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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Von der Nutzung der «Teufelsmaschine»

Werner Seppmanns «Kritik des Computers»
von Anja Lorenz

Werner Seppmann: Kritik des Computers. Der ­Kapitalismus und die ­Digitalisierung des Sozialen. Kassel: Mangroven Verlag, 2017. 300 S., € 16,80

Im 19.Jahrhundert warf das Aufkommen der Dampfmaschine und ihre Verwendung in der Produktion die bisherigen Produktions- und Lebensverhältnisse über den Haufen. Kleine Handwerker gerieten unter Druck und stürzten massenhaft in bittere Armut, der Zunftzwang wurde aufgehoben, die Leibeigenschaft abgeschafft. Das Heer der Mittellosen zog in die Städte und versuchte dort, sich in den neu entstandenen Fabriken zu verdingen oder wurde brutal dazu gezwungen. Dadurch lösten sich die alten Produktions- und Familienverbände auf, die Menschen vereinzelten und vereinsamten. Immer wieder richtete sich die Wut der Verzweifelten gegen die Maschinen, die als Ursache allen Unglücks angesehen wurden.

Später nutzte das Kapital die Dampfmaschine, um Transportwege zu beschleunigen. Dampfloks durchpflügten die Landschaft. Den Zeitgenossen war die neue Technik nicht geheuer. Was geschah mit der Wahrnehmung eines Reisenden, der eine Landschaft, anstelle sie zu durchwandern und gemächlich mit allen Sinnen zu erfahren, ausschließlich bruchstückhaft und distanziert durch ein Zugfenster ansah und mit sagenhaften 30 Kilometern pro Stunde durchquerte? Geisteskrankheiten wurden prognostiziert. Die Dampflok erschien als Teufelszeug.

 

Richtige Kritiken

Leider verhält es sich mit Werner Seppmanns «Kritik des Computers» ähnlich. Man merkt dem Autor – entgegen seiner Beteuerung, er wolle keine Maschinenstürmerei betreiben – seine Aversion gegen PC und Internet an. Sachlichkeit, eine differenzierte Betrachtung des Gegenstands, das Aufmachen linker Handlungsperspektiven und selbst Werner Seppmanns ansonsten große Stärke – die Klassenanalyse – bleiben öfters auf der Strecke. Das ist sehr bedauerlich, denn das Buch enthält durchaus einige interessante und überaus lesenswerte Passagen, die die aktuelle Debatten beflügeln und vertiefen können.

Allen voran zu nennen sind seine Ausführungen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Seppmann entlarvt die These, durch die Industrie 4.0 entfielen 18 Millionen Arbeitsplätze, als Ammenmärchen, mit dem die Unternehmerseite Druck auf Löhne und Gehälter ausübt. Denn die Schauergeschichten von der 18-Millionen-Arbeitslosigkeit lassen die demografische Entwicklung außer acht und vergessen, dass Produkte in der Vergangenheit stets komplexer und obendrein künstlich mit menschlicher Arbeit angereichert wurden. Last but not least schafft die Digitalisierung selbst Arbeitsplätze, die in der Berechnung der Arbeitsplatzverluste gar nicht berücksichtigt werden.

Ein anderes Kapitel des Buches beschäftigt sich mit den zunehmenden Überwachungsmöglichkeiten des Staates und der Privatwirtschaft durch Internet und Digitalisierung. Die Nutzer können einfach ausgespäht, belauscht und ein Profil von ihnen erstellt werden, sie geben ja online Daten, Interessen, ihre Krankengeschichte usw. preis. Der Mensch erhält eine digitale Biografie, die den Ausschlag für die Berücksichtigung einer Bewerbung oder die Aufnahme eines Kredites geben kann.

 

Ein Werkzeug wie andere auch

Eine große Schwäche des Buches liegt in der Aversion des Autors gegenüber den «Rechenmaschinen». Woher seine Abneigung herrührt, wird nicht ausgeführt und lässt sich bestenfalls zwischen den Zeilen herauslesen. Seppmann versteht den PC mutmaßlich als Maschine, die von Militär und Industrie entwickelt wurde, um einerseits die Arbeit zu verdichten, zu entgrenzen und die Produktivität zu steigern, andererseits militärisch-imperialistische Ziele zu verfolgen. Im Aufstieg und in der Ausdehnung des PC in den Privatbereich erblickt Seppmann die neoliberale Durchherrschung der Gesellschaft sowie die Formung des neoliberalen Menschen.

