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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2013 |

Film: «in Arbeit». Die Kooperativen Placido Rizzotto und Pio La Torre

Regie: Arne Hector, Minze Tummescheit
von Angela Huemer

Arne Hectors und Minze Tummescheits Film über Kooperativen in Sizilien, die auf ehemaligen Mafia-Besitztümern entstanden, ist kein traditioneller Dokumentarfilm. Er ist der dritte Teil einer Reihe, die sich «in arbeit» nennt, «eine dokumentarische Serie, eine filmische Untersuchung zu Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen kollektiven Handelns», so die beiden Filmemacher im Klappentext der DVD. Wir sehen zwar einige Arbeitsvorgänge der Kooperative, wie die Weinlese, doch der eigentliche Kern des Films ist sozusagen abstrakt-theoretisch.
«Wir haben eine Kette von Interviews begonnen, die sich durch verschiedene Länder Europas zieht. Eine Reihe von Kollektiven werden miteinander in Verbindung gesetzt, indem Mitglieder einer Gruppe mit uns mitreisen und das Gespräch mit dem jeweils nächsten Kollektiv führen.» So ist der rote Faden des Films nicht die Herstellung eines der vielen Produkte der beiden sizilianischen Kooperativen, sondern ein Gespräch zweier Mitglieder der Coordination des Intermittents et Précaires (Vereinigung der prekär Beschäftigten aus Frankreich) mit den Betreibern der sizilianischen Kooperativen. Vor einer atemberaubenden Kulisse, auf einem Plateau vor steil aufragender Bergspitze sitzen Franzosen und Italiener und reden miteinander, in der Mitte der Übersetzer, der auch schon mal Partei ergreift. Schön ist, dass sie miteinander reden und nicht für die Kamera das Gespräch führen, ihnen geht es um den direkten Austausch von Erfahrungen. Da gibt es Fragen von französischer Seite, worin genau die Ethik der Kooperative besteht und inwieweit man den ethischen Standard halten kann, wenn man wächst und größer wird.
Wer die italienische und insbesondere die sizilianische Situation besser kennt, den mag es nicht überraschen, dass allein der Anspruch, alle Arbeitsgesetze zu respektieren und alle Beschäftigten regulär anzustellen, hier schon viel sind und mitunter Drohungen von Seiten anderer lokaler Arbeitgeber provozieren – nach der Art: «Ihr macht ja den Arbeitsmarkt kaputt, denn die Leute wollen nun ordentlich behandelt und angestellt werden.»
In einer so stark von der Mafia durchdrungenen Gegend wie Corleone war allein schon die Beteiligung an der öffentlichen Ausschreibung für die Kooperative mutig. Dabei wurden bewusst Leute vor Ort angesprochen. Einer der jungen Männer sagt im Gespräch, er wolle nicht auch noch weggehen, sondern ein Zeichen setzen, indem er hier bleibt. Die Frage nach dem Vergleich mit anderen Beschäftigungsverhältnissen ruft Schmunzeln hervor, «die gibt es nicht wirklich», so der allgemeine Tenor, vorher waren die meisten arbeitslos.
Die Grundlage für die beiden Kooperativen, die hier vorgestellt werden, ist ein Gesetz von 1996, das die «Nutzung der von Mafiamitgliedern konfiszierten Vermögen und Grundstücke durch soziale Kooperativen ermöglicht» (Info-Text des Films). 30 Jahre lang können sie die zugeteilten Böden unentgeltlich nutzen. Das Umfeld ist schwierig und sie müssen auch betriebswirtschaftlich bestehen. Dies gelingt jedoch immer besser. So gibt es beispielsweise sog. Freiwilligenarbeit bei der Ernte gegen freie Kost und Logis. Wegen der direkten politischen Erfahrung und dem Gefühl, einen wahren Beitrag zu leisten, kommen Menschen von außerhalb, um hier zu arbeiten.
Mittlerweile ist «libera terra» eine wichtige Marke, in der größten Supermarktkette Norditaliens, Ipercoop, gibt es die Produkte der Kooperative zu kaufen. Als die Kooperative den Zuschlag bekam, musste sich eine ganze Weile nach den nun notwendig gewordenen Maschinen zur Nudelherstellung umsehen – d.h. nach einem Hersteller, der garantiert sauber ist, sprich, wo ganz sicher nicht das organisierte Verbrechen oder schmutziges Geld drin steckt. Gefunden hat man das in Norditalien.
Der Film begleitet die Eröffnung einer neuen Weinkelterei. «Cento passi» heißt die neue Marke: I cento passi (Hundert Schritte) ist der Titel eines Films über Giuseppe Impastato, besser bekannt als Peppino Impastato aus Cinisi, nahe Palermo (dort wo heute der Flughafen von Palermo steht), Gründer der Zeitung L’idea socialista und des Radiosenders Aut. Obwohl sein Vater selber in Mafia-Geschäfte verwickelt war, kämpfte er vehement gegen das organisierte Verbrechen und wurde 1978 brutal ermordet. «Cento passi» bezieht sich übrigens auf die Distanz vom Haus der Impastato in Cinisi zu dem des wichtigsten Mafiabosses im Dorf.
Auf der Seite www.cinemacopains.org kann man die bisherigen Stationen der Interviewkette nachvollziehen und man bekommt eine Vorschau auf die nächsten Stationen. Die drei bislang fertiggestellten Filme wurden im Februar 2012 auf dem Berlinale-Forum uraufgeführt. Allen, die sich für Kooperativen und Kollektive interessieren und dafür, wie sie praktisch funktionieren – unter unterschiedlichsten Rahmenbedingungen –, seien dieser und die anderen beiden bislang fertiggestellten Filme der Reihe wärmstens ans Herz gelegt: Teil 1, L’abonimable, geht über ein kollektives Filmlabor, Teil 2, Coordination des intermittents et précaires Île de France, über die Vereinigung, die sich bildete, als die Rechte der prekär beschäftigten Film- und Theaterschaffenden eingeschränkt wurden.

DVDs der bislang fertiggestellten Filme sind erhältlich bei: www.cinemacopains.org


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