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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2014 |

Warum feuert die Hamas Raketen auf Israel?

Der ungleiche Kampf in Palästina

von Eric Ruder

Israel behauptet, es werde die Bombardierung von Gaza beenden, wenn die Hamas aufhört, Raketen auf Israel abzufeuern, einen Waffenstillstand akzeptiert und Israel anerkennt. Doch die Hamas hat genau dies nach dem Waffenstillstand vom November 2012 getan. Das Jahr 2013 war für Israel eines der ruhigsten, wenn nicht das ruhigste Jahr.Zwischen November 2012 und heute war es Israel und nicht die Hamas, das häufiger – und weitaus tödlicher – die Bedingungen des Waffenstillstands gebrochen hat. Während dieser Zeit führte Israel Luftangriffe gegen alle Ziele, die es für legitim ansah, israelische Heckenschützen feuerten auf Bauern, die sich zu nah an der von Israel bestimmten «Pufferzone» entlang der Grenze zwischen Gaza und Israel aufhielten, und töteten mehrere von ihnen. Die Bedingungen des Waffenstillstands sahen auch vor, dass Israel die Blockade von Gaza aufheben würde, stattdessen wurde sie verschärft, besonders nachdem das ägyptische Militär nach dem Sturz von Präsident Mursi die Macht übernommen hatte.

Warum wenden die Palästinenser keinen gewaltlosen Widerstand an? Vor allem liberale Kommentatoren beklagen das. Die Antwort ist: Sie wenden Formen des gewaltlosen Widerstands an, doch Israel, die Medien und der Rest der Welt übergehen sie regelmäßig. Tausende Palästinenser und Hunderte Israelis wenden gemeinsam gewaltlose Taktiken ähnlich derjenigen der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung an, doch die Mainstreammedien zeichnen lieber das schiefe Bild von den palästinensischen Terrorangriffen und der darauf folgenden israelischen Vergeltung.

Die gewaltlose Bewegung hat ihre Basis in der West Bank, weil es dort möglich ist, solche Taktiken gegenüber den israelischen Repressionskräften anzuwenden. In Gaza, das durch Israels totale Kontrolle über den Luftraum und den Zugang zur See hermetisch abgeriegelt ist, und dessen Grenzen auch durch Ägyptens Kollaboration mit Israel geschlossen sind, gibt es keine Möglichkeit, Israel mit friedlichen Mitteln entgegenzutreten. Gaza ist ein Freiluftgefängnis, und wer sich den «Gittern» zu sehr nähert, läuft Gefahr, von einem versteckten Scharfschützen, einem Kriegsschiff oder einer Drohne getötet zu werden.

Die Zugeständnisse der Hamas

Israels Blockade von Gaza lässt sich treffend nur als rassistisch und völkermörderisch beschreiben. Im Jahr 2006 bekannte der israelische Stratege Dov Weinglass freimütig: «Die Idee ist, die Palästinenser auf Diät zu setzen, aber so, dass sie nicht verhungern.» Er sprach nicht metaphorisch: Es stellte sich heraus, dass das israelische Verteidigungsministerium detaillierte Untersuchungen angestellt hatte, wie das Ziel verwirklicht werden konnte, und zu einer Zahl von 2279 Kalorien pro Tag und Person gelangt war. Andere israelische Stimmen haben sich noch deutlicher geäußert:

– Außenminister Lieberman: Hamas «hat nicht die Absicht, sich mit der jüdischen Präsenz im Land Israels abzufinden, und deshalb muss man ernsthaft erwägen, den Gazastreifen zu erobern und eine gründliche Säuberung durchzuführen».

– Gilad Sharon, Sohn von Ex-Ministerpräsident Ariel Sharon: «Wir müssen alle Wohnviertel in Gaza, ganz Gaza dem Erdboden gleichmachen. Die Amerikaner haben auch nicht bei Hiroshima aufgehört. Die Japaner haben sich nicht schnell genug ergeben, daher kam auch noch Nagasaki an die Reihe. Es darf keine Elektrizität, kein Benzin, kein fahrendes Fahrzeug in Gaza geben.»

