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Überleben statt Profit

Über die Notwendigkeit einer ökosozialistischen Ethik
von Michael Löwy

Das Kapital ist eine gewaltige Maschine der Verdinglichung. Seit der Großen Verwandlung, von der Karl Polanyi spricht, d.h. seit die kapitalistische Marktwirtschaft autonom geworden ist, seit sie sich sozusagen «ausgegliedert» hat aus der Gesellschaft, funktioniert sie einzig nach ihren eigenen Gesetzen, den unpersönlichen Gesetzen des Profits und der Akkumulation. Sie setzt ganz einfach, unterstreicht Polanyi, «die Verwandlung der natürlichen und menschlichen Substanz der Gesellschaft in Waren» voraus, dank einer Vorrichtung, des selbstregulierenden Marktes, die unvermeidlich dazu neigt, die «menschlichen Beziehungen zu zerbrechen und … die natürliche Umgebung des Menschen zu vernichten». Es handelt sich um ein erbarmungsloses System, das die Individuen der benachteiligten Schichten «unter das mörderische Rad des Fortschritts … wirft».

Max Weber hatte bereits in bemerkenswerter Weise die «verdinglichte» Logik des Kapitals in seinem großen Werk Wirtschaft und Gesellschaft begriffen: «Die Versachlichung der auf der Basis der Vergesellschaftung des Marktes begründeten Ökonomie folgt absolut ihrer eigenen sachlichen Gesetzlichkeit … Der versachlichte Kosmos des Kapitalismus lässt keinen Raum für eine barmherzige Orientierung…» Weber folgert daraus, dass die kapitalistische Ökonomie strukturell mit ethischen Kriterien unvereinbar ist: «Im Gegensatz zu jeder anderen Herrschaftsform kann die Herrschaft des Kapitals, infolge ihres ‹unpersönlichen Charakters›, nicht ethisch reglementiert werden … Der Wettbewerb, der Markt, der Arbeitsmarkt, der Devisenmarkt, der Nahrungsmittelmarkt, in einem Wort ‹objektive› Erwägungen, die weder ethisch noch antiethisch, sondern einfach nicht-ethisch sind … beherrschen das Verhalten in entscheidendem Maße und führen unpersönliche Instanzen zwischen die betreffenden menschlichen Wesen ein.» In seinem neutralen und nichtengagierten Stil legt Weber den Finger auf das Wesentliche: das Kapital ist aufgrund seines Wesens immanent «nichtethisch».

An der Wurzel dieser Inkompatibilität trifft man auf das Phänomen der Quantifizierung. Inspiriert von dem Geist der rationalen Berechnung, von dem Weber spricht, ist das Kapital eine gewaltige Maschine der Quantifizierung. Es kennt nur die Berechnung von Verlusten und Profiten, den Maßstab der Preise, Kosten und Gewinne. Es unterwirft die Ökonomie, die Gesellschaft und das menschliche Leben der Herrschaft des Tauschwerts der Ware und ihres abstraktesten Ausdrucks, des Geldes. Diese quantitativen Werte kennen weder Recht noch Unrecht, weder Gut noch Böse. Sie lösen die qualitativen Werte auf und zerstören sie, als erstes die ethischen Werte. Zwischen den quantitativen und qualitativen Werten besteht die «Antipathie» im alten, alchemistischen Sinne des Wortes: die mangelnde Verwandtschaft zwischen zwei Substanzen.

Heute hat diese totale – tatsächlich totalitäre – Herrschaft des Marktwerts, des quantitativen Werts, des Geldes ein beispielloses Ausmaß in der Geschichte der Menschheit erreicht. Aber die Logik des Systems hatte ein luzider Kritiker des Kapitalismus bereits 1847 begriffen: «Kam endlich eine Zeit, wo alles, was die Menschen bisher als unveräußerlich betrachtet hatten, Gegenstand des Austausches, des Schachers, veräußert wurde. Es ist dies die Zeit, wo selbst Dinge, die bis dahin mitgeteilt wurden, aber nie ausgetauscht, gegeben, aber nie verkauft, erworben, aber nie gekauft: Tugend, Liebe, Überzeugung, Wissen, Gewissen etc., wo mit einem Wort alles Sache des Handels wurde. Es ist die Zeit der allgemeinen Korruption, der universellen Käuflichkeit oder, um die ökonomische Ausdrucksweise zu gebrauchen, die Zeit, in der jeder Gegenstand, ob physisch oder moralisch, als Handelswert auf den Markt gebracht wird, um auf seinen richtigsten Wert abgeschätzt zu werden.» (Karl Marx: Das Elend der Philosophie.)

