Zur Person 27. August 2026

Wilhelm Liebknecht und seine Lebensgefährtinnen
von Gisela Notz

Wilhelm Liebknecht (1826–1900) wäre am 19.März 2026 200 Jahre alt geworden. Er wurde in Gießen geboren. Liebknecht war neben August Bebel (1840–1913) eine der wichtigsten Personen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und 1869 einer der Gründerväter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, einer Vorläuferin der SPD.

Angesichts des Geburtstags stellte der DGB Hessen die Frage, ob Liebknecht nicht auch eine Lebensgefährtin hatte, mit der er sein bewegtes Leben überstehen konnte. Tatsächlich gibt es über die Frauen in der frühen Arbeiterbewegung generell wenig Literatur, aber noch weniger über diejenigen, die hinter den Persönlichkeiten der sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen, anarchistischen Arbeiterbewegung gestanden haben. Viele von ihnen waren weit mehr als die (Ehe-)Frauen der berühmten Männer, obwohl sie entscheidenden Anteil am Aufstieg der Arbeiterbewegung hatten.
Ernestine Liebknecht (1832–1867), die 13 Jahre lang Wilhelms Schicksal teilte und im Alter von 35 Jahren an Tuberkulose starb, und Natalie Liebknecht (1835–1909), die mit Wilhelm mehr als drei weitere Jahrzehnte voller Kämpfe und Verfolgungen durchlebte, in denen sie nicht nur die beiden verwaisten Töchter, sondern auch fünf gemeinsame Söhne durchbringen musste, gehörten dazu. Wer waren die beiden Frauen?

Ernestine Landolt
Etwa im Oktober 1848 lernte Ernestine Landolt, die im August 16 Jahre alt geworden war, im Gefängnis, wo sie dem Vater bei der Essensausgabe half, einen jungen gefangenen Rebellen kennen. Er war 22 Jahre alt und war schon in Berlin, Leipzig, Zürich und Paris gewesen, hatte an mehreren Universitäten studiert und zwei Handwerkslehren absolviert. Die beiden fanden Gefallen aneinander. Offensichtlich gelang es ihnen trotz Gitter und Mauern, sich näher zu kommen.
Der Rebell war Wilhelm Liebknecht, der im September 1848 an dem republikanischen Aufstandsversuch in Baden teilgenommen hatte und nach dessen Niederschlagung verhaftet wurde. Mitte Mai 1849 endete sein Prozess mit Freispruch. Ernestine blieb die nächsten fünf Jahre allein, nachdem er das Gefängnis und die Stadt Freiburg verlassen hatte. Am 4.Oktober 1850 starb ihr Vater, die Mutter lebte mit den sechs Kindern, die sie noch zu versorgen hatte, in Armut.

Die Jahre mit Wilhelm Liebknecht
Im August 1854 kam Ernestine nach Liebknechts eindringlichem Drängen nach London, wo Wilhelm nun lebte. Das Hangen und Bangen (Liebst Du mich wirklich?) hatte ein Ende. Und auch die Vorwürfe ihrer Mutter gegen den »Gottlosen«, der mit Religion nichts im Sinn hatte.
In London lernte sie Jenny (1814–1881) und Karl Marx (1818–1883) und deren Töchter Jenny (1844–1883), Laura (1845-1911) und Eleanor/Tussy (1855–1898) kennen. Es entstand ein enges freundschaftliches Verhältnis, vor allem zwischen den Frauen und deren Freundinnenkreis, das ihr über manche finanzielle und emotionale Notlage hinweghalf. Am 17.September 1854 fand die Hochzeit mit Liebknecht in der St.Patricks-Kapelle nach römisch-katholischem Ritus statt. »Kirchlich und bürgerlich«, wie Karl Marx in einem Brief an Friedrich Engels (1820–1895) bemerkte. Am 2.April 1856 wurde Ernestines erstes Kind Richard geboren, das bereits drei Monate später an einem Stimmritzenkrampf starb. Nun setzte sie ihre Hoffnung auf Alice Emily, die am 26.November 1857 geboren wurde.
Zu heftigen brieflichen Auseinandersetzungen zwischen ihr und Liebknecht kam es, als Ernestine im Juli 1858 eine Reise in ihre Herkunftsstadt Freiburg antrat, um ihre angegriffene Gesundheit zu stabilisieren. Ihre Mutter wollte sie überreden, mit dem Kind ein ganzes Jahr zu bleiben. Auf Drängen Liebknechts kam sie um den 20.Oktober 1858 nach London zurück. Offenbar sah sie das Elend, in dem ihre Freiburger Familie den Existenzkampf führte, und wollte lieber mit ihren Freund:innen in London in der Emigration Entbehrungen, Lasten und Leiden teilen. Aber sie wollte auch mit ihnen um bessere Zeiten kämpfen.
Am 28.Oktober 1863 wurde Ernestines zweite Tochter Gertrud in Berlin geboren, wohin sie Wilhelm gefolgt war. Dort warf sie im Februar 1865 eine Lungentuberkulose aufs Krankenlager. Ihr Leid verstärkte sich, als der Berliner Polizeipräsident am 9.Juli 1865 die Ausweisung von Wilhelm und Ernestine aus Berlin und dem preußischen Staatsgebiet anordnete. Ernestine blieb bis Oktober mit den Kindern in Berlin, bis Wilhelm eine Bleibe in Leipzig gefunden hatte. In dieser Zeit halfen ihr solidarische Freund:innen über die materielle Not hinweg, aber auch sie beherbergte Freundinnen in Notsituationen, das kann man aus den erhalten gebliebenen Briefen lesen.
Nicht nur ihre Krankheit, auch die politische Situation machte ihr zu schaffen. Liebknecht war am 26.September 1866 im Berliner Buchdruckerverein wegen »Bannbruchs« verhaftet und am 19.Oktober zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Als er aus der Haft entlassen wurde, unterstützte ihn Elise Schweichel (1831–1912), die aus Hannover gekommen war, bei der Pflege von Ernestine, bis sie am 29.Mai 1867 starb. Nun war Wilhelm mit den beiden Töchtern Alice und Gertrud allein.

