Den Fisch essen und den Wal retten – Rechte Mobilisierung am Beispiel von Wal ›Timmy‹
von Musa Kaplan
»Warum heißt dieser Wal Timmy und auch Hope?«, fragt ein versteinerter Meermann mit blau leuchtenden Augen. Ein junges Mädchen, blond, blauäugig, ein blaues Leuchtherz auf der Brust, weiß die Antwort: »Timmy nennen ihn nur die Geldgeier, Hope die Menschen mit Herz.« Anschließend schwimmt der Buckelwal ins Meer, im Hintergrund erscheint eine Deutschland-Fahne. Diese Sequenz stammt aus einem der unzähligen KI-generierten Videos, die rund um das Spektakel des gestrandeten Buckelwals vor der Insel Poel entstanden. Doch wer genau sind in diesem Drama die Geldgeier, wer die Menschen mit Herz, und wieso erinnert das Blauherz eigentlich so sehr an die AfD?
Seit Anfang März läuft das Spektakel um die Rettung und den Tod des Wals, und diese Geschichte hat wirklich alles: eine Meute bewegter Bürger:innen, die Absperrungen durchbrechen, um mit dem Wal zu sprechen; die Politiker:innen verklagen, die Fischbrötchen essend Interviews über ihr Wal-Engagement geben; AfD-Influencer, die Wal-Demos organisieren; Superreiche, die eigene Rettungsaktionen starten entgegen jeder Erfolgseinschätzungen durch Fachpersonen, und einen Bild-Live-Ticker, der minutiös über die Lage des Wals berichtete.
Anfang Mai wurde Timmy/Hope schließlich »gerettet« und in die Nordsee entlassen, zwei Wochen später wurde sein Leichnam vor Dänemark gefunden. Höchste Zeit für einen Rückblick, was sich hinter dem Spektakel verbirgt. Sicher ist: Um reine Tierliebe ging es dabei keinesfalls.
Misstrauen gegen ›die Politik‹
Der kollektive Wahnsinn, der sich rund um den gestrandeten Wal abgespielt hat, folgt einem klaren politischen Kalkül, von dem letzten Endes die AfD profitiert – ohne dass sie selbst proaktiv in Erscheinung treten musste. Sie stand eher still am Rand, während ihr Vorfeld und ihre Sympathisanten die Stimmung anheizten und das Chaos sich Bahn brach.
Die Wahl des Wals als rechten Bewegungsmoment macht durchaus Sinn: Es fällt Menschen leicht, bei solch spektakulären Rettungsaktionen mitzufiebern und eine empathische Beziehung zu dem Meeresriesen aufzubauen. Dass seine Lage tatsächlich komplex ist, Experten von einem kranken, geschwächten, dem Tod nahen Tier ausgehen, lässt sich gut nutzen, um die vermeintliche Herzlosigkeit der beteiligten Wissenschaftler und Politiker zu beweisen, gar eine Verschwörung aufzudecken: Sie wollen den Wal gar nicht retten, sie wollen ihn zu Biodiesel verarbeiten und sein Skelett soll im Naturkundemuseum Stralsund ausgestellt werden. Die Eliten wollen den Wal gar nicht retten, sie haben seinen Tod schon geplant!
Konsequenterweise fanden sich schnell Freiwillige, die den amtierenden Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), wegen unterlassener Hilfeleistung verklagen wollten. Es folgten Morddrohungen an weitere Beteiligte an der Rettungsaktion. Die emotionale Verbundenheit mit dem Schicksal des Wals bietet die Grundlage, Misstrauen gegen die Verantwortlichen, oder, grob gesagt, gegen »die Politik« zu säen. Daraufhin überließ Backhaus alles weitere einer privaten Rettungsinitiative, kommentierte aber bis zum Schluss vom Spielrand, etwas anderes konnte er sich mit Blick auf die Landtagswahlen im Herbst nicht leisten.
Tierliebe der Superreichen und AfD-Vorfeld
Dass allein in den ersten Tagen der Rettungsaktion mehr Gelder freigestellt wurden, als im ganzen Jahr 2025 für Seenotrettung im Mittelmeer, behält einen bitteren Beigeschmack. Apropos Geld: Nachdem die staatliche geleitete Rettungsaktion zum Schluss kam, dass es keinen Sinn mehr hatte, weitere Mittel zur Rettung des geschwächten Giganten aufzuwenden, sprangen bereitwillig zwei Superreiche in die Bresche: Die Milliardärin Karin Walter-Mommert, und der Millionär Walter Gunz. Während Mommert ihre Milliarden mit einem Pferderennsport-Unternehmen erwirtschaftet (nicht die tierliebste Industrie), ist der Mediamarkt-Gründer Gunz nicht nur Multimillionär, sondern auch bekennender AfD-Sympathisant (Mommert hält sich diesbezüglich bisher bedeckt).
