Olympische Spiele in Nazideutschland
von Ulrich Schneider
Faschistische Propagandashow und antifaschistischer Widerstand
Vor 90 Jahren, 1936, erhielt das faschistische Deutschland eine, aus seiner Sicht großartige Gelegenheit, sich als »friedlicher« und »weltoffener« Staat zu präsentieren, in dem Ruhe, Recht und Ordnung herrschten. In dem Jahr fanden die Olympischen Spiele in Deutschland statt. Vom 6. bis 16.Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele. Vom 1. bis 16.August folgten die Sommerspiele in Berlin, der »Reichshauptstadt«.
Die Entscheidung zur Vergabe der Spiele an Deutschland war vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bereits 1931 getroffen worden und sollte dazu beitragen, das Land wieder in die Völkerfamilie zu integrieren, nachdem das Deutsche Reich mit dem Versailler Vertrag international politisch isoliert worden war. Trotz der Folgen der Weltwirtschaftskrise hoffte man, dass dieses internationale Großevent in Deutschland umgesetzt werden könne.
Die Hitler-Regierung erkannte sehr bald die in diesem Angebot liegende Möglichkeit der propagandistischen Selbstdarstellung. Heute wird manchmal darüber gerätselt, warum die NS-Regierung Theodor Lewald, der jüdischer Herkunft war, als Sportfunktionär und Leiter des Organisationskomitees der Olympischen Spiele in Berlin akzeptiert habe. Lewald, ehemals Mitglied der liberalen DVP und kaiserlicher Regierungsrat, war jedoch international hoch angesehen und niemals in Opposition zum NS-Regime gewesen. Seine Kontakte in die internationale Sportpolitik waren eine Rückversicherung für das NS-Regime, dass dieses Großereignis – trotz mancher politischer Einflussnahmen – störungsfrei über die Bühne gehen konnte.
Was die Errichtung der entsprechenden Sportstätten betraf, gab es für das NS-Regime keine Probleme. Neben der Bildung einer Architektengruppe hatte man mit dem neu geschaffenen Reichsarbeitsdienst ein ausreichendes Arbeitskräftepotenzial, sodass selbst arbeitsintensive Baumaßnahmen rechtzeitig fertiggestellt werden konnten.
Ein geschöntes Bild
Ein zentrales Thema für die ideologische Wirksamkeit dieser Spiele war die Inszenierung zur Imagepflege des NS-Regimes. Karl Ritter von Halt, Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele, warnte schon im Mai 1935 davor: »Wenn in G[armisch]-P[artenkirchen] die geringste Störung passiert, dann – darüber sind wir uns doch alle im klaren – können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Meldung zurückziehen würden« (BArch, R43-II/599a, Image 0029).
Propagandaminister Joseph Goebbels wies daraufhin die Presse an, den Ton in der Olympiaberichterstattung zu mäßigen. Rassistische Kommentare über schwarze Sportlerinnen und Sportler seien zu vermeiden. Des weiteren wurde der öffentliche Verkauf des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer während der Olympischen Spiele eingestellt. Vor den touristischen Orten in Bayern wurden die dort platzierten Schilder »Juden sind hier unerwünscht« abmontiert und selbst die Tötung von Wilhelm Gustloff, des Schweizer NSDAP-Gaubeauftragten, am 4.Februar 1936 wurde bewusst mit Stillschweigen umgeben, um keine Störung der beabsichtigten Bilder zuzulassen.
Tatsächlich war die Vermittlung dieses öffentlichen Bildes des faschistischen Deutschlands erfolgreich. Mit 49 teilnehmenden Nationen und 3961 Athleten stellten die Olympischen Spiele in Berlin einen neuen Teilnehmerrekord auf. Nur die Sowjetunion sagte ihre Teilnahme an den Spielen aus politischen Gründen ab.
Um die gewünschten Bilder auch den deutschen »Volksgenossen« zu präsentieren, die nicht in Garmisch oder Berlin anwesend sein konnten, wurde die Hausregisseurin Leni Riefenstahl mit der filmischen Dokumentation der Spiele beauftragt. Der zweiteilige Film Olympia gehört zu ihren größten Publikumserfolgen, weil er nach den Spielen in fast allen deutschen Kinos gezeigt wurde.
Da bei den Spielen natürlich auch sportliche Leistungen über das Ansehen einer Nation entschieden, war das faschistische Deutschland bereit, selbst Sportler, die eigentlich außerhalb der »Volksgemeinschaft« standen, zum »Ruhme Deutschlands« antreten zu lassen – bevor sie anschließend wieder verfolgt und oftmals getötet wurden. Bei den Winterspielen wurde Rudi Ball in die Eishockey-Mannschaft aufgenommen, obwohl er jüdischer Herkunft war. Bei den Sommerspielen waren die bekanntesten Namen die Fechterin Helene Mayer, die als »Halbjüdin« der deutschen Olympiamannschaft angehörte und eine Silbermedaille gewann, sowie der Kommunist Werner Seelenbinder, populärer mehrfacher deutscher Meister im Ringen. Zwar gelang ihm keine Medaille, er blieb aber auch nach den Spielen noch sportlich aktiv, erst 1942 wurde er wegen antifaschistischen Widerstands verhaftet und 1944 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet.