Der moderne Sozialismus will die Produktion nicht mehr auf den Kriterien des Marktes und des Kapitals – der «zahlbaren Nachfrage», der Rentabilität, des Profits, der Akkumulation – gründen, sondern auf der Befriedigung sozialer Bedürfnisse, auf dem «Gemeinwohl», der sozialen Gerechtigkeit. Es handelt sich um qualitative Werte, die nicht auf eine merkantile oder monetäre Quantifizierung reduziert werden können. Indem er den Produktivismus eine Absage erteilte, bestand Marx auf der Priorität des Seins der Individuen – der vollen Verwirklichung ihrer menschlichen Potenzen – gegenüber dem Haben, dem Besitz von Gütern. Für ihn war das erste soziale Bedürfnis, das dringlichste, jenes, das die Pforten des «Reichs der Freiheit» öffnete, das der freien Zeit, der Reduzierung des Arbeitstags, der Entfaltung der Individuen durch das Spiel, das Lernen, das künstlerische Schaffen, die Liebe.

Zu diesen sozialen Bedürfnissen gehört eines, das heute eine entscheidendere Bedeutung einnimmt und das Marx in seinem Werk nicht genügend berücksichtigt hat (von einigen isolierten Stellen abgesehen): das Bedürfnis, die natürliche Umwelt zu schützen, das Bedürfnis nach atembarer Luft, trinkbarem Wasser, nach einer Ernährung frei von chemischen Giften oder nuklearer Strahlung. Ein Bedürfnis, das man zunehmend mit dem Gebot des Überlebens der menschlichen Spezies auf diesem Planeten identifiziert, dessen ökologisches Gleichgewicht ernstlich von den katastrophalen Folgen – Treibhauseffekt, Zerstörung der Ozonschicht, nukleare Gefahr – der unbegrenzten Expansion des kapitalistischen Produktivismus bedroht wird.

Der Sozialismus und die Ökologie teilen also die qualitativen sozialen Werte, die nicht mit dem Markt vereinbar sind. Sie teilen auch eine Revolte gegen die «große Verwandlung», gegen die verdinglichte Autonomisierung der Ökonomie in bezug auf die Gesellschaft, und einen Wunsch, die Ökonomie wieder in eine soziale und natürliche Umwelt «einzugliedern». Aber diese Konvergenz ist nur möglich unter der Bedingung, dass die Marxisten ihre traditionelle Konzeption der «Produktivkräfte» einer kritischen Analyse unterwerfen und die Ökologen mit der Illusion einer wahren «Marktwirtschaft» brechen. Diese doppelte Operation ist das Werk einer Strömung, des Ökosozialismus, der die Synthese dieser beiden Methoden bewerkstelligt hat.

Dabei handelt es sich um eine Strömung des ökologischen Denkens und Handelns, die die grundlegenden Errungenschaften des Marxismus integriert und ihn dabei von seinen produktivistischen Schlacken befreit. Eine Strömung, die verstanden hat, dass die Logik des kapitalistischen Marktes und des Profits – ebenso wie die des technisch-bürokratischen Autoritarismus der ehemaligen «Volksdemokratien» – unvereinbar ist mit der Bewahrung der Umwelt. Schließlich eine Strömung, die die Ideologie der herrschenden Strömungen der Arbeiterbewegung kritisiert und doch weiß, dass die Arbeitenden und ihre Organisationen eine wesentliche Kraft für eine radikale Transformation des Systems darstellen. Dieser Ökosozialismus hat sich – ausgehend von den Untersuchungen einiger russischer Pioniere vom Ende des 19. und vom Beginn des 20.Jahrhunderts (Sergej Podolinski, Wladimir Wernadski) – vor allem im Laufe der letzten zwanzig Jahre entwickelt.

