternehmen wie die Bank Urquija, die Kupferbergwerge des Rif-Gebirges, die Nord-Eisenbahn und die Compania Transmediterranea (Küstenschifffahrt). Unter der Monarchie hatte die Kirche das Schulwesen in der Hand.
Die Armee
Eine weitere Säule der spanischen Gesellschaft war die Armee. Inmitten des allgemeinen Zerfalls war das Offizierskorps ein Refugium für die Söhne der herrschenden Klassen. In der Armee war der deswegen der Anteil der Offiziere in Verhältnis zu den Mannschaften unvergleichlich hoch. Auf etwas über 100 normale Soldaten kam ein Offizier.Unter der Monarchie gab es 15.000 Offiziere gegeben, darunter 800 Generäle. Die überwältigende Mehrheit des Offizierskorps und die Gesamtheit der obersten Truppenführer stellten enragierte Monarchisten, Anhänger der Oligarchie, Widersacher jeglichen Fortschritts, Todfeinde der Revolution.
Konstitutionelle Monarchie
Das Spanien von 1900, das an der Schwelle zur Industrialisierung stand, nahm die Regierung die Form einer konstitutionellen Monarchie an – eine konstitutionelle Monarchie allerdings nicht in dem Sinne wie in England, wo der König eine weitgehend symbolische Rolle spielte. In der spanischen Variante der konstitutionellen Monarchie hatte der König große Machtbefugnisse. Er konnte ohne Absprache mit der Cortez (Parlament) den Premierminister ernennen oder absetzen. Die Mehrheit in der Cortez war in der Regel Ergebnis von manipulierten Wahlen. Immerhin gewährte das spanische politische System Redefreiheit in der Cortez und ein großes Maß an Rede- und Pressefreiheit im ganzen Land. Insofern war die Regierung lebhafter öffentlicher Kritik ausgesetzt.
Klassenkämpfe
In dem Land, das von sehr großen sozialen Gegensätzen geprägt war, entluden sich die Spannungen auf dem Land wie auch in den Städten immer wieder in Streiks oder gewaltsamen Aufständen, die die Krone von der bewaffneten Polizei, der Guardia Civil, und dem Militär niederschlagen ließ. In diesen Auseinandersetzungen wurden die CNT, eine anarchistische Gewerkschaft, zu einer der stärksten politischen Kräfte, eine Entwicklung, die unter den industriellen Zentren Europas einzigartig war.
Von der Diktatur Primo de Rivera
Weil es ihr an Unterstützung von Seiten der Besitzenden fehlte, suchte die Monarchie immer wieder die Unterstützung des Militärs. Im Jahr 1923 übernahm General Miguel Primo de Rivera die Macht und errichtete eine Militärdiktatur. Aber Primo de Rivera gelang es nicht, die anschwellenden sozialen Kräfte der Landarbeiter und des städtischen Proletariats unter Kontrolle zu bringen.
Mit der großen Weltwirtschaftskrise von 1929 stürzte auch Spanien in eine tiefe wirtschaftliche Krise. Die herrschenden Kreise waren der Auffassung, dass sie mit roher Gewalt allein die wachsende Wut in der Bevölkerung nicht in den Griff bekommen würden. 1930 wurde Primo de Rivera zum Rücktritt genötigt. König Alfons XIII. rief demokratische Wahlen aus und leitete damit den Übergang zur Zweiten Republik ein. Bei den Kommunalwahlen vom 12.April 1931 setzten sich mit überwältigender Mehrheit republikanische Parteien durch, woraufhin sich der König wenige Tage später zum Abdanken gezwungen sah und das Land verließ. Bei den Wahlen zum Parlament, dem Cortes, am 28.Juni 1931 bekamen die republikanischen Kräfte eine deutliche Mehrheit.
…zur Republik
Die Hauptkräfte der republikanischen Regierung der Zweiten Republik unter der Führung von Manuel Azaña waren Parteien der unteren Mittelklassen, die in Opposition zur Monarchie standen, aber voll und ganz der Verteidigung des spanischen Kapitalismus verschrieben waren: die nationalistischen Parteien in Katalonien und im Baskenland und die sozialdemokratische PSOE.
Letztere war gespalten in einen großen rechten Flügel, der für eine schrittweise Reform des Kapitalismus eintrat, und in einen großen linken Flügel, der offen von der Notwendigkeit einer Revolution sprach. Abseits der republikanischen Regierung gab es die mächtige anarchosyndikalistische CNT. Sie vertrat vehement die Notwendigkeit eines Umsturzes und sprach sich gegen jegliche Beteiligung an Wahlen aus.
Wichtige Aufgaben, die die neue Regierung angehen musste, waren die Trennung von Kirche und Staat (insbesondere die Brechung der kirchlichen Kontrolle über das Erziehungswesen), die Verringerung des Militärhaushalts und die Verkleinerung des aufgeblähten Offiziersapparats sowie eine Lösung für die Autonomieforderungen aus dem Baskenland und aus Katalonien.
Das dringlichste Problem war aber eine Landreform. Die Landarbeiter forderten die Beschlagnahmung der großen Güter und die Umverteilung des Bodens. Die Regierung versprach zwar Reformen, zögerte aber deren Umsetzung hinaus. An der Lebenssituation der armen Bevölkerungsmehrheit änderte sich kaum etwas zum Besseren. Im Gegenteil. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nahmen sogar noch stark zu.
