Rufer zwischen den Fronten
von Leo Gabriel
Es gibt wohl wenige Autor:innen, die den Mut haben, auf den verschiedensten Ebenen ihre scharfsinnige Kritik an der bestehenden Weltordnung derart voranzutreiben, dass fast jeder Satz zu einem Appell wird, die Dinge zu verändern. Ein solcher Mensch war der Schweizer Sozialwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist Jean Ziegler, der am 10.Juni 2026 in seiner Heimatstadt Genf im Alter von 92 Jahren nach langer, schwerer Krankheit verstorben ist.
Ob es sich um die schmutzigen Geschäfte der Bankenlobby, die Hungersnöte der Eingeborenen in Afrika oder die Aufstandsbekämpfung in Lateinamerika handelte: Jean Ziegler war immer vor Ort, um das an ihn herangetragene Wissen mit seiner akademisch geschulten Intuition aufzufangen und weiterzuverbreiten.
Aufgewachsen in einem bürgerlich-konservativen Umfeld, entwickelte er früh eine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Machtstrukturen. Prägend für seinen politischen Weg waren seine Jahre in Paris, wo er mit den französischen Denkern Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir in Kontakt kam und sich zunehmend für antikoloniale Bewegungen und soziale Gerechtigkeit engagierte.
Wie für viele andere und auch mich wurde das Jahr 1968 mit seinen Studenten- und Arbeiterbewegungen in ganz Europa und Lateinamerika zu einer »Sternstunde der Menschheit«. Oft erzählte er die Anekdote, wie er einmal in Genf Ernesto »Che« Guevara als Chauffeur begleitete und ihn fragte, wie er sich einer der lateinamerikanischen Revolutionsbewegungen anschließen könne und ihm dieser mit Blick auf das Schweizer Bankenimperium antwortete: »Dein Platz für dich ist hier, im Bauch des Monsters, das wir alle bekämpfen.«
Gesagt, getan. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften und Soziologie an den Universitäten Bern und Genf sowie an der Sorbonne in Paris begann Ziegler eine akademische Laufbahn. Er wurde Professor für Soziologie an der Universität Genf und lehrte später auch an der Sorbonne. Doch seine wissenschaftliche Arbeit blieb nie auf den Hörsaal beschränkt: Ziegler verstand, wie er sagte, die Soziologie als Werkzeug, um politische und wirtschaftliche Ungleichheit sichtbar zu machen.
Bereits in den 70er Jahren engagierte er sich zunehmend politisch. Für die Sozialdemokratische Partei der Schweiz zog er in den Nationalrat ein und blieb dort mit Unterbrechungen bis 1999. Im Parlament wurde er zu einer scharfen Stimme gegen Kolonialismus, Bankenmacht und globale Ungleichheit. Besonders die Rolle der Schweiz im internationalen Finanzsystem kritisierte er immer wieder. Seine Bücher wie Die Schweiz wäscht weißer, Die neuen Herrscher der Welt, Das Imperium der Schande, Der Hass auf den Westen usw. machten ihn zwar weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, brachten ihm aber auch eine Flut von Klagen ein, die ihn Zeit seines Lebens ökonomisch auf ein Existenzminimum reduzierte.
Ernte eines ereignisreichen Lebens
International berühmt wurde Ziegler durch seine Arbeit bei den Vereinten Nationen. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In dieser Funktion untersuchte er Hunger, Armut und die politischen Ursachen von Ernährungskrisen. Später gehörte er dem Beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrats an und setzte seine Arbeit für die ökonomischen und sozialen Menschenrechte fort.
Ziegler war ein Meister der zugespitzten politischen Sprache. Mit Begriffen wie der »kannibalischen Weltordnung« prangerte er ein Wirtschaftssystem an, das den Reichtum bei einigen wenigen konzentriert und Millionen Menschen ausschließt. Seine Gegner warfen ihm ideologische Einseitigkeit vor; seine Anhänger sahen in ihm einen mutigen Kämpfer gegen die Macht der Konzerne und Finanzeliten.
Trotz dieser Kassandra-Rufe war Ziegler für uns alle, die wir das Privileg hatten, ihn persönlich zu kennen, ein bescheidener und optimistischer Mensch. Er sah dabei den Ausweg aus den multidimensionalen Krisen, die derzeit die Welt bewegen, weniger im Aufbau einer zentralistisch organisierten Kraft, sondern in den facettenreichen zivilgesellschaftlichen Bewegungen, die die nötige Kraft und Entschlossenheit haben, Sand ins Getriebe der Höllenmaschine zu streuen, die die Polarisierung vorantreibt.
Deshalb setzte er auch große Hoffnung in die lokalen, nationalen und internationalen Sozialforen, die er oft besuchte und für ein wirksames Instrument zur Durchsetzung der Anliegen der Menschen im Globalen Süden hielt.
Bis ins hohe Alter blieb Jean Ziegler publizistisch aktiv. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, hielt Vorträge und mischte sich in internationale Debatten über Globalisierung, Klimakrise, Hunger und Menschenrechte ein. Sein Lebenswerk war geprägt von der Überzeugung, dass politische Entscheidungen menschliches Leid verringern könnten – und dass Gleichgültigkeit gegenüber Ungerechtigkeit eine moralische Verantwortungslosigkeit sei.
Jean Ziegler, du wirst uns sehr fehlen!
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