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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2018 |

Ich bin in den drei Jahren ein anderer Mensch geworden

Ein Gespräch mit LUNA, die drei Jahre lang im Hambacher Wald gewohnt hat
Interview mit einer Aktivistin

Ohne die Baumschützer gäbe es den Wald nicht mehr, Antje Grothus wird nicht müde, das immer wieder zu betonen. Grund genug für die SoZ, einmal mit jenen zu sprechen, über die immer wieder gesprochen wurde, die aber selbst in der Öffentlichkeit wenig in Erscheinung getreten sind. Einige dieser Baumhäuser waren – inzwischen wurden sie ja geräumt, über 50 an der Zahl – richtiggehende Behausungen mit Strom, Licht, Heizung und Kochmöglichkeit. Die NRW-Landesregierung musste das Baurecht bemühen, um einen Vorwand zu haben, die Häuser räumen zu dürfen, ohne weiteres ging dies nicht. Das für Bauen zuständige Ministerium hat sich dann «Brandgefahr» einfallen lassen – offensichtlich an den Haaren herbeigezogen, wenn den ganzen supertrockenen Sommer über im Wald nichts passiert ist.
Solche Häuser baut man nicht für ein Wochenende und auch nicht für drei Monate. Die Fluktuation im Hambacher Wald war groß, aber einige waren auch jahrelang da. Das wird dann eine Lebensweise. Die SoZ sprach darüber mit Luna, einer langjährigen Aktivistin des Waldes.

Du lebst seit drei Jahren im Hambacher Forst, warum bist du da hingegangen?
Ich war früher schon immer ein sehr politischer Mensch und es war für mich klar, dass ich tatsächlich Vollzeit politisch aktiv sein könnte. Umweltthemen waren mir schon immer wichtig, das besondere für mich am Hambacher Forst aber war, dass das ein anarchistisches Projekt war und dass es ohne hierarchische, aber auch ohne basisdemokratische Strukturen funktioniert. Hier gilt das autonome Aktivprinzip, d.h., wenn ich Lust auf eine Aktion, ein Projekt, eine Kampagne habe, dann such ich mir Leute und mach das mit denen und es gibt niemanden, vor dem ich mich rechtfertigen muss. Das war für mich der Hauptgrund, dort aktiv zu sein und nirgendwo anders.

Bist du ganz alleine in den Forst gegangen oder hattest du eine Gruppe, die gesagt hat, wir gehen da zusammen hin?
Ich bin da allein hingegangen.

Hast du dafür ein Studium an den Nagel gehängt?
Ich hab die Schule schon ein Jahr bevor ich da hingegangen bin abgebrochen, das ist eine Entscheidung, auf die ich sehr stolz bin. Ich bin Schulabbrecherin ohne Schulabschluss und sehr stolz darauf. Der Grund war für mich dieses leistungsorientierte Schulsystem und diese Art Prüfungsbewertung, die schon festlegt, was du nach der Schule für Möglichkeiten hast. Ich wollte mich dem beschissenen System, in dem wir leben, verweigern, weil ich der Meinung bin, es ist fragwürdig, sich einerseits als anarchistisch-antikapitalistisch zu begreifen, aber dann trotzdem zu studieren und einen guten Schulabschluss zu machen und damit quasi dieses System von Bewertung und Selektion überhaupt zu ermöglichen.

Wie viele wart ihr im Wald?
Das lässt sich nicht klar sagen, der Hambacher Forst ist ein Ort, wo furchtbar viel Fluktuation ist. Die Menschen, die dort sind, sind viel unterwegs und haben auch andere Projekte, viele kommen nur für einen gewisse Zeit. Die Zahl der Leute ändert sich täglich, es gab Zeiten, da lag der Durchschnitt bei 20-30. In den letzten Monaten wurden es viel mehr.

