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Flint/Michigan, USA

Verseuchtes Trinkwasser – ein Ewigkeitsproblem
von Angela Huemer

Um zu sparen holten die Bewohner von Flint, Michigan, seit April 2014 ihr Wasser aus dem gleichnamigen Fluss. Unbehandelt. Die Folge: unabsehbare Gesundheitsschäden durch Bleivergiftungen. Es lohnt sich im Detail nachzusehen, wie es zu einer solchen Verschmutzung des Trinkwassers in einem der reichsten Länder der Welt kommen konnte.
Es begann damit, dass die Stadt Flint fast bankrott war (wieder einmal) und der Staat Michigan (geführt vom Republikaner Rick Snyder) im November 2011 den ersten einer Reihe von sog. «Emergency Managern», also einen Notkommissar einsetzte. Dieser erkundete alle nur erdenklichen Sparmöglichkeiten.
Im Dezember trafen sich Vertreter des Finanzministeriums des Bundesstaats Michigan mit Stadtverantwortlichen, um eine neue Wasserquelle für Flint aufzutun. Flint liegt rund 100 Kilometer vom größten natürlichen Wasserreservoir, den Großen Seen, entfernt. Seit 1964 erhielt Flint auf der Basis eines Jahrzehnte alten Vertrags sein Wasser von Detroit. Nun tat sich die Möglichkeit auf, von der Wasserbehörde Karegnondi Anschluss an eine neue Wasserquelle, den eigenen Fluss zu bekommen. Das Problem: Die nötige Pipeline war noch in Bau und würde erst in zwei Jahren zur Verfügung stehen. Dennoch stimmten im März 2013 die Stadtverantwortlichen für die neue Wasserquelle und im April 2013 entschied sich auch Flints Notfallmanager für die neue Wasserquelle, obwohl die Verhandlungen mit Detroit noch liefen. Der langjährige Vertrag mit Detroit war im Auslaufen begriffen und Detroit bemühte sich um einen Folgevertrag.
Das war ein wichtiger Punkt, denn als der Skandal losbrach, wurde stets behauptet, das Ganze sei nur geschehen, weil Detroit Flint den Hahn abgedreht habe. Im Juli 2013 heuerte Flint eine Firma an, die die Umstellung managen soll. Im März 2014 verabschiedet der nunmehr schon dritte Notfallmanager Darnell Early Flint endgültig vom Wasser aus Detroit, kurz darauf erlaubt die staatliche Umweltbehörde die Verwendung des Flusswassers. Fatalerweise verlangt sie von der Stadt aber nicht, dem Wasser die nötige Chemie hinzuzufügen, die eine Korrosion der alten Wasserrohre der Stadt verhindern soll und in den USA eigentlich Standard ist.

Kriminelles Behördenverhalten
Nicht lange nach der Wasserumstellung beschweren sich die Bürger von Flint über das bräunlich aussehende Wasser und über gesundheitliche Beschwerden. Im August 2014 werden E.coli-Bakterien im Wasser nachgewiesen und die Bevölkerung gebeten, das Wasser zu kochen. Nun setzt man dem Wasser Chlor hinzu. Im Oktober entscheidet eine der wenigen verbliebenen General-Motors-Niederlassungen, künftig anderes Wasser für die Fabrik zu verwenden, weil das Flusswasser die Maschinen schädigt.
Es kommt noch dicker. Am 2.Januar bemängelt die staatliche Umweltbehörde inakzeptable Konzentrationen von Trihalogenmethanen, hervorgerufen durch die mangelhafte Behandlung des Wassers mit Chlor. Erhöhtes Krebsrisiko und andere gesundheitliche Risiken sind die Folge. Doch (der seither abgewählte) Bürgermeister Dayne Walling versichert am 6.1., das Wasser sei «safe to drink». Nur drei Tage später deaktiviert die Universität von Michigan in Flint ihre Trinkwasserbrunnen – das Wasser weist zuviel Blei auf. Der Notfallmanager kündigt daraufhin an, Wasseraufbereitungsratgeber anzuheuern, eine Rückkehr zum Detroiter Wasser schließt er aus.
Zwei Tage danach wird Early nach Detroit versetzt, um dort in Not geratene Schulen zu verwalten. Ein neuer Notfallmanager kommt, und im Februar findet man in einem Privathaushalt, wo eine Mutter Alarm geschlagen hatte, weil die Bleikonzentration im Wasser dreimal über dem Wert lag, ab dem es als Sondermüll deklariert worden wäre und ihre Zwillinge deshalb massive Gesundheitsprobleme hatten. Wieder zwei Tage später fragt das Washingtoner Umweltbundesamt beim Staat Michigan nach, ob die Stadt dem Flusswasser denn auch korrosionshemmende Mittel zusetzt. Die Antwort: Ja, die Stadt behandelt das Wasser korrekt. In Wahrheit blieb das Wasser unbehandelt.
Die Stadt will nun wieder Wasser von Detroit. Im April ist die finanzielle Notsituation der Stadt offiziell vorbei, der Notfallmanager wird entlassen. Auf Warnungen hinsichtlich des Bleigehalts reagieren staatliche Beamte mit Aussagen wie: «Wir müssen das noch überprüfen» bis hin zu: «Relax». Nicht genug damit. Ein Bericht der Stadt Flint, der den zu hohen Bleigehalt bestätigt, wird von den staatlichen Beamten verworfen, sie streichen aus dem Bericht ganz einfach die zwei höchsten Messwerte. Ein Forscher der Universität Virginia Tech prüft ebenfalls das Wasser auf Bleigehalt und stellt eklatant hohe Werte fest.
Die Kinderärztin Mona Hanna-Attisha schlägt Alarm, die Bleiwerte im Blut von Kindern sind viel zu hoch. Im September gibt Gouverneur Rick Snyder zu, die Umstellung vom Detroiter zum Flusswasser sei «nicht gut gelaufen». Der Bezirk rund um Flint erklärt den Gesundheitsnotstand, im Oktober wird die Rückkehr zu Detroiter Wasser beschlossen und es werden Filter verteilt.
Im Dezember erklärt die neue Bürgermeisterin Karen Weaver den Notstand in Flint. Im Januar kommt Hilfe von den Bundesbehörden. Nach den gesundheitlichen Folgen gefragt, meinte Hanna-Attisha, besonders bei Kindern könnten noch vollkommen unabsehbare Langzeitfolgen auftreten – vor allem hinsichtlich der körperlichen und geistigen Entwicklung. Vielfach treten Bleischäden erst nach Jahren auf. Und Bleivergiftungen sind irreversibel, ein Ewigkeitsproblem, wie Hanna-Attisha sagt.


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1 Kommentar
  • […] in Flint ihre Trinkwasserbrunnen – das Wasser weist zu viel Blei auf“ – aus dem Artikel “Verseuchtes Trinkwasser – ein Ewigkeitsproblem“ von Angela Huemer in der Ausgabe Februar … , worin auch ausführlich die Rolle der – eingesetzten, nicht gewählten – Notfallmanager […]


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