Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Der Aufruf 70+ gegen Militarisierung und Kriegsdienst
von Albrecht Kieser

Im Dezember 2025 wurde in Köln der Aufruf 70+ gegen Militarisierung und Kriegsdienst veröffentlicht. 160 Kölner:innen, die älter als 70 Jahre sind, haben ihn mittlerweile unterschrieben, auf einem Treffen von vierzig von ihnen im Januar haben sie mehrere Stadtteil- und Aktionsgruppen gebildet.

Der Aufruf ist auf große Resonanz gestoßen, er wurde auf zahlreichen Webseiten veröffentlicht, der Kölner Stadtanzeiger hat kurz berichtet. Vielleicht liegt es auch daran, dass er nur von älteren Menschen unterschrieben wird. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal und hat seine eigene Wucht. Denn gegen die Leichtfertigkeit, mit der heute von einem künftigen und sogar gewinnbaren Krieg gegen Russland geredet wird, setzt er nicht nur politische Kritik, sondern persönliche Erfahrung.
Der Aufruf leitet mit den Sätzen ein: »Wir sind Kriegs- und Nachkriegskinder des Zweiten Weltkrieges. Wir sind 70 Jahre und älter und viele von uns sind noch durch Trümmerlandschaften gelaufen. Sie waren Ergebnis eines Krieges, den Deutschland mit dem Schlachtruf ›Angriff ist die beste Verteidigung!‹ begann und 1941 auch nach Russland trug. Am Ende kostete er über 60 Millionen Menschen das Leben.«
Damit formuliert der Aufruf einen antimilitaristischen Standpunkt und setzt sich deutlich ab von der revisionistischen Klage über die deutschen Opfer dieses Krieges, die die deutsche Verantwortung für den Weltenbrand entweder beschweigt, kleinredet oder gar leugnet.

Es gibt viele gute Gründe
Einer der Unterzeichneten beantwortet denn auch seine selbst gestellte Frage nach den Beweggründen, diesen Aufruf zu zeichnen, so: »Der jüngere Bruder meiner Mutter ist als 18jähriger nach knapp drei Monaten ›Kriegsdienst‹ ‚ den ›Heldentod für Volk und Vaterland‹ gestorben. Mein Großvater bekam diesen Brief und das Bajonett als ›Erinnerung‹. Die beiden älteren Brüder meines Vaters sind gefallen. Mein Vater kehrte lebend aus dem Krieg zurück. Er hatte drei schwere Kriegsverletzungen. Die schwerste verursachte ein Granatsplitter, der in den Hals links eindrang und unter dem rechten Schulterblatt seinen Ausgang fand. Wie ein Wunder überlebte er. Im Erzgebirge an der Grenze zu Tschechien geboren und aufgewachsen, sammelte ich als Kind zusammen mit meinen Schulkameraden oft Fundmunition. Wir öffneten die Gewehrpatronen und nutzen die Plättchen (Pulver) für alles mögliche. Meinem Schulkameraden riss es bei einem Spiel daheim einen Arm ab. Seine Brüder hatten ein Gewehr gebastelt.«
Oder: »Zwar bin ich in meiner Heimatstadt als Kind nicht mehr durch Ruinenfelder gelaufen. Aber als sichtbare Folgen der Aufräumarbeiten waren sie doch noch unmittelbar sinnlich erfahrbar und bildeten die Keime, aus denen die Erzählungen der Älteren zu Schreckensbildern auswuchsen, die das Kind auf Dauer geprägt haben.«
Oder: »Ich bin jetzt im 75.Lebensjahr, habe Eltern/Großeltern und Schwiegereltern/Schwiegergroßeltern sowie weitere enge Verwandte erlebt, die von Kriegsereignissen massiv betroffen waren (Tod, Flucht und Vertreibung, Verlust der Existenzgrundlagen) und darunter ihr restliches Leben leiden mussten. Aber nicht nur sie, auch ihre Kinder und Enkel haben deren psychisch unverarbeiteten Erlebnissen und das daraus resultierende unangemessene Verhalten hinnehmen müssen. Deshalb: Nie wieder Krieg! Kinder und Enkelkinder geben wir nicht her, sondern wir unterstützen sie in ihrem Widerstand gegen Gewalt und Machtmissbrauch!«

Fortsetzung der Unmenschlichkeit
Der Aufruf 70+ verweigert den Aufrüstern die Gefolgschaft, indem er gegen ihre sattsam bekannte Ideologie der Machbarkeit von Kriegen festhält: »Der Krieg ist nicht ›die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln‹. Das mag für diejenigen gelten, die im (vermeintlich) sicheren Bunker Befehle erteilen. Für die anderen, für die, die getötet werden, zu Hause oder auf dem Schlachtfeld, ist der Krieg die Fortsetzung der Unmenschlichkeit mit brutalstmöglichen Mitteln.«
Diese Unmenschlichkeit wird bereits lange vor dem ersten Schuss vorangetrieben, wie der Aufruf feststellt: »Schon jetzt, im Vorkrieg, wird viel zu vieles dem Aufrüstungskurs geopfert: Ehrlichkeit, soziales Miteinander, Rechte von Frauen und queeren Menschen, Solidarität mit den Schwächeren, Gleichberechtigung von Zugewanderten, Kunst und Kultur und am Ende Umwelt und Natur.«
Wir bewegen uns in einer sich brutalisierenden Vorkriegszeit, die für viele die Frage aufwirft, wie sie die Militarisierung der Gesellschaft, der Wirtschaft, des Denkens, des Zusammenlebens bremsen oder hoffentlich noch stoppen können. Es wird nicht eine einzige, es wird viele Antworten geben; es wird nicht eine einzige, es werden viele Initiativen nötig sein. Ob wir überhaupt eine Zukunft haben, hängt davon ab, dass alle, die die derzeitige politische Entwicklung unerträglich finden, ihre widerständigen und sich dem Aufrüstungskurs verweigernden Antworten in die Öffentlichkeit tragen. Und dass sehr, sehr viele in Bewegung kommen, die bislang noch als stille, wenn auch zunehmend wütende Beobachter am Rande stehen

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