Massenaktionen von Ende Gelände im Ruhrgebiet
von Musa Kaplan
In den frühen Morgenstunden des 5.Juni schallen die Rufe hunderter Aktivist:innen über die Zeltfläche des Klimacamps in Hamm: »Auf geht’s – ab geht’s – Ende Gelände«. Einige Stunden später haben vier Finger ihre über das Ruhrgebiet verteilten Aktionsziele erreicht.
Die Gleise des größten Gaspipelineherstellers Europas, Europipe, werden blockiert; ebenso das Uniper-Kraftwerk Scholven, das auf Gaskraft umgerüstet wurde; die Zufahrt zu einem von RWE geplanten Gaskraftwerk in Voerde und – nicht zuletzt – ein KNDS-Werk, das Panzerstahl für die berüchtigten deutschen Leopard-Panzer produziert.
Die Bilder von den Aktivist:innen in weißen Malerkitteln und ihre Rufe, dass eine andere Welt möglich ist, wecken Erinnerungen an die Hochphase der Klimagerechtigkeitsbewegung. Seit 2015 mobilisiert das Aktionsbündnis Ende Gelände zu massenhaftem zivilen Ungehorsam an die Orte der Zerstörung. Vor allem die Blockaden der Kohlegruben im rheinischen Braunkohlerevier erwiesen sich als besonders wirksam.
Seit der dortigen Räumung von Lützerath und dem geplanten Kohleausstieg 2038 (im rheinischen Revier 2030) stellt die Klimabewegung sich die Frage, wie es nun weiter gehen kann. Das Ende der Kohle ist tatsächlich eine Errungenschaft, die die Bewegung erkämpft hat, wenn auch der Zeitpunkt aus klimapolitischer Sicht viel zu spät ist.
Doch die drängende Frage »Wie weiter« hat die Bewegung in den drei Jahren seit Lützerath mit keinem ähnlich schlagkräftigen Ansatz beantworten können. Weder das strukturbasierte Organizing in der ÖPNV-Kampagne »Wir fahren zusammen«, noch die Thematisierung der Flüssiggas-Terminals in der Nord- und Ostsee oder der zunehmenden Wasserknappheit konnten an die Mobilisierungserfolge oder den politischen Druck anschließen, die der Kampf gegen die Braunkohle erzeugt hat.
Sauberes Gas ist eine dreckige Lüge
Als 2015 das Pariser Klimaabkommen beschlossen wurde und es von 2021 bis 2025 eine grüne Regierungsbeteiligung gab, öffnete sich ein politisches Fenster, in dem mehr Klimapolitik denkbar wurde. Mit den Grünen war eine Partei an der Bundesregierung beteiligt, die zwar für einen grünen Kapitalismus steht, die sich aber zumindest unter Druck setzen ließ, mehr Klimapolitik zu machen.
Dieses Fenster für »mehr Klimapolitik« hat sich mit dem russischen Angriffskrieg und dem Zurückschlagen der Gasindustrie geschlossen. Während die Klimagerechtigkeitsbewegung mit dem Ende der Kohle in ein Bewegungstief geraten ist, haben sich die fossilen Konzerne in Deutschland und global neu aufgestellt.
Die Abkehr von der Kohle in Deutschland geht einher mit fortgesetzter Kohleverstromung in den verbleibenden zwölf Jahren und mit einem Ausbau von Gasinfrastruktur, der den Bedarf einer Übergangstechnologie weit übersteigt.
Die Erzählung der Bundesregierung geht dahin, dass Gas eine saubere Übergangstechnologie sei. »Sauberes Gas? Das ist eine Lüge des Petrostaats, die dafür sorgen soll, dass Geld, Öl und Gas ungehindert weiterfließen«, entgegnet Amalen aus Malaysia vom Artivist-Network.
Ob in Argentinien, den USA oder Mosambik: Frackinggas zieht eine Spur der Verwüstung nach sich, die ihresgleichen sucht. In Cabo Delgado im Norden von Mosambik plant etwa der französische Milliardenkonzern TotalEnergies Afrikas größtes LNG-Projekt, für das der deutsche Konzern Siemens Energy wohl die Gasturbinen liefern wird. Seit Beginn des Projekts hat sich eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, in deren Folge 60.000 Menschen aus der Region vertrieben und 6000 getötet wurden.
»Wir wollen, dass dieses Landgrabbing aufhört. Sie kommen wieder, um unsere Homelands zu zerstören. Ich denke, dass unsere Communities nach Sklaverei und Kolonialismus eine Atempause verdienen. Stattdessen erleben wir erneute Genozide im Namen von Gas und Öl und für die Profite einiger weniger«, klagt Ina-Maria Eshikongo, eine Aktivistin aus Namibia.
Sie ist Teil einer Delegation internationaler Klimaaktivist:innen auf dem Camp. Ihre Forderung: Dass diese Wenigen endlich zur Verantwortung gezogen werden. Angesichts des fossilen Rollbacks und der Milliardeninvestitionen in Aufrüstung und Militarisierung brauche es eine schlagkräftige Klimabewegung heute mehr denn je.
Who shut shit down? We shut shit down!
Hier stellt sich nun die Frage, wie die Klimagerechtigkeitsbewegung es schaffen könnte, diese Menschen zur Verantwortung zu ziehen. Mit welchen Hebeln ließe sich genug Druck aufbauen, um den Ausbau von klimaschädlicher Infrastruktur aufzuhalten? Wie ließe sich der fossile Konsens hierzulande und weltweit durchbrechen? Und wie kann die Bewegung wieder in ein Hoch finden?