Wo hast du gewohnt, du hast meines Wissens keinen Baum besetzt?
Ich hab hin und wieder auf einem Baum geschlafen, aber ich hab nie längere Zeit auf einem Baum gewohnt, einfach weil ich sehr viel mit Pressearbeit und Antirepressionskram befasst war und Leute vor Gericht verteidigt und mich um unseren Blog gekümmert habe. Dadurch war es sinnvoll, bei der Räumung der Baumhäuser irgendwo auf dem Boden zu sein, wo ich mobil bin und schnell den Ort nach außerhalb verlagern kann.

Wie stellt sich da Gemeinschaft her bei so viel Fluktuation, man kennt sich vorher nicht und die Strukturen sind offenkundig sehr flexibel?
Man lebt zusammen, man hat ein gemeinsames Ziel, man muss gemeinsam den Alltag organisieren, man hat gemeinsame Grundwerte. Das ist ganz wichtig, dass die Menschen, die da sind, alle aus einem anarchistischen Spektrum kommen und sehr ähnliche Grundwerte haben. Da stellt sich sehr schnell Gemeinschaft her, alle Menschen, die dort hinkommen, haben sehr schnell sozialen Gruppen gefunden, bei denen sie Anschluss gefunden haben, und ich persönlich hab dort so enge Freundschaften geknüpft wie vorher nirgends.

Wie ist das denn strukturiert? Gibt es AGs, die über einen längeren Zeitraum arbeiten?
Nein, es gibt keine formelle Struktur, das ist eben das autonome Initiativprinzip, d.h. wer macht, hat Recht. Wenn ich der Meinung bin, es braucht ein neues Baumhaus, dann such ich mir Leute, die das mit mir bauen, wenn ich der Meinung bin, es braucht eine Pressekampagne, such ich Leute, die das mit mir machen, und wenn ich der Meinung bin, es müssen jetzt Hochspannungsleitungen angezündet werden, die den Tagebau mit Strom versorgen, dann such ich mir Leute, die das mit mir machen.

Es bedarf dennoch eines gewissen Austauschs…
Das passiert im Alltag, dafür brauch ich keine formelle Struktur. Man lebt ja zusammen, man sitzt zusammen am Lagerfeuer, muss irgendwie den Alltag organisieren, Reproduktionsarbeit leisten, kochen etwa. Vielleicht führt man auch Liebesbeziehungen, und bei all dem redet man miteinander und da gibt es ganz automatisch einen Austausch.

Wie macht ihr das mit dem Kochen? Geht das reihum oder macht das jeder für sich?
Naja, wir kommunizieren über unsere Bedürfnisse und letztendlich machen wir das, was wir für richtig halten und geben dabei aufeinander acht. Also im Prinzip agiert jeder nach seinen Möglichkeiten und seinen Bedürfnissen.

Wenn ich mal keinen Bock haben zu kochen, kann ich mich dann bei dir einladen?
Wenn du keinen Bock hast zu kochen, dann wirst du vermutlich Menschen finden, die für dich mitkochen oder es wird Menschen geben, die für die Gemeinschaft kochen, und ich bin ganz sicher, dafür würdest Du dafür andere wichtige Dinge tun, die für das Projekt genauso wichtig sind. Ich hab in der Zeit, in der ich im Forst war, selten gekocht, ich habe niemals irgendwas gebaut oder repariert, einfach weil’s außerhalb meiner Fähigkeiten liegt. Dafür hab ich sehr, sehr oft Menschen in juristischen Fragen beraten oder hab mich um die Organisation von Veranstaltungen bei uns gekümmert.