Da durch die Einführung der parlamentarischen Demokratie aber Erwartungen geweckt worden waren und die unmittelbare Repression im Vergleich zu den der Rivera-Jahre etwas nachließ, entfalteten sich, vor allem unter Führung der Anarchisten, die Klassenkämpfe. Maßnahmen wie die Verringerung des Militärhaushalts und die Verkleinerung des Offizierskorps verstärkten die Unzufriedenheit im traditionell extrem konservativen Militär. Im August 1932 wurde zum ersten Mal ein – erfolgloser – Putsch zum Sturz der Republik unternommen; beteiligt waren die meisten Anführer der späteren Rebellion vom Juli 1936.
Weil Landarbeiter und Industriearbeiter mit dem schleppenden Verlauf der Reformen nicht einverstanden waren, kam es zu zahlreichen Streiks. In diesen Konflikten entschied sich die Koalition aus Republikanern und PSOE für die alten Eliten und gegen die Arbeiterbewegung. Häufig gingen Polizei, die Guardia Civil, und Militär brutal gegen die Arbeiter vor.
Im Januar 1933 erhoben sich die Anarchisten in der kleinen Ortschaft Casas Viejas, besetzten das Land und riefen die freie libertäre Gesellschaft aus. Die Regierung befahl dem Militär sofort, die Ordnung wiederherzustellen. Bei den Kämpfen tötete das Militär zwölf Menschen, einige verbrannte es bei lebendigem Leibe. Bilder des Massakers an den Landarbeitern, die lediglich mit Beilen und Sensen bewaffnet von Soldaten mit Gewehren und Kanonen niedergemacht wurden, empörten die Öffentlichkeit und trugen maßgeblich zum Ende der Regierung Azaña bei.
Die Aufstände forderten von den Anarchisten einen hohen Blutzoll. Tausende von Gewerkschaftsaktivisten wurden verhaftet und die Welle der Aufstände beendet. So waren die Anarchisten auf dem Rückzug, während die PSOE wegen ihrer Rolle in der republikanischen Regierung völlig diskreditiert war. Weil es keine Alternative auf der Linken gab, konnte die Rechte Oberhand zu gewinnen. Die Regierung Azaña kam politisch immer mehr in Bedrängnis und trat schließlich zurück. Bei den Wahlen vom 19.November 1933 erzielte die Rechte einen überwältigenden Sieg und leitete damit das «Bienio Negro», die zwei schwarzen Jahre ein.
Von den „schwarzen Jahren“ zur Volksfront
Als sich die wichtigsten Organisationen der Bourgeoisie von der liberalen Reformpolitik abwandten, wurden im November 1933 vorgezogene Neuwahlen abgehalten. Die rechten Parteien waren klare Wahlsieger, die Sozialisten wurden stark reduziert;
Die neue Regierung war eine Minderheitsregierung unter Führung von Alejandro Lerroux von der Radikal-Republikanischen Partei (PRR). Sie hielt sich dank der Tolerierung durch die stärkste Fraktion in den Cortes, die CEDA, einem Zusammenschluss von Industriellen, Monarchisten und Bewunderern von Hitler und Dollfuss unter der Führung von José Maria Gil Robles. Sie ging sofort daran, alle von ihrer Vorgängerin erlassenen fortschrittlichen Gesetze wieder rückgängig zu machen.
Dadurch kam es zu außerordentlich harten, langdauernden, breit getragenen Klassenkämpfen. Im Juni 1934 gab es den größten Landarbeiterstreik in der Geschichte Spaniens, gegen den mit heftiger Repression vorgegangen wurde. In Asturien, an der nördlichen Atlantikküste, eskalierten die Kampfaktionen der Bergarbeiter im Oktober 1934 zum bewaffneten Aufstand. Gemeinsame Milizen der sozialdemokratischen UGT und der CNT griffen die Baracken der Guardia Civil an und entwaffneten sie.
Bergleute marschierten auf die Hauptstadt Oviedo zu und befreiten die an der Wegstrecke liegenden Städte. Als sie die Kontrolle über die Städte hatten, verteilten sie das Land an die Bauern und Brachten Bergwerke und Fabriken unter ihre Kontrolle. Schließlich nahm eine bewaffnete Kolonne von 8.000 Bergleuten die Hauptstadt Oviedo ein. 15 Tage hielten die Bergleute den nun folgenden Angriffen der Armee und der Fremdenlegion unter dem Kommando von General Franco stand. Dem anschließenden Massaker fielen 3.000 Menschen zum Opfer, Tausende kamen ins Gefängnis.
Für Lerrouxs Rechtskoalition war die Rebellion in Asturien der Anfang vom Ende. Im bürgerlichen Spektrum wurde das brutale Vorgehen Francos scharf verurteilt. Auch innerhalb der CEDA kam es zum Streit über die Härte der Vergeltungsmaßnahmen. Korruptionsskandale taten ein übriges, sodass die Rechte im Laufe des Jahres 1935 vollkommen diskreditiert ware. Im Januar 1936 löste Staatspräsident Zamora die Cortes auf und schrieb Neuwahlen aus.
In der Zwischenzeit war die Kampfbereitschaft der Arbeiter und Bauern wieder gestiegen und mit ihr der Ruf nach Einheit. Im Januar 1936 bildete sich eine Volksfront aus der Republikanischen Linken mit verschiedenen Arbeiterparteien als Wahlbündnis. Die Anarchisten waren nicht beteiligt, aber zum ersten Mal in ihrer Geschichte riefen sie ihre Anhängerschaft nicht zum Wahlboykott auf.
Bei den Wahlen vom 16.Februar 1936 erzielte die Linke einen durchschlagenden Erfolg, allerdings eher nach Mandaten als nach Stimmen. Die rechte «Nationale Front» erhielt 3,8 Mio. Stimmen und 132 Mandate, die linke «Volksfront» 4,3 Mio. Stimmen und 267 Mandate.
Schon bald darauf putschten die Generäle. Mehr dazu in der nächsten SoZ auf den Themen Seiten.
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