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Aufmacher Klima 1. März 2026

Beschäftigte der Autoindustrie besuchten Bergbaubetriebe in Serbien
von Lars Hirsekorn

Die Transformation zur Elektromobilität ist in aller Munde. Bei VW und anderen Autobetrieben diskutieren wir über neue Technologien, Qualifizierung, Standort- und Beschäftigungssicherung. Doch selten sehen wir, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe unserer Zukunft tatsächlich abgebaut werden – oder wie unsere Kolleg:innen in der Zulieferindustrie außerhalb der EU arbeiten müssen.

Mit knapp dreißig betrieblichen Kolleg:innen sowie Vertreter:innen verschiedener NGOs aus Deutschland und Österreich reisten wir deshalb nach Serbien, von wo aus heute Konzerne wie Volkswagen, Mercedes und Stellantis versorgt werden.

Schon der erste Austausch in Belgrad hinterließ tiefe Eindrücke.
Organisiert durch die unabhängige Initiative Radnicki Glas (Arbeiterstimme), trafen wir Arbeiter:innen aus vier Autozulieferbetrieben – fast ausschließlich Frauen, einige alleinerziehend. Sie arbeiten für 500–600 Euro im Monat, knapp über dem serbischen Mindestlohn, und das bei nahezu westeuropäischen Preisen für Lebensmittel. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, arbeiten viele von ihnen sechs Tage in der Woche.
Die einen stecken Kabel für Scheinwerfer und Rücklichter, die anderen flechten Kabelbäume, die das Lenkrad mit der Elektronik verbinden. Besonders hart ist die Arbeit in den Bereichen, in denen Kunstleder verklebt wird: Dort herrschen dauerhaft Temperaturen von rund vierzig Grad, und die Arbeiterinnen sind giftigen Dämpfen ausgesetzt.
Uns begegneten selbstbewusste, solidarische Frauen mit klaren Forderungen nach besserem Arbeitsschutz und höheren Löhnen. In vielen Betrieben entstehen derzeit unabhängige Gewerkschaften, die sich ausdrücklich von den regime- und staatsnahen Altgewerkschaften abgrenzen. Getragen werden sie von Kolleg:innen, die die gewerkschaftliche Organisierung zusätzlich zur Schichtarbeit stemmen. Freistellungen, wie wir sie bei Betriebsräten in Deutschland kennen, sind für sie ein Fremdwort.
Ein auskömmliches Einkommen liegt bei etwa 1200 Euro im Monat, erklärten uns am nächsten Tag Wissenschaftler des Instituts für Vergleichendes Recht. Die schlechte Bezahlung für die Kolleg:innen steht im Kontrast zum Umgang mit ausländischen Investoren, um die die serbische Regierung mit massiven Subventionen wirbt, ohne die staatlichen Gelder an soziale oder ökologische Bedingungen zu knüpfen. Bodenschätze würden – anders als noch zu Zeiten Jugoslawiens – weitgehend unverarbeitet exportiert. Die Folge sei eine äußerst geringe Wertschöpfung. Die Probleme globaler Lieferketten zeigen sich in Serbien in besonders deutlicher Form.