Zwar stimmt es, dass der Rechner ohne wirtschaftliche Überlegungen wohl nie entwickelt worden wäre, stets auch eine militärische Komponenten hatte und das Internet aus den Laboren des US-Militärs stammt. Eine beschleunigte Kommunikation und technische Innovationen zur Steigerung der Produktivität sind jedoch nicht per se abzulehnen oder gar zu verteufeln. Der Heimcomputer war gedacht für technikbegeisterte Bastler, die sich ihre Rechenmaschine nach eigenem Gusto gestalten wollten.

Computer und Internet sind mithin Werkzeuge, die wie alle anderen Werkzeuge auch durchaus unterschiedlich gebraucht werden können – eine Tatsache, die Werner Seppmann leugnet. Warum, bleibt im Dunkeln. Seine Herleitung der Informatik aus der kapitalistischen Produktion und aus imperialistischen Bestrebungen treibt ihn zu einer forciert negativen Sicht auf den Computer und deren Übergeneralisierung. Positive Aspekte werden ausgeklammert oder als Ideologie abgetan. Bedauerlicherweise bilden die solcher Art gewonnenen Erkenntnisse die Stützpfeiler seiner Argumentation und führen ihn zu manchmal schwer nachvollziehbaren oder nur mit Einschränkung gültigen Schlussfolgerungen.

Da wird Programmierern eine technische Rationalität, eine «Maschinenlogik» unterstellt, ein Denken in Nullen und Einsen, ohne jede Form von Kreativität oder Gesellschaftskritik. Nutzer flüchten sich ausschließlich aus Angst vor sozialer Isolation und Einsamkeit in eine virtuelle Welt, wo sie das Gefühl der Selbstbestimmung erfahren, real aber fremdbestimmt, zur Passivität verdammt und kontrolliert werden. Der Computer erscheint als nicht gestaltbare, nicht reformierbare, nicht mehr durchschaubare oder beeinflussbare Maschine, die Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln der Menschen verkümmern und die Kultur verfallen lässt.

Ähnlich verhält es sich nach Seppmann mit der Wissenschaft. Sie werde durch Computer und Internet auf eine reine Ansammlung von Informationen reduziert, ohne Interpretation, Theoriebildung oder Erkenntnisgewinn. Keinesfalls werde durch Internet und PC eine größere Teilhabe aller an Bildung und Wissen ermöglicht, sondern die bestehende Benachteiligung bildungsferner Schichten und der Bevölkerung der Dritten Welt vertieft. Der Computer sei ein Werkzeug der permanenten Lohnsenkung. Längst existiert ein digitales Proletariat an Klickworkern, die ohne die geringste soziale Absicherung zu Niedrigstlöhnen arbeiten. In Arbeitsbörsen im Internet unterbieten sich Handwerker und Arbeiter im Preis ihrer Arbeitskraft.

Die von Seppmann konstatierten sozialen Zumutungen stimmen und sind schlimm für die Betroffenen. Aber gab es nicht ähnliche soziale Verwerfungen bei der Einführung der Dampfmaschine? Und darf man aus der Tätigkeit eines Menschen einfach auf dessen gesellschaftliche Reflexionsfähigkeit schließen? Programmierern mangelnde Fähigkeiten zur Gesellschaftskritik und eine reduzierte Denkungsart vorzuwerfen ist ungefähr so, wie einem Fabrikarbeiter zu unterstellen, er wäre geistig minderbemittelt, weil er Tag für Tag eine monotone Tätigkeit ausführt.

 

Orte der Kritik

Fakt ist, dass die IT-Branche nicht weniger durch ihren Klassencharakter geprägt ist als andere Branchen. Gerade unter Informatikern boomt seit Jahren linkes, gesellschaftskritisches Gedankengut. Leider nimmt Seppmann diese Entwicklung nicht zur Kenntnis, weil sie seinen Grundannahmen widerspricht. Und Programmieren selbst ist – trotz aller Automatisierung auch in diesem Bereich – nach wie vor ein schöpferischer Akt, der nur eben mathematischen Regeln folgt. Genausowenig kann Seppmann zugestimmt werden, wenn er behauptet, das Internet verbreite Informationen ohne Erkenntnisse. Online sind heute die gesamten MEW verfügbar, es finden sich Deutungsansätze und Theorien der verschiedensten Art. Und gerade die Fülle an widersprüchlichen Informationen regt zum Selberdenken und Weiterdenken an.