 

Wie könnten die wesentlichen Elemente einer ökosozialistischen Ethik aussehen, die sich radikal der zerstörerischen und durch und durch «nichtethischen» Logik der kapitalistischen Rentabilität und des totalen Marktes widersetzt – diesem System der «universellen Käuflichkeit»?

Zunächst handelt es sich um eine soziale Ethik: es ist keine Ethik des individuellen Verhaltens, der es nicht darum geht, bei Personen Schuldgefühle zu wecken, die Askese oder die Selbstbeschränkung zu fördern. Sicherlich ist es wichtig, dass die Individuen dazu erzogen werden, die Umwelt zu respektieren und nichts zu verschwenden, aber in Wirklichkeit geht es um etwas anderes: um die Transformation der kapitalistischen ökonomischen und sozialen Strukturen, um die Errichtung eines neuen Paradigmas von Produktion und Verteilung, das auf der Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse beruht – besonders des elementaren Bedürfnisses, in einer natürlichen, nicht beschädigten Umwelt zu leben. Eine solche Änderung erfordert soziale Akteure, soziale Bewegungen, ökologische Organisationen, politische Parteien – und nicht bloß Individuen mit gutem Willen.

Diese soziale Ethik ist eine humanistische Ethik. In Harmonie mit der Natur zu leben, bedrohte Arten zu schützen, dies sind humane Werte, ebenso wie die Zerstörung von Lebensformen, die das menschliche Leben angreifen (Mikroben, Viren, Parasiten). Die Anopheles-Mücke, Überträgerin des Gelbfiebers, hat nicht dasselbe «Recht zu leben» wie die Kinder der Dritten Welt, die von dieser Krankheit bedroht sind: um letztere zu retten, ist es ethisch legitim, erstere in manchen Regionen auszurotten.

Die ökologische Krise, die das natürliche Gleichgewicht der Umwelt bedroht, gefährdet nicht nur Flora und Fauna, sondern auch und vor allem die Gesundheit, die Lebensbedingungen, das bloße Überleben unserer eigenen Spezies. Es ist also überhaupt nicht erforderlich, einen Krieg gegen den Humanismus oder «Anthropozentrismus» zu führen, um in der Verteidigung der Biodiversität oder bedrohter Tierarten ein ethisches und politisches Erfordernis zu sehen. Der Kampf zur Rettung der Umwelt, der notwendigerweise ein Kampf für eine Änderung der Zivilisation ist, ist ein humanistischer Imperativ, der nicht nur diese oder jene soziale Klasse betrifft, sondern die Gesamtheit der Individuen.

Dieser Imperativ betrifft die künftigen Generationen, die Gefahr laufen, dass ihnen ein Planet hinterlassen wird, der durch die zunehmend unkontrollierbare Akkumulation von Umweltschäden lebensfeindlich geworden ist. Aber der Diskurs, der die ökologische Ethik wesentlich auf diese zukünftige Gefahr begründete, ist heute wohl überholt. Es handelt sich um eine dringendere Frage, die unmittelbar die heutigen Generationen betrifft: die Individuen, die am Beginn des 21.Jahrhunderts leben, kennen bereits die dramatischen Folgen der kapitalistischen Zerstörung und Vergiftung der Biosphäre und laufen Gefahr – und dies betrifft in jedem Fall die junge Generation –, in zwanzig oder dreißig Jahren wirkliche Katastrophen zu erleben.

Es handelt sich auch um eine egalitäre Ethik: die gegenwärtige Produktions- und Konsumtionsweise der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder, die auf einer Logik unbegrenzter Akkumulation (von Kapital, Profiten, Waren) beruht sowie auf der Verschwendung von Ressourcen, einem großtuerischen Konsum, der beschleunigten Zerstörung der Umwelt, kann keinesfalls auf den ganzen Planeten ausgedehnt werden, ohne eine größere ökologische Krise hervorzurufen. Dieses System beruht also notwendigerweise auf der Bewahrung und Verschärfung der schreienden Ungleichheit zwischen Nord und Süd. Das ökosozialistische Projekt zielt auf eine planetare Umverteilung des Reichtums und eine gemeinsame Entwicklung der Ressourcen dank eines neuen Paradigmas der Produktion.

