Die Zukunft ist Geschichte
Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Berlin: Suhrkamp, 2019. 640 S., 26 Euro
von Paul B. Kleiser
Die besten Bücher über die untergegangene Sowjetunion und die postsowjetischen Erfahrungen stammen von Frauen. Das bekannteste Beispiel ist die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihr Buch Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Oder aber die Bücher der erst 1967 geborenen Masha Gessen, deren neuestes Werk Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor, gerade auf deutsch erschienen ist.
Wider die Mainstream-Politik
Arn Strohmeyer: Wider den Mainstream. Plädoyers gegen Israels Palästina-Politik und den Antisemitismus-Vorwurf als politische Waffe. Herne: Gabriele Schäfer Verlag, 2019. 261 S., 16,90 Euro
von Hermann Dierkes
Der Bremer Journalist Arn Strohmeyer analysiert und kommentiert seit vielen Jahren die politische Entwicklung im Nahen Osten und die völker- und menschenrechtswidrige Unterdrückung der Palästinenser. Dabei bildet das Verhältnis der deutschen Mainstream-Politik zu diesem Komplex den besonderen Schwerpunkt.
Partisanen einer neuen Welt
Eine Geschichte der Linken in der Türkei
von Nihat Özer
Dies ist der Titel eines Buches, das im August 2018 im Verlag Die Buchmacherei erschienen ist. Es behandelt die Geschichte der Linken in der Türkei seit Ende des Osmanischen Reichs bis zur Gegenwart, die hierzulande weitgehend unbekannt ist.
Die «geistig-moralische Wende»…
… und die herrschende Leere im Konservatismus
von Paul B. Kleiser
Thomas Biebricher: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus. Berlin: Matthes & Seitz, 2018. 320 S., 28 Euro
Der Politologe Thomas Biebricher hat ein kluges Buch geschrieben, in dem nicht nur die Entwicklung der CDU seit Helmut Kohl analysiert wird, sondern auch die politischen Diskurse behandelt werden, die im Gefolge von 1968 von konservativer Seite verbreitet wurden. Er zeigt den inzwischen eingetretenen, weitgehenden Substanzverlust dieser politischen Richtung auf. Im Grunde sei nur noch die «schwarze Null» übrig geblieben.
Krimitipp: Andrew Brown: Teuflische Saat
Berlin: btb, 2018. 415 S., 10 Euro
von Udo Bonn
«Mach schon, Lahmarsch», mit dieser spöttischen Aufforderung wird Gabriel Cockburn von seiner Frau zum Weiterlaufen angetrieben. Nicht unbedingt nett, aber noch weniger nett ist ihre Ankündigung, ihn wegen eines anderen Manns verlassen zu wollen.
Anti-Geschichtsbuch: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Novemberrevolution
Klaus Dallmer: Die Meuterei auf der «Deutschland» 1918/19 – Anpassung, Aufbäumen und Untergang der ersten deutschen Arbeiterbewegung. Berlin: Die Buchmacherei, 2018. 320 S., 12 Euro
von Peter Nowak
«Lasst euch nicht verdrießen. Denn wir wissen absolut! Noske, der wird schießen.»
Dieses Spottlied auf einen berüchtigten SPD-Politiker, der für die Massaker an rebellischen Arbeitern nach der Novemberrevolution verantwortlich war, stammt bereits von 1907. Damals schon stand Gustav Noske auf dem rechten Flügel der SPD und war als Reichstagsabgeordneter Experte für Kolonialpolitik und Militärfragen. In dieser Funktion forderte er im Reichstag, Arbeitsplätze auf deutschen Schiffen sollten nur Deutschen vorbehalten sein, und erklärte, im Falle eines Angriffs würde die SPD Deutschland verteidigen. Zur gleichen Zeit, 1907, war Karl Liebknecht unter Anklage des Hochverrats wegen Verfassens antimilitaristischen Schriften zu einer eineinhalbjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden.
Antisemitismus und Israelsolidarität
Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemitismus oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Frankfurt a.M.: Westend, 2018. 255 S., € 20
von Larissa Peiffer-Rüssmann
In Deutschland wird jede Kritik an der israelischen Politik umgehend mit dem Vorwurf des Antisemitismus geahndet. Trotzdem können wir angesichts des Unrechts, das den Palästinensern tagtäglich angetan wird, nicht schweigen und müssen uns gleichzeitig der deutsch-jüdischen Vergangenheit stellen. Moshe Zuckermann greift in seinem Buch die Widersprüche in diesem Konflikt auf und analysiert den Realitätsverlust gegenüber Israel. Er zeigt auf, wie das Gedenken an die Judenverfolgungen im Nationalsozialismus begrifflich instrumentalisiert und eine Auseinandersetzung mit der realen israelischen Politik verhindert wird.
Allgemeiner Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands
16.–20.Dezember 1918 Berlin – Stenografische Berichte. (Hrsg. Dieter Braeg, Ralf Hoffrogge.) Berlin: Die Buchmacherei, 2018. 618 S., 20 Euro
von Reiner Tosstorff
Protokoll des deutschen Rätekongresses
Mitte Dezember 1918, nur sechs Wochen nach dem Sturz des Kaiserreichs und der Proklamation der Republik, trat in Berlin im Abgeordnetenhaus, dem ehemaligen Scheinparlament der preußischen Monarchie, der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte zusammen. Sein Ergebnis ist bekannt: Aufgrund der SPD-Mehrheit wurden Wahlen zur Nationalversammlung binnen vier Wochen zur Ablösung der Räteherrschaft beschlossen. Doch wäre es falsch, daraus einfach zu folgern, die Delegierten hätten nichts anderes als das direkte und unmittelbare Begräbnis der Revolution im Sinne gehabt.
Die Rätedemokratie: Auch 100 Jahre danach noch eine konkrete Utopie
Eine Biografie von Richard Müller
von Reiner Tosstorff
Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution. Berlin: Dietz, 2018. 24,90 Euro
Ralf Hoffrogge zeichnet in seinem neuen Buch das Leben eines der zentralen Akteure der Rätebewegung, Richard Müller, nach.
Gauland und Konsorten
Literatur und Info zum Thema AfD
von Paul B. Kleiser
Olaf Sundermeyer: Gauland. Die Rache des alten Mannes. München: C.H.Beck, 2018. 176 S., € 14,95
Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert. München: Droemer, 2018. 318 S., € 16,99
Alexander Gauland, der 40 Jahre Mitglied der CDU war und unter Ministerpräsident Wallmann, dem Nachfolger von Dregger aus der «Stahlhelmfraktion», in der hessischen Staatskanzlei gearbeitet hat, klammert die verschiedenen Strömungen (einschließlich der Rechtsextremen) in der AfD zusammen.
Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden
Übers. Gudrun Argo u.a. München: Heyne, 2018. 864 S., 15 Euro
von Udo Bonn
Am 3. Dezember 1976 dringen sieben Männer in das schwerbewachte Haus von Bob Marley ein, um ihn zu töten. Nur von zwei Streifschüssen verletzt, hat er mehr Glück als seine Frau und sein Manager. Beide bezahlen das Attentat beinahe mit ihrem Leben.
Keine Frauenliteratur
Tipps für den Gabentisch und das geruhsame Schmökern im Lehnstuhl
von Petra Hartlieb
Auf der Leipziger Buchmesse gibt es seit mehreren Jahren eine Veranstaltung, die nennt sich «Ladies Night». Hier werden unter dem Überbegriff «Frauen» vier Lesungen in einen Abend gepackt, dessen Bücher nichts, aber wirklich nichts Gemeinsames haben, außer dass sie nicht von Männern geschrieben wurden.