Natalie Reh
Natalie Reh (1835–1909), wurde am 19.Juli 1835 in Darmstadt geboren. Sie musste »wegen Liebknecht« drei Jahrzehnte voller Kämpfe und Verfolgungen durchleiden.
Diesmal war es der Vater, der seine Zustimmung zur Ehe verweigerte. Er hatte mit dem »Radikalen« (Liebknecht) nichts am Hut und fürchtete um die materiell gesicherte Zukunft seiner Tochter. Als er am 31.März 1868 starb, war Natalie frei und im Besitz ihres Vermögens. Doch auch sie wollte, dass Liebknecht eine feste Position hätte, damit sie nach seinem Tod nicht mittellos dastünde. Liebknecht jedoch überzeugte sie, dass sie einen Mann glücklich machen und zwei Kinder dem Elend der Mutterlosigkeit entreißen müsste. Vier Monate nach der ersten Begegnung, am 30.Juli 1868, war die zweite Hochzeit Liebknechts.

An der Seite von Wilhelm Liebknecht
Es fiel Natalie nicht leicht, sich in Leipzig einzufinden, wo sie niemanden kannte. August Bebel, Liebknechts untrennbarer Freund, seit er in Leipzig wohnte, erzählte, dass sich »die Verhältnisse«, die Natalie vorfand, »von rein proletarischen in nichts unterschieden«. Sie kümmerte sich um die beiden Töchter aus der ersten Ehe und später um die fünf gemeinsamen Söhne. Diese Aufgabe hatte sie – wie viele Lebensgefährtinnen berühmter Männer und wie vorher auch Ernestine – mehr oder weniger allein zu bewältigen. Hinzu kam, dass auch sie mit wenig Geld haushalten musste.
»Wenn die sozialdemokratische Partei, die damals noch klein und arm an Geldmitteln war, in jener Zeit die höchsten Anforderungen an den Idealismus ihrer Vorkämpfer stellte, so verlangte sie nicht zuletzt von den Frauen derselben ein fast übermenschliches Maß von Selbstentäußerung und Opferwilligkeit.« So schilderte Minna Kautsky (1837–1912) die Situation.
Kaum zwei Jahre nach der Hochzeit hatten Liebknecht, Bebel und Adolf Hepner (1846–1923) eine fast dreieinhalbmonatige Untersuchungshaft wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat zu überstehen, weil sie die Kriegspolitik gegen Frankreich ablehnten, ein Ende des Krieges forderten und gegen Kriegskredite stimmten. Ihre Verhaftung war für die noch kleine Partei mitten im Kriegstrubel des Winters 1870/71 eine schlimme Zumutung.
Nach Ablauf der zweijährigen Festungshaft 1874 musste Liebknecht 1876 wieder für sechs Monate ins Gefängnis. Wenn er mal nicht in Haft war, war er als Abgeordneter im Reichstag oder zu Vorträgen im In- und Ausland unterwegs. Ab 1878 traf ihn Bismarcks Sozialistengesetz. Ab 1881 bis zum Fall des Gesetzes 1890 wurden er und Bebel aus Leipzig verbannt. Gemeinsam mit Julie Bebel (1843–1910) folgte Natalie den Männern in die Verbannung. Die beiden Frauen hatten es übernommen, die Spendengelder zu verwalten und an die Familien der verfolgten oder inhaftierten Genossen weiterzuleiten. Julie war schon lange Sozialistin, und Natalie war entschlossen, »an der Seite ihres Mannes auszuhalten und mit ihm für eine bessere Existenz zu kämpfen«.
Da sie an Ernestines Kontakte anknüpfen konnte, stand Natalie mit vielen sozialdemokratischen Männern und Frauen aus der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung im Austausch. Regelmäßig besuchte sie nationale und internationale Parteikongresse und war dort gern gesehener Gast.
Nach kurzer, schmerzloser Krankheit starb sie am 1.Februar 1909. Tausende haben die Totenfeier begleitet. »Die Wunden, die der Kampf ihr und den Ihren schlug, trug sie ohne Jammern und Bitterkeit. Sie hat sich um die große Sache des Proletariats wohl verdient gemacht«, schrieb Clara Zetkin in einem Nachruf.

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