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200 Jahre Karl Marx, Teil 2

Die Grundlage: Sein Menschenbild
von Manuel Kellner

Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.

 

Eine Kritik der kapitalistischen Klassengesellschaft – und überhaupt jedwede Auflehnung gegen Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen durch Menschen – wäre vollkommen sinnlos, wenn das Bedürfnis, andere Menschen zu quälen, zu übervorteilen und umzubringen dem Menschsein wesentlich zugehörte. Ein anderes Menschenbild ist voraus­gesetzt, um sich über Verhältnisse zu empören, in denen Menschen einander bekämpfen, bekriegen, versklaven und ausnutzen.

Für Ludwig Feuerbach war der Mensch grundlegend gut, denn auch wenn er böse ist, handelt er doch gegen das, was er selbst für gut hält: Heuchelei ist darum die Verbeugung des Lasters vor der Tugend. Für Karl Marx hingegen sind die Menschen zu allem fähig, im Guten wie im Schlechten: sie brauchen menschliche Verhältnisse, um sich menschlich zu verhalten.

Mit dem Aufkommen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die den einzelnen Menschen Berufe zuweist und sie damit lebenslänglich an die Ausübung einer ganz bestimmten Art von Tätigkeit kettet, beginnt für Karl Marx die Entfremdung der Menschen von ihrem Wesen:

«Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.» (Die deutsche Ideologie, MEW 3:33.)

Das Ideal der allseitigen freien Entfaltung der Anlagen kommt aus der Antike. Die Freien der griechischen Stadtstaaten trieben Politik, Philosophie, Künste und Sport, betätigten ihre körperlichen und geistigen Kräfte, um glücklich zu sein. Grundlage dafür war die Arbeit der Sklaven, die für die Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse sorgten. In den späteren Klassengesellschaften waren die Produzentinnen und Produzenten ebenfalls von den «höheren» Tätigkeiten ausgeschlossen, oder diese wurden bestimmten Berufsgruppen zugeordnet. Die Entfremdung der Ausbeuterklassen blieb die erträglichste: Sie beteiligten sich nicht an der Plackerei der materiellen Produktion.

Karl Marx’ Vorstellung von einer kommunistischen Gesellschaft auf der Grundlage der freien Assoziation der Produzentinnen und Produzenten sah die Schaffung der Möglichkeit der freien Entfaltung für alle Mitglieder der Gesellschaft vor. Dafür ist ein von der kapitalistischen Produktionsweise geschaffenes hohes Niveau der Arbeitsproduktivität und der materiellen Produktion nötig, als Voraussetzung dafür, dass die Arbeitszeit radikal verkürzt und für alle Menschen soviel freie Zeit wie möglich geschaffen wird. Frei verfügbare Zeit betrachtete Marx als den «eigentlichen Reichtum».

«Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.» (Das Kapital, Bd.3, MEW 25:828.)

Wo die kreative Tätigkeit Selbstzweck ist, entwickelt sich die eigentliche menschliche Produktivität. Die verbleibende Pflichtarbeit, aufgeteilt auf alle arbeitsfähigen Menschen, so sehr sie auch «humanisiert» wird, kann hingegen nie als wirklich freie Betätigung empfunden werden. Wenn die – ihrer Natur nach begrenzten – materiellen Bedürfnisse für alle reichlich befriedigt werden, verlagert sich die menschliche Tätigkeit und Bedürfnisstruktur weg von der Produktion von Sachen hin zur Selbstproduktion allseitig entfalteter Menschen, die ihre Tätigkeit in freier Gemeinschaft mit anderen Menschen genießen, die einander helfen und trösten, wann immer es not tut.

Im «Kommunistischen Manifest» heißt es in diesem Sinne: «An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.» (MEW 4:482.)

Woher wissen wir von der Produktivität der freien Selbstentfaltung und dem Glück, das sie verschafft? Wir vergegenwärtigen uns die Selbstvergessenheit eines Kindes im Spiel und sehen, wie wenig auch Erwachsene auf die Zeit achten und Mühen scheuen, wenn sie eine selbstgewählte Tätigkeit ausüben, zum Beispiel ihr liebstes Hobby. In der Sowjetunion und in den anderen Staaten des Warschauer Pakts war das Schachspiel Schulfach. Als ich mit einem jungen Schachfreund darüber sprach, der leidenschaftlich Schach spielt und noch Schüler ist, sagte er zu mir: «Wenn es als Schulfach Pflicht wäre mit Benotung und all diesem Kram, dann würden die mir sogar das Schachspielen noch verleiden.»

 

Teil 1 stellte die neue Marx-Biografie von Jürgen Neffe vor.


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