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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2015 |

Alles gehört auf den Prüfstand…namentlich die eigene Geschichte

History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft. Ein Lesebuch
Hrsg. AutorInnenkollektiv Loukanikos, Berlin: edition assemblage, 2015
von Renate Hürtgen*

Es war der Zweifel an bisheriger Theorie und Praxis linker Geschichte, der 2013 den Anstoß zu einer Debatte in der Zeitung analyse & kritik (siehe ihre Sonderbeilage: www.akweb.de/themen/sonderbeilage_unwritten.htm) gab. Sie kreiste um die Frage, wie in einer kritischen Auseinandersetzung mit herrschenden und linken Mythen vermieden werden kann, eine Gegenerzählung zu schaffen, die wieder neue Mythen produziert.
Hinter dieser etwas metatheoretisch anmutenden Fragestellung stand das große Unbehagen an aktueller linker wissenschaftlicher und politischer Geschichtspraxis und das Ziel, es anders und besser zu machen. Initiator und Organisator dieser bis heute andauernden Debatte ist Loukanikos, eine kleine Gruppe junger Historiker, Politik- und Kulturwissenschaftler, die sich außerhalb vom institutionellen Wissenschaftsbetrieb – der bekanntlich in seiner neoliberalen Ausrichtung kaum unabhängiges Arbeiten zulässt – zusammengefunden hat, um einer «wissenschaftlichen Vereinzelung und Konkurrenzlogik eine kollektive und solidarische Arbeitsweise» (S.395) entgegenzusetzen.
Seitdem ist ein ganzes autonomes «Netzwerk im Feld kritischer Geschichtswissenschaft» (S.120–133) entstanden, von dem wichtige Impulse für den Neuansatz einer emanzipatorischen Geschichtsaufarbeitung ausgehen. Im selben Jahr noch organisierte Loukanikos die Tagung «History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft: Gestern, Heute und Morgen», die von 200 Leuten besucht wurde. 2015 erschien der durch zahlreiche Beiträge und überleitende Texte der Herausgeber erweiterte, hier zu besprechende Tagungsband.
Das prophezeite «Ende der Geschichte» nach dem Zusammenbruch des «Realsozialismus» ist nicht eingetreten, die Zeit des Abgesangs auf eine alternative Perspektive scheint vorbei. Denn darin sind sich Herausgeber und Autoren einig: Die kritischen Fragen – auch und vor allem an die eigene linke Geschichte – werden gestellt, um Antworten zu finden, wie eine Alternative zu den bestehenden Verhältnissen aussehen muss.
«Fragend schreiten wir voran – fragend blicken wir zurück», ist das Motto des Bündnisses Rosa&Karl, das sich zeitgleich in Berlin aus verschiedenen linken Jugendverbänden und Einzelpersonen mit dem Ziel gegründet hat, in «die bisherige Praxis des Gedenkens an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu intervenieren» (S.396 sowie 348–357). Damit nicht genug der weitgesteckten Ziele! Die Herausgeber wollten mit der Tagung und dem vorliegenden Tagungsband Akademiker und Praktiker zusammenbringen, damit sich linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft produktiv verbinden können.
Schon auf der Tagung zeigte sich, dass dieses Miteinander von wissenschaftlich-akademisch Arbeitenden und den Praktikern einer linken Gedenk- und Erinnerungskultur so einfach nicht herzustellen ist. Im Tagungsband sind deren Beiträge dann auch getrennt von den eher wissenschaftlich-methodisch reflektierenden in den Kapiteln II und III konzentriert. Die zehn Beiträge geben einen guten Überblick über die aktuelle Arbeit an Gedenk- und Erinnerungsorten des NS, über Probleme der Bildungsarbeit, der historischen Ausstellungsgestaltung und der Art und Weise, wie linke Geschichtspolitik in das offizielle Gedenken intervenieren sollte. Verschiedene Autorinnen und Autoren problematisieren, dass es inzwischen eine breite «Institutionalisierung» der offiziellen Gedenkkultur gibt und linke Erinnerungskultur weniger nach «weißen Flecken» zu suchen hat, dafür eher die Art und Weise ihres Intervenierens neu bestimmen muss.
Die Ergebnisse fallen allerdings sehr unterschiedlich aus. Während die einen tatsächlich neue Wege suchen, (Hausbesetzer_innen im ehemaligen Knast; Museen hacken), ziehen sich andere auf das wohl als besonders radikal empfundene Intervenieren in offizielles Gedenken als shocking method zurück (Antifaschistische Initiative Moabit; gruppe audioscript).
Es scheint mir an der Zeit, offen und ohne ideologische Tabus die Frage zu diskutieren, ob das Intervenieren zum Beispiel in die staatsoffiziellen Gedenken an die Bombardierung Dresdens mit dem Slogan «Bomber Harris – do it again!» und in die sogenannte Vertriebenenproblematik mit «Nie wieder Heimat!» etwas mit linker emanzipatorischer Geschichte zu tun hat. Aus linker Sicht die herrschenden Gedenk- und Erinnerungsfeiern zu entmystifizieren ist eben mehr, als sie zu beschimpfen.
