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Eve Blau: Rotes Wien

Architektur 1919–1934. Wien: Ambra, 2014. 532 S., 102,13 Euro

von Fritz Keller

Nach dem Zusammenbruch der k. und k. Monarchie bracht Wiens sozialdemokratischer Gemeinderat 1919 ein radikales Reformprogramm zur Umgestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur von Österreichs Hauptstadt nach sozialistischen Leitlinien auf den Weg. Kernstück dieses Programms und zugleich die dauerhafteste Errungenschaft des «Roten Wien» war die Errichtung der Wiener Gemeindebauten: 400 kommunale Wohnblocks mit 64.000 neuen Wohneinheiten, in denen Arbeiterunterkünfte mit Kindergärten, Büchereien, allgemeinmedizinischen und zahnärztlichen Ambulatorien, Wäschereien, Werkstätten, Bühnen, Konsumgenossenschaftsläden, öffentlichen Gärten und Bäder sowie Sportanlagen untergebracht waren.

Eve Blau, die mit ihren Eltern 1938 in die USA emigrieren musste und dort als Professorin an den renommierten Universitäten Cambridge und Harvard unterrichtet, hat diesem umfassenden urbanen Projekt eine kenntnisreich kommentierten Bilddokumentation gewidmet, die alle Voraussetzungen für ein neues akademisches Standardwerk über den «Austromarxismus» erfüllt. Dass der gewichtige Band außerdem wesentlich von der Fraktion sozialdemokratischer Gewerkschafter in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten mitfinanziert wurde, lässt hoffen, dass auch in diesen Kreisen der Erfahrungsschatz aus der Geschichte des «Kommunalsozialismus» langsam wieder die gebührende Würdigung erfährt.

Der Rezensent fühlt sich verpflichtet, auf zwei Abschnitte des voluminösen Werkes wegen ihres starken Gegenwartsbezuges besonders hinzuweisen: Einmal auf den Abschnitt über das einzigartige soziale Experiment Heimhof, das sog. «Einküchenhaus». In der Johnstraße 52–54 fanden in 270 Kleinstwohnungen vor allem berufstätige Ehepaare Aufnahme. Die Mahlzeiten wurden in der Gemeinschaftsküche hergestellt und im Speisesaal – oder direkt in den Wohnungen – verzehrt. Das Aufräumen der Wohnungen wurde durch ein in jedem Stockwerk angestelltes Dienstmädchen besorgt. Die Wäsche wurde in der Zentralwaschküche zum Selbstkostenpreis gewaschen. Gemeinsame Lesestuben und Sonnenterassen sollten die Freizeitkontakte der Bewohner fördern. Die Verwaltung des Heimhofes war demokratische organisiert. Alljährlich wurden Hausbewohner gewählt, die für die Verwaltung und die Führung der Zentralküche verantwortlich waren.

Besondere Aufmerksamkeit verdient auch der Abschnitt über die Finanzierung des «Roten Wien» nach den Plänen des vom Banker zum sozialdemokratischen Finanzstadtrat avancierten Hugo Breitner. Der von den politischen Gegnern als «jüdischer Steuer-Sadist» verunglimpfte besteuerte Luxus jeder Art: Wer mehr als eine Hausgehilfin hatte, musste zahlen. Wer es sich leisten konnte, auf Pferderennen zu wetten, finanzierte damit Säuglingswäsche für Neugeborene. Exklusive Bars und Nachtlokale mussten Nahrungs- und Genussmittelabgaben entrichten. So wurden Austern, Kaviar, Trüffel, Hummer, Pasteten, ausländische Weine mit 7% besteuert – womit täglich das Mittagessen für 13000 Schulkinder gesichert war.


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