Die Idee von Ende Gelände besteht darin, an die Orte der Zerstörung zu gehen und dort massenhaften zivilen Ungehorsam zu leisten, um so Gegenmacht aufzubauen. Bekannt wurde das Aktionsbündnis durch das Blockieren von Kohlegruben. Die Bilder von Aktivist:innen, die in weißen Maleranzügen in die riesigen Gruben eindringen und somit ein Schlaglicht auf die ökologische Zerstörung warfen, die auch hierzulande stattfindet, gingen durch die Medien.
Das Blockieren von Kohlegruben bietet aus aktionistischer Perspektive hervorragende Bedingungen. Kohlegruben lassen sich aufgrund ihrer schieren Größe unmöglich abriegeln, selbst wenn die Blockade im vorhinein öffentlich angekündigt ist. Die riesigen Bagger und Förderbänder in den Gruben laufen rund um die Uhr. Daraus folgt, dass sobald ein Finger in die Grube gelangt, dort eine effektive Blockade besteht, da die Produktion für die Dauer der Blockade aus Gründen der Arbeitssicherheit eingestellt wird.
Der ökonomische Schaden, der damit entsteht, mag zwar vergleichsweise gering sein, immerhin kann die Grube den Betrieb wenige Stunden später wieder aufnehmen. Doch das Gefühl von kollektiver Wirksamkeit und Selbstermächtigung, das solch eine Blockade bei den Aktivist:innen auslöst, ist unvergleichlich. Zudem sind die Bilder, die bei der Blockade entstehen, äußerst wirkmächtig. Einerseits die riesigen, Landschaft verschlingenden Bagger, auf der anderen Seite die Aktivist:innen, verschwindend klein, wie Ameisen, doch in der Lage, die unaufhaltsam scheinenden Schaufelräder zu stoppen.
Dieses Zusammenspiel ergab eine Aktionsform, die es vielen Menschen ermöglichte, den gemeinsamen Regelbruch zu üben und so Teil einer kämpfenden Bewegung zu werden, die entschlossen ist, dem fossilen »Weiter so« ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Verknüpft mit der Besetzungsstrategie von Lützerath und dem ebenfalls im Rheinland gelegenen Hambacher Wald konnten die Demonstrierenden mit Recht von sich behaupten: »Wir sind hier genau richtig!«
Gegen Gas und Militarisierung
Mit dem beschlossenen Kohleausstieg und der Räumung von Lützerath wurde eine Reform festgemacht, an der so leicht nicht mehr zu rütteln ist. Obwohl der Zeitpunkt des Kohleausstiegs keineswegs ideal ist, ist er beschlossene Sache. Also muss eine neue Schwerpunktsetzung her, und damit auch neue Aktionsformen, die die Besonderheiten des jeweiligen Elements berücksichtigen.
An Themen mangelt es nicht. Die Herausforderung besteht vor allem darin, dass LNG, Gas und Rüstungsindustrie schwierigere Aktionsziele darstellen als die Kohlegruben. Denn die LNG-Terminals, die vor Rügen gebaut wurden, sind auf dem Wasser, und somit weder sonderlich zugänglich für Massenaktionen, noch erzeugt das Entern der Plattformen ähnlich spektakuläre Bilder wie der Gang in die Kohlegruben. Gaskraftwerke, Schienen oder die Werkstore von Kriegsindustrie zu blockieren sind da schon naheliegender.
Tatsächlich erreichten vier der fünf Finger ihre Aktionsziele. Die Aktionen waren allesamt symbolisch, wie ein französischer Campteilnehmer anmerkte, ihr Sinn bestand darin, die eigenen Narrative in die Medien zu bringen. Diese wurden in Szene gesetzt, indem Aktivist:innen Solarpaneele vor dem Kraftwerk Scholven installierten und damit einen Skydancer mit dem Gesicht von Katherina Reiche betrieben.
Die Blockade der Werkstore eines Panzerstahlwerks und die Gesten der Solidarität mit den Ulm5 (siehe SoZ 6/2026) verwiesen auf den Zusammenhang zwischen Militarisierung, Krieg und fossilem Rollback.
Tatsächlich gelang es den Fingern, die sich vorher aufteilten oder von außerhalb des Camps starteten am besten, unbeschwert an ihr Aktionsziel zu gelangen. Die Fülle an Aktionszielen im dicht bebauten Ruhrgebiet sowie die gute Anbindung spielten den Aktivist:innen in die Hände.
Hier zeigt sich aber auch eine Schwäche der Fingertaktiken in der Stadt. In der Weite der Felder lassen sich Polizeiketten durchfließen. In den engen Straßen der Stadt ist das kaum möglich, allzu schnell kann die Polizei eine Fingerformation blockieren oder gar einkesseln. Dass vier der fünf Finger ihr Ziele erreichten, ist teils Glück und teils guter Planung zu verdanken.
Die gelungenen Aktionen ließen eine gewisse Nostalgie für die Hoch-Zeit von Ende Gelände aufkommen, und auch bei jüngeren Aktivist:innen weckte das Wochenende Erinnerungen an eine Klimabewegung, deren Parolen nun wieder durch die Straßen hallten. Angesichts der beängstigenden weltpolitischen Entwicklungen helfen solche Momente, neue Kraft zu schöpfen. Doch als politisches Gefühl trägt diese Nostalgie nur so weit, bis sich die Frage nach der Anschlussfähigkeit für neue Aktivist:innen stellt.
Mit Blick auf die mediale Berichterstattung, die in einer großen Presseschau ausgewertet wurde, verkündete eine Aktivistin von Ende Gelände, es sei gelungen ist, den Gasausstieg als Thema zu setzen. Die Süddeutsche Zeitung titelte: »Klimabewegung versucht ihr Comeback«. Dazu meint unsere Aktivistin: »Ja, das haben wir geschafft!«
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