Bemerkenswert ist, dass sich kein Artikel aus diesen Kapiteln explizit mit der Erinnerungs- und Gedenkkultur an die DDR und andere «realsozialistische Staaten» beschäftigt. Im Fokus steht der NS, den einige Autoren in seiner ideell wie strukturell fast bruchlosen Kontinuität untersuchen. Das ist eine bekannte, mit dem Begriff «Postnazismus» bezeichnete Methode in der linken Erinnerungskultur, die mir jedoch in diesem Kontext besonders fragwürdig und unbedingt überdenkenswert erscheint. Wenn wir nämlich historische Veränderungen der rechten Ideologie und Praxis nicht zur Kenntnis nehmen, werden wir kaum wirkungsvoll gegen sie auftreten können.
In den Kapiteln I und IV steht mit 14 Beiträgen das Kernthema der Tagung zur Debatte: die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, mit der überkommenen Tradition der linken und Arbeiterbewegung. Einig sind sich alle, dass es um einen kritischen Traditionsbezug gehen muss. Aber was heißt das? Und mit welchem methodischen Instrumentarium ist das zu schaffen? Was haben uns die Altvorderen noch zu sagen, und konnten sie tatsächlich unsere Fragen und Probleme antizipieren – was ja «voraussehen» meint – oder ist «ihre» Zeit mit «unserer» Zeit gar nicht mehr vergleichbar? Solche Fragen gehen über den Vorschlag, sich den bisher vernachlässigten oder gar «ungeschriebenen Geschichten» zuzuwenden und aus den Erfahrungen der Arbeiterbewegung zu lernen, hinaus.
Im einzelnen diskutieren die Autorinnen und Autoren, an welchem historischen Wendepunkt sich eine emanzipatorische Geschichtsschreibung angesichts des Zusammenbruchs des Ostens gerade befindet (David Meyer; Renate Hürtgen) und machen Vorschläge, wie der linke Traditionsbezug aufrechtzuerhalten ist, ohne in neue Mythenbildung zu verfallen (Gottfried Oy/Christoph Schneider; Max Lill; Florian Grams). Die Geister scheiden sich u.a. an der Frage, ob eine «große Erzählung» linker Geschichte zu schreiben ist, die an die Erfahrungen der Arbeiterbewegung anknüpft, um das Unabgegoltene für uns Heutige geschichtsmächtig zu machen (Ralf Hoffrogge), oder ob dies wieder die Gefahr der Mythenbildung birgt und eine Geschichtsschreibung etabliert, die sich letztlich absolut setzt. Würde es nicht vielmehr darum gehen, fragt Cornelia Siebeck, auch dem eigenen Standpunkt, der kein privilegierter ist, die Wahrheits- und Deutungsmacht zu entziehen? Müssen wir uns nicht auch von der linken Tradition emanzipieren, um die Gestaltung der Zukunft in aller Offenheit anzugehen? Es geht also bei diesem Streit auch darum, die Arbeiterbewegung als eine historisch Gewordene und historisch Vergängliche zu begreifen, ohne den Klassenstandpunkt aufzugeben oder zu relativieren.
Das alles sind nicht nur für linke Historiker ziemlich neue Fragestellungen, die so bisher noch nicht diskutiert wurden; auch die linke Geschichtspolitik muss einige ihrer «Essentials» überprüfen. So, wie es das Bündnis Rosa&Karl mit seiner Infragestellung eines zum Ritual erstarrten Gedenkens der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht tat. Die Akteure dieses Bündnisses dachten nicht nur über eine alternative Demoroute nach, sie wandten sich auch gegen eine mythische Vereinnahmung der beiden historischen Gestalten durch die DDR, die sich als direkte Nachfolgerin dieser ihrer Vorkämpfer von 1918/19 verstand. Die heftigen Reaktionen, in denen ihre Kritik am «Realsozialismus» mit Antikommunismus gleichsetzt und sie zu Verrätern an der Sache gestempelt wurden, machen deutlich, dass die im Tagungsband angeregte Debatte unbedingt weitergeführt werden muss.
In welcher Art und Weise diese außerinstitutionelle Diskussion über das Selbstverständnis einer linken Geschichte weitergehen kann, ob es gelingt sie zu verstetigen, zu verbreitern und Impulse in weitere linke Kreise zu senden, wird sich zeigen. Eine Gruppe junger HistorikerInnen, darunter auch AutorInnen des Tagungsbandes, bereiten zusammen mit dem Arbeitskreis Geschichte für Ende Oktober einen Workshop zu 1989/90 vor; ganz im Geist der Loukanikos-Tagung werden sie ihn im Untertitel «Eine Bestandsaufnahme» nennen. Vielleicht tut sich ja anderswo auch etwas?
Übrigens, Loukanikos hieß der Hund, der bis 2014 bei den Athener Straßenkämpfen gegen die Sparmaßnahmen immer dabei war.

* Renate Hürtgen kommt aus der linken DDR-Opposition, ist Mitbegründerin des AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost West und Zeithistorikerin.


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