Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2017 > 09 > Lernverhinderungsmaschinen

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2017 |

Lernverhinderungsmaschinen

Die Digitalisierung im Bildungssektor und ihre Profiteure
von Larissa Peiffer-Rüssmann

Die Sommerferien sind zu Ende – die Kinder und Jugendlichen kehren zurück in ihre Schulen und finden sie so vor, wie sie sie verlassen haben: marode Schulgebäude, defekte Toilettenanlagen, Turnhallen, in denen aus Sicherheitsgründen nicht mehr Ball gespielt werden darf, fehlende Klassen- und Ruheräume.

Nach einer Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beträgt der Sanierungsstau für die Schulen 34 Milliarden Euro. Zwar hat der Bund die ersten 3,5 Milliarden Euro für finanzschwache Kommunen beschlossen, doch das reicht bei weitem nicht aus, denn die Schulen müssen ja nicht nur saniert werden. Moderne pädagogische Konzepte, Ganztagsangebote oder Inklusion brauchen eine ganz andere Architektur der Gebäude und Möblierung der Unterrichtsräume als der Frontalunterricht des 19. und 20.Jahrhunderts. Hinzu kommt ein eklatanter Fachkräftemangel im Sozial- und Erziehungsdienst und bei den Lehrkräften.

Obwohl in kaum einem anderen Land der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie bei uns, steht dem öffentlichem Schulwesen nur ein Bruchteil dessen zur Verfügung, was für eine angemessene Bildungsfinanzierung nötig wäre. Stattdessen wird landauf, landab über die «Digitalisierung der Bildung» gesprochen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka präsentierte im Oktober 2016 einen sog. «Digitalpakt» und versprach für den Zeitraum 2018–2022 vollmundig 5 Milliarden Euro für die technische Ausstattung der Schulen mit Computer und WLAN. Anfang des Jahres nahm eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern die Verhandlungen über das Prozedere auf. Eine gemeinsame Pressekonferenz im Juni sollte die Eckpunkte der Vereinbarung vorstellen, doch weder Frau Wanka noch ihre Staatssekretäre erschienen und der gemeinsame Termin platzte. Der Digitalpakt entpuppte sich als ein unseriöses Angebot.

Doch selbst wenn die 5 Milliarden Euro nach der Wahl noch zur Verfügung stehen, sind sie nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, denn dieses Geld müsste auf etwa 40000 Schulen aufgeteilt werden. Das sind 25000 Euro pro Jahr und Schule – ein Bruchteil dessen, was eine Schule tatsächlich benötigt, denn nichts veraltet schneller als die digitale Technik. Dazu müssen pro Jahr mehrere 10000 bzw. einige 100000 Euro zusätzlich investiert werden, Geld, das den Ländern und Kommunen dann für andere pädagogische Konzepte nicht zur Verfügung steht.

 

Kinder am Bildschirm

Der Einsatz digitaler Medien in den Schulen hat längst begonnen, finanziert aus den Schulbudgets, durch Fördervereine oder direkt durch die Eltern, die sich gemäß der Propaganda dadurch bessere Bildungschancen für ihre Kinder erhoffen, zusätzlich angeregt und gefördert durch die Digitalindustrie. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, ob unsere Kinder durch die Digitalisierung des Unterrichts wirklich einen Gewinn haben. Das soll hier näher beleuchtet werden.

Dazu Andreas Schleicher, Koordinator auf internationaler Ebene für die ­PISA-Studien: «Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt.» Manfred Spitzer*, Hirnforscher und Leiter der Psychiatrischen Klinik Ulm, geht sogar noch weiter: Er findet es «unerträglich, wie sich Schulen derzeit regelrecht darin zu überbieten suchen, wer mehr digitale Medien – also Lernverhinderungsmaschinen – angeschafft hat und wie gerne sich Politiker mit solchem Gerät fotografieren lassen, um ihren Reformwillen zu bekunden.»