Im analogen Zeitalter war eine derartige Beschäftigung sehr viel eindeutiger auf Menschen mit Zugang zu Bibliotheken, Geld, Zeit und Bildung (Alphabetisierung!) beschränkt. Von einem Verfall von Kultur kann also nicht im mindesten gesprochen werden, wohl aber davon, dass sich die Bedeutung von Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die menschliche Wahrnehmung verändert. Diese Verschiebungen beschreibt Seppmann mit Spitzer als einen reinen Verlust von intellektuellen Kompetenzen. Dass sich im Gegenzug andere Fähigkeiten verstärkt ausprägen, der Computer also Verlust und Zuwachs gleichermaßen hervorruft, wird nicht erwähnt.

Die Unterstellung, Internetnutzer flüchteten durch ihre Onlinekommunikation vor der Wirklichkeit und der eigenen Angst vor Einsamkeit, lässt sich ebenfalls nicht verifizieren. Sicher, es gibt sie, die einsamen Trolle und Nerds. Zahlreiche Nutzer vertiefen jedoch ihre Kommunikation mit – zuvor real getroffenen – Freundinnen und Freunden durch Diskussionen im Internet und erledigen lästige Reproduktionsaufgaben wie z.B. Einkäufe schnell und unkompliziert per Mausklick.

 

Keine Angst vor KI

Regelrecht falsch sind die Ausführungen Werner Seppmanns zur KI, bei der der Autor noch immer von einer simplen formalen Logik der Nullen und Einsen ausgeht. Tatsächlich haben führende KI-ler diese bereits in den 80er Jahren über den Haufen geworfen, weil sie als zu reduziert und nicht zielführend erkannt wurde. Ein handelsüblicher PC kann heute die parallele Aktivität Tausender künstlicher Neuronen simulieren. Zugleich besitzen moderne Rechner mehrere Kerne, die Rechenoperationen zeitgleich und in Beziehung zueinander durchführen. Dadurch können PCs tatsächlich in innere Widersprüche geraten und es ist offen, welche Option sich letztlich durchsetzt. Moderne KI arbeitet mit Sensomotorik, ist selbstlernend und stets aufgabenorientiert.

Gerade letzteres stellt Seppmanns Behauptung, die KI stelle die Maschine generell über den Menschen, in Frage. Es geht nicht darum, wer besser ist. Um einen Vergleich anzubringen: Ein Bagger bewegt in kürzerer Zeit eine größere Masse Erde als ein Mensch. Dennoch ist sich der Konstrukteur des Baggers bewusst, dass sich dessen «Überlegenheit» über den Menschen auf eine einzige Spezialaufgabe bezieht. Egal wie ausgefeilt eine KI agiert, sie bewältigt eine Teilaufgabe. Eine Überlegenheit der KI über den Menschen wird – von den irrwitzigen Vorstellungen der Silicon-Valley-Milliardäre einmal abgesehen – von KI-ler heute weder angenommen noch angestrebt. Man ist sich längst bewusst, dass der Mensch, anders als die KI, zweckfrei und um seiner selbst Willen existiert, ein Recht auf Leben sowie eine Würde besitzt – und eine KI steuern kann.

Weil Seppmann Internet und PC jegliches emanzipatorisches Potenzial abspricht und von der Unmöglichkeit ihrer Transformation überzeugt ist, eignen sie sich seines Erachtens nicht für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Gesellschaftliche Perspektiven, die sich aus der Technik selbst ergeben könnten, werden auf fragwürdige Blütenträume führender IT-Unternehmer reduziert und dann ad absurdum geführt. Kritische Informatikerinnen, Wissenschaftler, Hacker oder IT-Aktivisten hingegen kommen nicht zu Wort.

Dadurch übersieht Seppmann viele Chancen, eine sozialistische Gesellschaft unbürokratisch und inklusiv zu gestalten. Resigniert behauptet er eine durch den PC eingetretene Unfähigkeit, die Gesellschaft kritisch zu analysieren und eine angeblich gestiegene Fremdbestimmung der Bevölkerung. Verbunden mit zunehmender staatlicher und privatwirtschaftlicher Überwachung und dem unaufhaltsamen Siegeszug des Computers prognostiziert er die Unmöglichkeit, die kapitalistische Gesellschaft überhaupt noch überwinden zu können. Es fragt sich, wem eine solche Analyse nutzen soll. Klickworker und prekär Beschäftigte jedenfalls können sie sich nicht leisten.


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