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Ferguson, USA

Der Mord an Michael Brown und die Militarisierung der Polizei

von Malik Miah

Nach der Ermordung des schwarzen Jugendlichen Michael Brown durch einen weißen Polizisten in Ferguson im Bundesstaat Missouri am 9.August wurde die überwiegend von Schwarzen bewohnte Stadt nahe der Metropole St.Louis von Protesten gegen Rassismus erschüttert.Die Massenmedien haben sich nur aus einem Grund auf Ferguson gestürzt: Die schwarze Community ist nach dem Mord an Michael Brown auf die Straße gegangen und hat sich den Befehlen, diese zu räumen, widersetzt. Sie hat Solidaritätsaktionen in den gesamten USA und darüber hinaus inspiriert, an denen Latinos, Asiaten und junge Weiße neben Afroamerikanern teilnahmen.

«Hands up, don’t shoot!» – diese Losung verbreitete sich im ganzen Land. Sie spiegelt die Realität männlicher Schwarzer wider, wenn sie in Kontakt mit der Polizei kommen. Es gibt eine genuine Furcht, dass jede falsche Bewegung tödliche Folgen haben könnte. «Racial Profiling» ist in kleinen wie großen Städten an der Tagesordnung – die Polizei wird für ihre Taten jedoch regelmäßig nicht zur Verantwortung gezogen. Die Mehrheit der weißen Bevölkerung, vor allem der mittleren und oberen Schichten, macht selten Bekanntschaft mit der Brutalität der Polizei. Die Polizei dient ihr und schützt sie. Somit glauben sie, die Schuld liege bei den Schwarzen und nicht bei der Polizei.

Die Weißen in Ferguson, einer Stadt von 22000 Einwohnern, sehen nicht die Diskriminierung und den Rassismus; sie sehen die schwarze Bevölkerung in ihrer Nachbarschaft bei Krawallen. Die Popkultur verbreitet Angst vor afroamerikanischen Männern. Die Waffengeschäfte in der Region St.Louis florieren, weil sich die Weißen bewaffnen. Sie machen nur 30% der Bevölkerung von Ferguson aus, aber sie kontrollieren die Machtstrukturen und die Polizei. Die schwarze Bevölkerung verfügt über keinerlei politische Macht.

Ferguson reiht sich ein in eine lange Liste von Orten, in denen das Leben von Afroamerikanern durch Polizeigewalt zerstört wird. Die Enthumanisierung und Verachtung, die schwarze Männer durch die Gesellschaft erleiden, spiegelt eine breite Kultur des institutionellen Rassismus wider. In einem solchen Klima ist es kein Zufall, dass sich ein weißer Polizist von einem unbewaffneten 18jährigen Teenager bedroht fühlt.

Polizei im Krieg

Der 28jährige Todesschütze, der Polizist Darren Wilson, wurde gegenüber der Öffentlichkeit abgeschirmt, als die Proteste begannen. Die Polizeitruppe von Ferguson besteht aus 53 Personen, darunter nur drei Schwarze in einer Stadt, in der zu 69% Afroamerikaner wohnen. Sie ist militarisiert und mit gepanzerten Fahrzeugen und Waffen ausgestattet, die eher im Irak oder in Afghanistan angebracht sind. Alle tragen Tarnanzüge.

Kriegswaffen sind mittlerweile in zahlreichen Police Departments üblich. Die Militarisierung dient nicht der Bekämpfung von Terroristen, sondern der Kontrolle der normalen Bürger der schwarzen Communities.

Um die Unterstützung der Weißen zu erhalten und die massive militarisierte Polizeipräsenz zu rechtfertigen, versuchte die Polizei, die Wahrheit zu vertuschen, und erhob Vorwürfe, der Getötete, «Big Mike» Brown, und seine Community seien gewalttätig und außer Kontrolle. Sie stellte die belagerte Community als Ansammlung von Untermenschen dar, die Steine und Molotowcocktails auf Polizisten werfen. In Ferguson und in der Region rund um St.Louis ist diese enthumanisierende und respektlose Sicht auf die schwarze Community Teil der Polizeiausbildung.