«Kinder fit machen für die digitale Zukunft» ist die neue Losung. Medienbildung soll schon in der Kita beginnen und sich in der Grundschule verstärkt fortsetzen. Während noch vor einigen Jahren Kitas medienfreie Orte waren, finden wir heute das Thema «Medienerziehung in Kitas» sogar in den Bildungsplänen der Bundesländer. Doch welche Folgen eine zu frühe Nutzung von Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen hat, offenbart sich in den Praxen der Kinderärzte. Das reicht von psychosozialen Problemen, einer gestörten Sprachentwicklung und Aufmerksamkeitsschwächen bis zu Schlafstörungen.

Die Studie BLIKK-Medien 2017 (BLIKK steht für «Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation») ist ein gemeinnütziges Projekt an der Rheinischen Fachhochschule Köln, sie hat knapp 6000 Patienten bis 14 Jahre und deren Eltern in 84 Kinder- und Jugendpraxen über ihren Medienkonsum und auffälliges Verhalten befragt und untersucht. Ergebnis: 75 Prozent der 2- bis 4jährigen Kinder spielen täglich bis zu 30 Minuten am Tag unbeaufsichtigt mit einem Smartphone. Über 60 Prozent der 9- bis 10jährigen schaffen es nicht, sich länger als 30 Minuten ohne digitale Medien und Bildschirm zu beschäftigen.

Da sich an der Befragung vor allem bildungsnahe Familien beteiligt haben, dürfte diese Entwicklung bei bildungsfernen Eltern noch stärker ausgeprägt sein. Eine dringend notwendige Folgefinanzierung für Längsschnittstudien über drei bis vier Jahre scheitert z.Z. am Geld, das Bildungsministerium stellt nicht einmal die notwendigen 2 Millionen Euro für die Erforschung der Folgen dysregulierter Mediennutzung zur Verfügung. Da kommt der Verdacht auf, dass hier ganz andere, nämlich wirtschaftliche Interessen bedient werden und kritische Studien nur stören können.

 

Besser ohne

Alarmiert durch solche Ergebnisse empfiehlt Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg, Kitas und Grundschulen IT-frei zu halten und stattdessen die ästhetischen Fächer wie Kunst, Musik und Theater zu stärken. Dem analogen Lernen in Realräumen sollte unbedingt der Vorzug gegeben werden, die Möglichkeit für ganzheitliche Sinneserfahrungen muss im Vordergrund stehen und die Lesekompetenz gestärkt werden. Lesen, schreiben und rechnen kann problemlos ohne Computer gelernt werden. Anstatt die Zeit an digitalen Medien zu verbringen, sollte diese besser genutzt werden für gemeinsames Lernen in Gruppen statt Vereinzelung am Bildschirm.

In einem Papier der GEW heißt es: «Der Einsatz digitaler Medien bietet jedoch die Chance, Schülerinnen und Schüler zum Lernen zu motivieren und auf die Anforderungen im Erwerbsleben vorzubereiten.» In meiner Zeit als Grundschullehrerin ist mir nie ein Kind begegnet, das nicht lernen wollte – im Gegenteil, sie waren hochmotiviert, Neues kennenzulernen, wenn es mit Eigeninitiative gepaart war. Zudem ist es nicht Aufgabe der Schule, durch einen frühen Einsatz digitaler Medien auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Kinder sollten auf Bäume klettern, singen, tanzen, malen und ganz einfach miteinander spielen. Eine Bildungsgewerkschaft sollte ein kritischer Begleiter sein, wenn es um die Gestaltung schulischen Lernens mit den digitalen Medien geht.

Technischer Unterricht ist Frontalunterricht, es geht um vorgegebene Inhalte und permanente Lernstandsmessungen. Messen, steuern, regeln: alles wird automatisiert, digitalisiert, programmiert und kontrolliert. Die Beziehung zum Lehrenden wird aufgehoben, jedes Kind sitzt allein vor dem Gerät, sie verlernen, miteinander zu kommunizieren. Da gibt es kein selbstorganisiertes Lernen mehr, alle werden gesteuert.

Auch für die Sekundarstufe hat eine jüngere internationale OECD-Studie zur digitalen Bildung ergeben, dass ein verstärkter Computergebrauch in den Schulen weder die Leistungen verbessert noch zu einer umfassenden Medienkompetenz führt. Aus weiteren Studien ist bekannt, dass digitales Lernen benachteiligten Schülern nicht mehr Lernchancen bietet – anders als uns Computer- und Internetkonzerne wie Apple oder Google weismachen wollen.