Die Prämisse, Hamas werde niemals eine «jüdische Präsenz» in Palästina akzeptieren, ist falsch. Als Hamas im April einer Einheitsregierung mit der von der Fatah geführten Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) zustimmte, waren die Bedingungen klar: Das Abkommen über die Einheitsregierung «bot den politischen Gegnern der Hamas eine Basis in Gaza; sie wurde ohne ein einziges Hamas-Mitglied gebildet und behielt denselben Ministerpräsidenten, Vize-Ministerpräsidenten, Finanzminister und Außenminister aus Ramallah. Und das wichtigste: Hamas war einverstanden mit den drei von Amerika und seinen europäischen Verbündeten lange geforderten Bedingungen für westliche Hilfe: Gewaltlosigkeit, die Akzeptanz früherer Abkommen und die Anerkennung Israels. Israel war jedoch entschieden gegen die amerikanische Anerkennung der neuen Regierung und versuchte, sie international zu isolieren. Dabei betrachtete es jedes kleine Entgegenkommen gegenüber den Palästinensern als Bedrohung.» (Nathan Thrall: «How the West chose war in Gaza», New York Times, 17.Juli 2014.)

Auch nach dem Chaos, das Israel im Juli in Gaza angerichtet hat, wiederholte Hamas-Führer Khaled Meshal in einer Stellungnahme am 27.Juli: «Wir sind keine Fanatiker, wir sind keine Fundamentalisten. Wir kämpfen nicht gegen Juden, weil sie Juden sind. Wir kämpfen nicht gegen andere Völker. Wir kämpfen gegen die Besatzer … Ich bin bereit mit Juden, mit Christen, mit Arabern und Nichtarabern zusammenzuleben. Doch ich kann nicht mit Besatzern zusammenleben.»

In anderen Worten, die Hamas akzeptiert die Präsenz von Juden in Palästina, aber sie akzeptiert nicht die Präsenz Israels als eines jüdischen Staats mit Apartheidgesetzen, der den Palästinensern gleiche Rechte verweigern.

Warum also Raketen auf Israel?

Für viele Menschen in Gaza, wenn auch gewiss nicht für alle, senden die Raketen eine Botschaft: Wenn Israels Politik gegenüber den Palästinensern in Besatzung und Genozid besteht, dann kann es auch für Israel kein «Business as usual» geben.

Deshalb nennt Israel die Hamas «Terroristen». Das war auch die offizielle Bezeichnung der US-Regierung für Nelson Mandelas ANC, weil er Bombenanschläge auf öffentliche Institutionen im Südafrika der Apartheid verübte. «Terroristen» nannte die britische Regierung auch die Aufständischen in den nordamerikanischen Kolonien, die sich 1776 von der Herrschaft der Krone befreit hatten.

Israel beschuldigt die Hamas, ihre Raketen in Wohnvierteln zu platzieren und Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu benutzen. Tatsächlich hätte Israel es lieber, Hamas würde in der Wüste eine deutlich gekennzeichnete militärische Einrichtung bauen, sodass Israel jede Fähigkeit zum Widerstand sauber eliminieren könnte. Aber Widerstandsbewegungen operieren stets auf ähnliche Weise gegen militärisch weit überlegene Feinde – die amerikanischen Revolutionäre nicht anders als die vietnamesischen.

Die diesbezüglichen israelischen Klagen dienen nur Propagandazwecken – seine Streitkräfte selbst haben keinerlei Anstrengungen gemacht, zivile Opfer zu vermeiden. Vier Kinder wurden getötet, während sie am Strand von Gaza Fußball spielten. Zeugen berichteten, es habe den Anschein gehabt, «als wenn die Granaten die Kinder verfolgt hätten», d.h. das israelische Schiff feuerte solange, bis es seine Opfer traf. Israel hat die Hälfte der Krankenhäuser von Gaza zerbombt und eine Schule der UNO, die als Zufluchtsort für Menschen diente, die Israel aufgefordert hatte, ihre Häuser zu verlassen.