Der Mord

An jenem 9.August wurden Michael Brown und seine Freunde von dem Polizisten Wilson aufgefordert, die Straße zu verlassen und auf den Bürgersteig zu treten. Sie kamen dem nicht nach, darauf folgte ein Kampf, dessen Einzelheiten umstritten sind. Brown wurde erschossen, er stand rund 100 Meter vom Polizeiwagen entfernt und hatte die Hände erhoben. Sein Körper blieb vier Stunden lang auf der Straße liegen.

Am 12. und 13.August feuerten Polizisten Tränengas und Gummigeschosse auf wütende, aber friedliche Protestierer, von denen sich viele in ihren eigenen Vorgärten befanden, als sie angegriffen wurden. Reporter wurden festgenommen oder Opfer von Polizeiübergriffen, darunter waren Journalisten der Huffington Post und der Washington Post.

Als am 15.August der Name des Schützen bekanntgegeben wurde, dachte sich die Polizei einen neuen Grund aus, warum Michael Brown ermordet wurde: Angeblich hätte Brown einige Wohnblocks entfernt einen Ladendiebstahl verübt – doch der Polizeichef gab zu, dass Wilson nicht wusste, dass Brown dessen verdächtigt wurde, als er ihn erschoss.

Browns Familie sah in dem angeblichen Diebstahl die klassische Taktik, das Opfer selbst für seinen Tod verantwortlich zu machen. Viele Weiße hatten schon angenommen, dass Brown ein Krimineller sei.

Augenzeugenberichte durchkreuzten jedoch die geplante Vertuschung. Das brachte die Politiker in Verlegenheit, auch den demokratischen Gouverneur von Missouri, Jay Nixon. Die Polizei musste einen Rückzieher machen. Nixon ernannte einen afroamerikanischen Polizeioffizier, Ron Johnson von der Missouri Highway Patrol aus Ferguson, zu ihrem Sprecher.

Später verhängte der Gouverneur eine Ausgangssperre, nachdem einige Protestierer am 15.August angefangen hatten, Läden zu plündern. Sprecher der Community verurteilten die Aktionen einer kleinen Minderheit, sie habe nicht die Unterstützung der Mehrheit, die für entschiedene, aber friedliche Proteste sei. Die Provokationen, die vor allem von auswärtigen Unbekannten verübt wurden, spielten der Polizei in die Hände, die damit ihren massiven Einsatz für die Aufrechterhaltung der Ordnung rechtfertigte.

Diese ganze Gemengelage enthüllt, was jeder Afroamerikaner nur zu gut weiß: Die schwarze Bevölkerung lebt in einem nach «Rassen» gespaltenen Land, in dem unterschiedliche Regeln gelten. Sie erinnert an die 1960er Jahre, als Afroamerikaner als minderwertige Menschen behandelt wurden, die Polizei als eine Besatzungsarmee betrachtet wurde und Forderungen nach einer «Kontrolle der Polizei durch die Community» populär wurden.

Missbrauch

Glenn Greenwald, der Journalist, der über die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden berichtet hatte, diskutierte am 14.August in einem Beitrag für das Internetportal Intercept news service die Ursprünge der Militarisierung der städtischen Polizeikräfte:

«Die intensive Militarisierung von Amerikas Polizeikräften ist eine ernste Bedrohung, vor der eine kleine Anzahl von Menschen seit Jahren lautstark, aber ohne Resonanz warnt … Wie meistens, wenn es um exzessiven Missbrauch der Polizei geht, richtet sich auch ihre Militarisierung weitaus überwiegend gegen Minderheiten und arme Communities … Die Amerikaner sind heute so daran gewöhnt, Polizeibeamte in Tarnanzügen oder Robocop-artiger Ausstattung zu sehen, die in gepanzerten Fahrzeugen fahren und automatische Waffen tragen, dass sie das als normal betrachten. Aber die Leidtragenden dieser Situation haben kein Sprachrohr; ihnen bleibt die Klage über den unvermeidlichen und schweren Missbrauch.»

Gekürzt aus: Against the Current, Nr.172, September/Oktober 2014 (www.solidarity-us.org/site/node/4234).


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