Das sozialethische Erfordernis, die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen, hat nur Sinn in einem Geist der sozialen Gerechtigkeit, Gleichheit (was nicht Homogenisierung bedeutet) und Solidarität. Dazu gehört in letzter Instanz die kollektive Aneignung der Produktionsmittel und die Verteilung der Güter und Dienstleistungen entsprechend dem Prinzip «Jedem nach seinen Bedürfnissen».

Zum Ökosozialismus gehört auch eine demokratische Ethik: solange die ökonomischen Entscheidungen in den Händen einer Oligarchie von Kapitalisten, Bankiers und Technokraten verbleiben – oder in den Händen einer Bürokratie, die jeder demokratischen Kontrolle entzogen ist –, wird man niemals dem teuflischen Zyklus von Produktivismus, Ausbeutung der Arbeitenden und Zerstörung der Umwelt entkommen. Die ökonomische Demokratisierung – die die Sozialisierung der Produktivkräfte einschließt – bedeutet, dass die großen Entscheidungen über Produktion und Verteilung nicht von «den Märkten» oder von einem Politbüro getroffen werden, sondern von der Gesellschaft selbst, nach einer demokratischen und pluralistischen Debatte, bei der verschiedene Vorschläge und Optionen aufeinanderprallen. Sie ist die notwendige Bedingung der Einführung einer anderen sozioökonomischen Logik und eines anderen Verhältnisses zur Natur.

Schließlich ist der Ökosozialismus eine radikale Ethik im etymologischen Sinne des Wortes: eine Ethik, die an die Wurzel des Übels gehen will. Die halbherzigen Maßnahmen und Reformen, die Konferenzen von Rio, der Emissionshandel können nicht zur Lösung beitragen. Notwendig ist ein radikaler Paradigmenwechsel, ein neues Modell von Zivilisation, kurz, eine revolutionäre Veränderung.

Diese Revolution greift die gesellschaftlichen Beziehungen der Produktion an – das Privateigentum, die Arbeitsteilung –, aber auch die Produktivkräfte. Gegen einen gewissen Vulgärmarxismus, der sich auf einige Texte des Gründers stützen kann, ist es nötig, die Struktur des Produktionsprozesses selbst in Frage zu stellen.

Um die berühmte Formel von Marx über den Staat nach der Pariser Kommune zu paraphrasieren: die Arbeitenden, das Volk, können den Produktionsapparat nicht einfach übernehmen und für ihre Zwecke in Gang setzen, sie müssen ihn «zerbrechen» und durch einen anderen ersetzen. Das heißt: eine tiefgreifende Transformation der technischen Struktur der Produktion und der (bisher im wesentlichen fossilen oder nuklearen) Energiequellen, die sie prägen; eine Technologie, die die Umwelt respektiert, und erneuerbare Energien – besonders die Sonnenenergie – stehen im Mittelpunkt des ökosozialistischen Projekts.

Die Utopie eines ökologischen Sozialismus, eines «solaren Kommunismus», bedeutet nicht, dass man jetzt nicht für Sofortziele kämpfen muss, die die Zukunft erahnen lassen und von denselben Werten inspiriert sind:

–?für den öffentlichen Verkehr und gegen die monströsen Auswüchse des individuellen Automobilismus und des Straßenverkehrs;

–?heraus aus der nuklearen Falle und für die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen;

–?für die Einhaltung des Kyoto-Abkommens zum Treibhauseffekt und gegen den Emissionshandel;

–?für eine biologische Landwirtschaft und gegen die Saatgutmultis und ihre gentechnisch manipulierten Organismen.

 

Übersetzung aus dem Französischen: Hans-Günter Mull.


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