Was immer man über die Hamas, ihre Politik, ihre Strategie und Taktik denken mag, so ist eins doch klar: Das Massaker an Palästinensern ist das Ergebnis der Aktionen Israels, nicht der von Hamas. Es ist auch nicht die Sache der Menschen in den USA oder in der EU – die Hauptstützen Israels –, den sterbenden Palästinensern Lehren zu erteilen, was sie angesichts der Verbrechen Israels tun oder lassen sollten. Die Entscheidung darüber, wen Palästinenser zu ihren politischen Vertretern wählen, kommt allein den Palästinensern zu und niemandem sonst. Unsere Rolle sollte darin bestehen, auf die imperialistischen Regierungen Druck auszuüben, damit sie aufhören, Israels Massaker mit ihrer politischen, diplomatischen, ökonomischen und militärischen Unterstützung zu erleichtern.

Die Hamas hat keine Alternative

Das Ereignis, das Israel veranlasste – unterstützt von den USA – Gaza so zu belagern, dass es erstickt, war der Sieg der Hamas bei den palästinensischen Parlamentswahlen von 2006. Hamas siegte nicht, weil alle Menschen in Palästina mit ihren islamistischen Prinzipien übereinstimmten, und schon gar nicht, weil alle Palästinenser antisemitische Fanatiker wären, sondern weil Menschen, die unter von einer Besatzungsmacht auferlegten inhumanen Bedingungen leben, sich denjenigen Organisationen zuwenden, die ihren Bestrebungen nach Befreiung eine Stimme verleihen.

Die massive Enttäuschung über die Art, wie die Fatah die Autonomiebehörde (PA) geführt und mit den Besatzern kollaboriert hat, hat der Hamas den Weg zum Wahlsieg geebnet.

Wie alle Organisationen rekrutiert Hamas teilweise dank ihrer Ideologie, aber auch und vor allem dank der sozialen Dienste, die sie in normalen Zeiten der Bevölkerung bietet. Und jeder versteht, dass die Verbissenheit, mit der sie gerade dann bekämpft wird, wenn sie die Spaltung mit der PLO zu überwinden sucht, mit ihren Verdiensten und ihrer Hartnäckigkeit und nicht mit ihren Ideen zu tun hat. Die Hamas entstand 1987 als militante Organisation des palästinensischen Zweigs der Moslembrüder, zusammen mit der ersten Intifada, die sie nicht ausgelöst hatte, deren Protagonist sie dann aber wurde. Die Diskreditierung der PLO-Führung, die den bewaffneten Kampf aufgegeben hat und dem sog. «Friedensprozess von Oslo» auf dem Leim gegangen ist, hat ihr die Chance verschafft, in Gaza die politische Führung zu übernehmen.

Wenn gut bezahlte Kommentatoren darüber klagen, wie «idiotisch» es sei, Hamas zu wählen, wo die Alternative dazu nur in den Kollaborateuren der PA bestand, kommt dies der Aufforderung an die Palästinensern gleich, sich Israels Bedingungen zu unterwerfen. Es bedeutet, sich auf die Seite der Besatzer gegen die Opfer der Besatzung zu stellen.

In Wirklichkeit gibt es keine unprovozierten Raktenangriffe aus Gaza. Unter den Umständen der Belagerung bedeutet jeder Tag einen langsamen Tod für die Menschen, für die Kultur, für die Gesellschaft in Gaza. Diese Zerstörung im Zeitlupentempo ist das Produkt ständiger Gewalt und Demütigung durch das koloniale Siedlerregime Israels. Israels Regime ist eine ständige Provokation, und dagegen ist gewaltsamer Widerstand legitim, sowohl moralisch als auch nach dem Völkerrecht.

 

Gekürzt aus: http://socialistworker.org/2014/07/29/why-resistance-is-justified.


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