 

Lobbyismus an Schulen

Es heißt, Kinder und Jugendliche müssen den kritischen Umgang mit den neuen Medien lernen. Einverstanden, aber bitte nicht mit Hilfe gesponserter Unterrichtsmaterialien der Digitalindustrie oder Software aus dem Hause Bertelsmann. Nicht nur Kinder und Jugendliche müssen sensibilisiert werden im Umgang mit den neuen Medien, auch die Lehrerschaft hat es dringend nötig. Auf ihrem diesjährigen Gewerkschaftstag hat die GEW beschlossen, die «Digitalisierung kritisch und konstruktiv zu gestalten». Hoffentlich liegt der Schwerpunkt auf «kritisch», da hapert es noch, denn mit der fortschreitenden Ökonomisierung der Bildung verstärkt sich die Einflussnahme von Unternehmen auf schulische Bildungsinhalte rasant.

Die Digitalisierung der Bildung wird zum Katalysator, der es Unternehmen und Interessenverbänden bis hin zu professionellem Schulmarketing erleichtert, Fortbildungen für Lehrkräfte sowie Unterrichtskonzepte und -materialien anzubieten, um damit auf subtile Weise zu beeinflussen.

Vormals öffentliche Bildungsangebote werden zunehmend in die Hände von Privatanbietern gelegt. Eigentlich legen die Kultusministerien die Lehrpläne fest – doch Unternehmen und Wirtschaftsverbände sind längst in den Schulen angekommen. So veranstaltete der Logistikkonzern Amazon einen Schreibwettbewerb an Grundschulen in Sachsen, an dem 300 Schulen teilnahmen.

Eine Grundschule am Unternehmensstandort in Leipzig hat nun mit dem 1.Preis 30 E-Book-Reader und viele digitale Bücher von Amazon erhalten. Aus der Politik gab es nur positive Äußerungen zu Amazon, obwohl gerade dieses Unternehmen für besonders miese Arbeitsbedingungen bekannt ist. Bedenken kamen sehr deutlich vom Verein LobbyControl: «Für Amazon geht es nicht um Bildungsförderung, sondern darum, seinen angeschlagenen Ruf zu verbessern.»

In Sachsen-Anhalt hat das Kultusministerium eine Kooperation mit dem Elektronikkonzern Samsung unterzeichnet. Im Rahmen eines Modellprojekts sollen 500 Lehrer im Umgang mit Laptops, Tablets und digitalen Tafeln geschult werden. Kultusminister Marco Tullner (CDU) findet das «eine gute Sache», Bedenken hinsichtlich der Einflussnahme kamen ihm nicht.

Mittlerweile ist es an vielen Schulen üblich, dass die Eltern sowohl die Geräte als auch die Software finanzieren, das können dann z.B. 1000 Euro für ein Schülerlaptop sein. Wer nicht zahlen kann, dem hilft unter Umständen ein Lernmittelverein. Höchst bedenklich an dieser Praxis ist, dass so ganz nebenbei die Errungenschaft der Lernmittelfreiheit abgeschafft wird.

Ehe wir über die Sinnhaftigkeit eines funktionierenden Internetzugangs und einer soliden Geräteausstattung diskutieren, sollte die dringend erforderliche Sanierung der Schulen an erster Stelle stehen. Wenn Kinder einer Grundschule in Köln seit vier Jahren ein Gerüst vor ihren Fenstern haben und keinen freien Blick nach draußen, weil die Stadt es nicht schafft, die Sanierung zu Ende zu bringen, ist das ein Skandal. Darüber kann auch eine «Modernisierung» des Unterrichts durch Digitalisierung nicht hinwegtäuschen.

Der weiteren Ökonomisierung und damit einhergehenden Entdemokratisierung des Bildungswesens muss Einhalt geboten werden. Schule ist kein Wirtschaftsbetrieb. Sie muss ein Ort für soziales und solidarisches Handeln sein und bleiben.

 

* Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München 2012.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.