Eine Geschichte der Fahnenflucht
von Gerhard Klas
Rolf Cantzen: Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht. Springe: zu Klampen!, 2025. 204 S., 24 Euro
Deserteure – für die einen sind sie mutige Helden der Gewissensfreiheit, für andere Verräter an der Nation.
Rolf Cantzen, langjähriger Autor u.a. für Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, beleuchtet die historische, ethische, juristische und politische Dimension eines Themas, das angesichts der Forderung nach »Kriegstüchtigkeit« aktueller nicht sein könnte.
Anhand zahlreicher Beispiele spiegelt sein Buch den Konflikt zwischen Individuum und Staat, zwischen Gewissen und Pflicht, zwischen Moral und Loyalität. Dabei bezieht Rolf Cantzen klar Position.
Cantzen entfaltet die Geschichte der Desertion als eine Geschichte des Gewissens. Von der Antike über die Weltkriege bis in die Gegenwart desertierten Menschen aus Kriegen – und hatten gute Gründe dafür.
»Sie wollen nicht töten, sie wollen nicht sterben, sie haben Angst, sie müssen ihre Familien versorgen, sie wollen nicht gehorchen und sich nicht schikanieren lassen, ihnen sind Manneszucht und Männerbünde zuwider, sie wollen ihre Verantwortung und Selbstbestimmung nicht aufgeben, sie wollen nicht für ein Regime und ein Ziel kämpfen, das sie ablehnen«, fasst Canzten prägnant zusammen. Meistens gebe es mehr als einen Grund, »von der Fahne zu gehen« und zu desertieren.
Kein Randphänomen
Cantzen hat aufwändig recherchiert und belegt: Desertion war nie ein Randphänomen. Im 18.Jahrhundert, zur Zeit der feudalen Fürstenarmeen Preußens, desertierten etwa 20 Prozent der Soldaten, in Frankreich ebensoviele. Auch in den Weltkriegen quittierten viele Soldaten ihren Dienst, indem sie zum Beispiel nicht aus dem Fronturlaub zurückkehrten.
Besondere historische Bedeutung hatten die Militärstreiks und Revolutionen zum Ende des Ersten Weltkriegs, die man auch als kollektive Desertion bezeichnen könnte. Sie waren inspiriert durch die sinnlosen Gemetzel und die desaströse Kriegswirtschaft. Allein auf Seiten der deutschen Streitkräfte meuterten knapp eine Million Soldaten, die sich Richtung Heimat absetzten und in mehreren Städten revolutionäre Soldatenräte bildeten.
Deserteure stellten schon immer die Macht der Herrschenden in Frage. Deshalb setzten bereits römische Kaiser spezielle Truppen ein, die systematisch gegen Soldaten vorgingen, die sich dem Töten entzogen hatten. »Wer Deserteure denunzierte, erhielt eine Belohnung, wer sie unterstützte, wurde bestraft«, schreibt Cantzen. »Die Verhinderung von Desertion und Wehrdienstentziehung entwickelte sich im römischen Kaiserreich zu einer gewaltsam durchgesetzten staatlichen Aufgabe.« Die Bürger seien auf Kriegsdienst und den Staat verpflichtet worden. »Ihre Loyalität galt nicht mehr primär ihren Familien, Sippen oder Städten, sondern Staat und Kaiser.«
NS besonders brutal
Besonders eindringlich sind Cantzens Kapitel zur NS-Zeit, in der viele tausend Soldaten und sogar minderjährige Deserteure als »Verräter« diffamiert und hingerichtet wurden.
Gründlich aufgearbeitet hat der Autor die Rolle ehemaliger NS-Militärrichter, die für viele Todesurteile verantwortlich waren. Einige von ihnen machten in der BRD wieder Karriere als Juristen und Politiker, verharmlosten wie Hans Karl Filbinger, Ministerpräsident in Baden-Württemberg von 1966 bis 1978, ihre eigene Rolle als Blutrichter. Als vielzitierte Wissenschaftler verhinderten einige von ihnen jahrzehntelang die Rehabitlitation der Opfer der NS-Militärjustiz – ein Unrecht, das erst 2009 aufgehoben wurde. Für Cantzen offenbart dieses traurige Kapitel, wie tief das militärische Denken und bedingungsloser Gehorsam auch in Teilen der deutschen Nachkriegsgesellschaft verankert blieben.
Eine andere Lesart von Desertion hatten Teile der Studierendenbewegung. Für sie war das nicht Fahnenflucht, sondern ein Akt der Selbstbehauptung. »Eine Desertion ist eine moralisch gerechtfertigte, aber rechtlich sanktionierte Kündigung einer Zwangsmitgliedschaft«, zitiert Cantzen den US-Schriftsteller Henry David Thoreau. Auch andere Schriftsteller waren prominente Fürsprecher der Deserteure, etwa Lew Tolstoi und Heinrich Böll.
In seinem Buch verbindet Cantzen Einzelschicksale mit strukturellen Analysen, zeigt juristische Kontinuitäten und gesellschaftliche Tabus, die bis heute nachwirken. Er schlägt den Bogen in die Gegenwart: zu russischen und ukrainischen Deserteuren sowie zu Fragen des Asylrechts.
Frieden beginnt mit Widerspruch
Cantzens Buch erinnert daran, dass Wehrhaftigkeit nicht nur militärisch, sondern auch moralisch verstanden werden kann – als Fähigkeit, Nein zu sagen, wenn das Töten zum Befehl wird. Deserteure sind für ihn keine Feiglinge, sondern Menschen, die das Recht auf Selbstbestimmung verteidigen. In einer politischen Landschaft, die wieder bereit ist, Krieg als notwendiges Mittel der Politik zu akzeptieren, erinnert dieses Buch daran, dass Gewissen Widerstand bedeutet – und dass Frieden nicht mit Anpassung, sondern mit Widerspruch beginnt.
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