Nach der großen Demo am 6.10. hast du dir eine Auszeit genommen?
Ja, das hatte ich schon vorher vor. Ich würde aber gern noch was zur Demo am 13.Oktober sagen. Ich bin da wohl ziemlich zynisch, aber ich frag mich, warum hätten diese Menschen nicht vier Wochen vorher da sein können, dann hätten wir jetzt nicht all diese Schneisen und großen Wege im Wald, da wäre so viel weniger gefällt worden. Wo waren diese Leute in den letzten sechs Jahren, wo waren da eigentlich Greenpeace und Campact? Ich bin wirklich sauer auf diese beiden Gruppen, die haben die ganzen letzten Jahre nichts für uns getan und jetzt, wo das Projekt eine gewisse Aufmerksamkeit erlangt hat, kommen sie an und sammeln Spenden und Unterschriften. Diese Großdemo war für mich eine Perversion von all dem, wofür wir uns einsetzen. Unser politischer Kampf hat sich auch immer gegen Kapitalismus und Tierausbeutung gerichtet, und wenn dann auf einer Großdemo eine Bratwurst für 3 Euro verkauft und eine maximal unpolitische Band eingeladen wird, fragst du dich, was das mit unserem Kampf zu tun hat. Das war für mich ein großes Volksfest, um Spenden und Mitglieder einzunehmen, das auf unserem Rücken veranstaltet wurde und absolut nichts für den politischen Kampf gebracht hat.

Wie geht es jetzt im Wald weiter?
Das kann glaube ich niemand sagen, es ist immer noch ein Ausnahmezustand, aber es flaut ab, es verschwinden die Touristen und Schönwetteraktivisten, ich nenn es mal so. Jetzt muss sich langsam wieder ein Alltag einstellen, wie das geht, werden wir in den nächsten Monaten sehen.

Sind noch Leute im Wald?
Ja.

Was meinst du, wie die Gegenseite nun vorgehen wird. Die Polizei hat sich ja zurückgezogen. Aber der Werkschutz, ist der da noch umtriebig? Es sollte doch ein Graben gezogen werden.
Als ich gegangen bin, zwei Tage nach dem Urteil, waren sie vor allem sehr, sehr nervös, das kann man sehr leicht feststellen, man muss nur mal zwei Minuten auf der Hambachbahnbrücke stehen bleiben und runter auf die Bahn gucken und dann sehen, wie schnell der Sicherheitsdienst angefahren kommt. Die sind sehr, sehr nervös, weil sie genau wissen, dass sich die Umstände geändert haben, jetzt wo der Polizeieinsatz vorbei ist, wir aber nicht weg sind. Eigentlich wollte RWE den Wald umfrieden und entwidmen, das dürfen sie jetzt nicht.

Heißt das, sie dürfen den Graben nicht weiter ziehen?
Nein, der Wald muss öffentlich begehbar bleiben. Sobald der Wald nicht für irgendwas genutzt wird, muss er nach dem Landesforstgesetz öffentlich zugänglich bleiben.

Wenn jetzt wieder Bäume besetzt und neue Baumhäuser gebaut würden, kämen die dann ganz schnell wieder?
Das halte ich für unwahrscheinlich. Dieser Polizeieinsatz war sehr teuer, die Polizeigewerkschaft hat ihn als aufwendigsten Polizeieinsatz in der Geschichte von NRW bezeichnet. Jetzt, wo kein akuter Grund für Rodung besteht und die öffentliche Meinung so stark auf unserer Seite ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein weiterer Polizeieinsatz in dieser Größenodnung gefahren wird.

Das sind doch gute Voraussetzungen, den Wald wieder zu bevölkern?
Wahrscheinlich. Ich denke auch, dass das passiert.

Diese besondere Situation im Wald, drei Jahre lang, da lebt man ein anderes Leben als in der sogenannten normalen Welt. Bleibt für dich davon was übrig?
Natürlich, ich bin in diesen drei Jahren ein ganz anderer Mensch geworden, und ich werde jetzt ganz sicher nicht anfangen, 40 Stunden die Woche Lohn zu arbeiten. Politischer Aktivismus wird weiterhin mein Lebensschwerpunkt sein und ich werde weiterhin Teil einer Bewegung sein, die direkte Aktion als Mittel des politischen Wandels propagiert.

Nicht mehr im Wald, sondern anderswo?
Nicht mehr hauptsächlich im Wald. Ich werde immer noch dort sein, aber es war nie mein einziges Projekt, ich war immer unterwegs und hab Seminare gegeben, ich war immer auch woanders, habe Antirepressionsarbeit gemacht, ich war dort, wo ich das Gefühl hatte, dass es grade nötig ist und wo ich sinnvolle Dinge tun kann. Das bleibt so.


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