Kupfer für die E-Mobilität
Unsere Reise führte uns weiter nach Bor, einer ostserbischen Bergbaustadt mit rund 35.000 Einwohner:innen. Seit über hundert Jahren wird dort Kupfer abgebaut. Heute zählt Bor zu den wichtigsten Kupferstandorten Europas. 2018 übernahm die chinesische Zijin Mining Group den ehemals staatlichen Betrieb. Neue Minen wurden erschlossen, der Kupferabbau massiv ausgeweitet, der Bedarf an Arbeitskräften stieg stark an. Über 10.000 Arbeiter aus China und Afrika wurden zusätzlich angeworben.
Auch hier trafen wir Gewerkschafter, diesmal ausschließlich Männer – neben einem Vertreter von Radnicki Glas sechs weitere Kollegen, jeweils Mitglieder verschiedener Gewerkschaften, die im Zijin-Konzern aktiv sind. Auch sie berichteten von extremen Arbeitsbedingungen. Einer von ihnen arbeitet unter Tage an dieselbetriebenen Zertrümmerungsmaschinen. Die körperlich schwere Arbeit wird begleitet von einer enormen Lärm- und Schmutzbelastung. »Der Staub dringt überall ein – in Ohren, Nase und Augen. Nach einer Schicht bist du völlig schwarz«, schilderte er. Zwar habe Zijin neue, sauberere Generatoren angeschafft, doch durch die massive Ausweitung der Produktion sei der Effekt verpufft.
»Autoindustrie – die verdienen doch nix«, bemerkte einer der Kollegen in Anspielung auf die Frauen aus den Zulieferbetrieben, die wir getroffen hatten. Tatsächlich gilt die Autozulieferindustrie in Bor als Niedriglohnsektor – vergleichbar mit der Situation in Westeuropa bis in die 1970er Jahre.
Die Bergarbeiter verdienen zwar deutlich mehr, dennoch ist auch bei ihnen die Lohnhöhe ein zentrales Thema in Tarifverhandlungen. Allerdings verhandelt jede Gewerkschaft einzeln – sehr zur Freude der Konzernführung, die Belegschaften so gegeneinander ausspielen kann.
Viele der heute noch geltenden Sonderregelungen für die Bergleute stammen aus jugoslawischer Zeit: bessere Gesundheitsversorgung, mehr Urlaub, frühere Pensionierung. Diese Errungenschaften sind Zijin ein Dorn im Auge. Die meisten Gewerkschaften konzentrieren sich auf Verhandlungen über die Höhe des Lohns und die Regulierung der Arbeitszeit. Die alten »Privilegien« betrachten sie dabei als Verhandlungsmasse. Die Gewerkschaften sind zersplittert, der Handlungsspielraum ist gering. Optimismus war in dem Gespräch kaum zu spüren.
Die Luft in Bor ist stark verschmutzt. Morgens liegt oft ein Schleier über der Stadt. Große elektronische Anzeigetafeln zeigen die Schadstoffwerte an – helfen den Bewohner:innen aber wenig. Früher, als Jugoslawien noch existierte, so erinnern sich viele, seien die Straßen täglich vom giftigen Staub gereinigt worden. Heute geschieht selbst das nicht mehr.
Die Ausweitung des Tagebaus zerstört ganze Dörfer. Zwölf sind bereits verschwunden, weitere folgen. Durchschnittlich alle zwei Stunden erfolgen Sprengungen, Häuser bekommen Risse, Wasser wird verseucht, die Staubbelastung steigt weiter. Immer mehr Menschen verlassen die Region.

Widerstand gegen Lithium
Unsere letzte Station war das Jadar-Tal im Westen Serbiens – eine landwirtschaftlich geprägte Region mit vergleichsweise guten Lebensbedingungen. Dass hier eines der weltweit größten Lithiumvorkommen entdeckt wurde, empfinden viele nicht als Segen, sondern als Fluch.
Während Lithium in der Automobilindustrie als Schlüsselrohstoff für Batterien gilt und die EU-Kommission den Abbau im Jadar-Tal zum strategischen Projekt für die Entwicklung der Elektromobilität erklärt hat, lehnen vor Ort rund zwei Drittel der Bevölkerung das Vorhaben ab. Sie fürchten um Böden, Wasser und die Zukunft ihrer Kinder. Der Widerstand ist gut organisiert, tief in der Region verwurzelt und eng mit der landesweiten Protestbewegung gegen Korruption verbunden. Trotz aller Risiken ist der Optimismus groß – und ansteckend. Die Menschen glauben an ihre gemeinsame Kraft.
Die Reise hat unserer Gruppe deutlich gemacht: Die Transformation zur E-Mobilität ist eine soziale Frage – weit über unsere eigenen Standorte hinaus. Kupfer und Lithium sind Grundbausteine der E-Mobilität. Doch ihr Abbau darf nicht auf Ausbeutung, Gesundheitsgefährdung und Umweltzerstörung beruhen. Wenn wir über Transformation sprechen, müssen wir auch über die Rechte der Menschen am Anfang der Lieferketten sprechen. Ihre Situation kann uns nicht egal sein.

Der Autor ist Betriebsrat bei VW in Braunschweig. Abdruck mit Genehmigung der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt. Dort ist die Langfassung des des Artikels zu finden:
www.stiftungmunda.de/.

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