Dank der selbstlosen Güte der beiden Superreichen wurden weitere Rettungsaktionen finanziert. Angeleitet durch den AfD-Sympathisanten Jens Schulz fand sich ein fragwürdiges Team zusammen, zwar ohne die Expertise erfahrener Organisationen wie Greenpeace oder Sea Shepherd, jedoch mithilfe eigens aus den USA eingeflogener Expert:innen und der vereinten Kraft bewegter Bürger:innen – organisiert durch Influencer wie Danny.firstclass.
Danny.firstclass, bürgerlich Daniel Hilse, trägt eine AfD-Käppi und Tattoos im Gesicht. Er ist Teil des Bündnisses »Gemeinsam für Deutschland«, ehemaliger Hells Angel und organisiert Veranstaltungen mit extremen Rechten. Bei der praktischen Rettungsaktion war er so sehr damit beschäftigt sich selbst zu filmen, dass er den Wal beinahe mit seiner Schiffsschraube überfuhr und ihn wieder in flachere Gewässer drängte. Auf den Wal-Demos stimmte er die 300 Teilnehmenden ein: »Der Tag ist noch lang, lasst uns Gas geben, für Hope.«
Später am selben Tag durchbrachen etwa 20 Demonstrierende eine Absperrung, vorbei an der Polizei, um durch die Sperrzone zum Wal zu gelangen. Tags zuvor sprang eine Frau von einer Fähre und schwamm zur Sandbank. Während ihrer anschließenden Verhaftung wusste sie zu berichten: »Ich habe Töne gemacht wie ein Wal und er hat sich gefreut und Fontänen gemacht. Wir sind jetzt frei. Wir haben jetzt keine Angst mehr vor der Regierung und dem ganzen Geld und dem Thema.«
Befeuert wurde der Hype um das arme Tier noch durch eine regelrechte Flut an emotionalisierenden KI-generierten Songs und Videos. Es etablierte sich das esoterische Narrativ, der Wal sei zu uns gekommen, um uns Hoffnung zu geben. Schließlich ging es nicht mehr darum, ob der Wal überleben würde oder nicht, sondern es ging um uns, die wir wieder frei wurden und Hoffnung fanden.
Kein kollektiver Tierschutz
Was der Bewegung fehlt, ist ein wissenschaftlich fundiertes Verständnis von Walrettung und von einem Tierschutz, der über die Instrumentalisierung dieses einen Wals hinausgeht. Ein kollektiver Tier- und Artenschutz würde etwa beim industriellen Fischfang ansetzen, die Schlepp- und Stellnetze ins Visier nehmen, von denen allein in der Ostsee jährlich zwischen 5000 und 10.000 Tonnen verloren gehen und zu sogenannten Geisternetzen werden, wie der gestrandete Buckelwal eins im Maul hatte, oder ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine vegetarische oder vegane Lebensweise in Zeiten der Klimakrise dem Artenschutz zuträglich wäre.
Insgesamt zeichnet sich die ganze Bewegung dadurch aus, dass sie keine konkreten Forderungen oder Vorschläge formulieren kann, da sie die unfähig ist, die Ursachen für die Strandung in den Blick zu nehmen. Vielmehr geht es um das Emotionalisieren einer eigentlich wissenschaftlichen Fragestellung, um das Inszenieren eines Spektakels, um das Austesten und Überschreiten von Grenzen, gekoppelt mit einem unerschütterlich gehegten Misstrauen gegenüber »der Wissenschaft« und »der Politik«. Dasselbe Muster von Wissenschaftsfeindlichkeit und einem esoterisch-patriotischen Schulterschluss findet sich schon in der Querdenker-Bewegung, während Morddrohungen gegen Mitglieder der damals amtierenden Ampelregierung sowohl bei Querdenkern als auch bei den Bauernprotesten Anfang 2024 einen Platz fanden.
Was für den Tierschutz konkret gewonnen wird, wenn dieser eine Wal überlebt, aber jährlich rund 300.000 Wale und Delfine durch Fischereinetze sterben und viele weitere durch die industrielle Schifffahrt desorientiert, gestresst und verletzt werden, bleibt ein Rätsel.
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