So vorbereitet schien der Ablauf der Spiele der faschistischen Propagandashow recht zu geben, selbst wenn bei den Leichtathletikwettkämpfen oftmals »die Falschen« siegten, wie zum Beispiel der schwarze US-Amerikaner Jesse Owens, der bei Laufwettbewerben und im Weitsprung insgesamt vier Goldmedaillen gewann.
Internationaler Widerstand
Oftmals wird vergessen, dass die Durchführung der Olympischen Spiele in Deutschland zu einem sichtbaren Aufschwung des antifaschistischen Widerstands führte. Neben politischen Parteien und Regierungen riefen auch die Rote Sport-Internationale und die Sozialistische Arbeitersport-Internationale zu einem Boykott der Spiele auf. Verschiedene Kräfte des antifaschistischen Exils, die politische Linke in Europa sowie linke deutsche Emigranten wie Heinrich Mann und Rudolf Breitscheid unterstützten die Aufrufe.
Als öffentlich sichtbares Zeichen gegen die Propagandashow in Berlin luden die republikanischen Kräfte in Spanien zu einer Olimpiada Popular, einer »Volksolympiade«, vom 19. bis 26.Juli 1936 nach Barcelona ein. Sie orientierte sich an den Arbeiterolympiaden in Frankfurt am Main (1925) und Wien (1931). Geplant waren Wettkämpfe in 17 Sportarten sowie kulturelle Veranstaltungen. Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 20 Staaten waren gemeldet. Die Athleten kamen aus der Arbeitersportbewegung, selbst in Deutschland verbotene Arbeitersportvereine hatten Starter gemeldet.
Unmittelbar vor Beginn dieser Gegenolympiade begann der Putsch der Franco-Einheiten gegen die spanische Republik. Die Volksolympiade, geplant als Fest des Friedens und der Völkerverbrüderung, fiel daraufhin aus. Viele Arbeitersportler, die bereits in Barcelona waren, schlossen sich spontan dem Kampf um die Verteidigung der spanischen Republik und den daraus entstandenen Internationalen Brigaden an.
Die große Internationalität der Olympischen Spiele, die vielen tausend Touristen, die zu den Spielen anreisten, versuchten die Nazigegner im Exil und im Deutschen Reich für antifaschistische Aufklärung zu nutzen. Widerstandsgruppen erstellten zum Teil mehrsprachige Flugblätter für die Besucher und informierten sie über die Wirklichkeit im faschistischen Deutschland – im Gegensatz zur propagandistisch inszenierten Öffentlichkeit. Die Gestapo und der SS-Sicherheitsdienst registrierten in den Tagen und Wochen vor den Spielen eine große Zahl illegaler Flugschriften.
Zwei Flugblätter unter den Überschriften »Deutsche Sportler auf Lebenszeit im Zuchthaus« und »Der Weltrekord des Terrors« entlarvten die Gewalttaten des NS-Verfolgungsapparats. Ein besonders eindrucksvolles Material war eine »Übersichtskarte über die Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse in Deutschland«. Diese Landkarte mit mehr als 100 Haftstätten im Deutschen Reich wurde als Faltkarte in verschiedenen Fassungen verbreitet. Sie lag dem Buch Das Deutsche Volk klagt an bei und wurde als Tarnschrift unter dem Titel »Lernen sie das schöne Deutschland kennen« in Berlin verbreitet.
Willy Münzenberg druckte die Karte in einer Sonderausgabe der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (A-I-Z) ab, die ebenfalls nach Berlin geschmuggelt wurde. Bereits zuvor waren Kopien an ausländische Gäste und Sportler, die an den Olympischen Spielen teilnahmen, geschickt worden. Allein die schiere Zahl der Haftstätten des faschistischen Lagersystems, die auf der Zeitungsformat großen Karte verzeichnet waren, war für jeden Betrachter selbsterklärend. Es bedurfte dazu keiner mehrsprachigen Erläuterung.
Mit dem Ende der Olympischen Spiele, der Abreise der Gäste aus aller Welt, wurde der Terror im faschistischen Deutschland wieder Alltag. Die antisemitischen Propagandaschilder – »Juden sind hier unerwünscht« – wurden wieder vor den touristischen Orten aufgerichtet und antifaschistische Sportler verhaftet und in Lager und Haftstätten verschleppt. Gegen die Idee des »olympischen Friedens« wurde Ende 1936 der Vierjahresplan zur Kriegsfähigkeit beschlossen.
Ulrich Schneider
Der Autor ist Verfasser diverser Bücher über Faschismus und Widerstand, u.a.: Buchenwald. Ein Konzentrationslager. Köln: PapaRossa, 2025.
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