Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung
von Peter Nowak
Kriegsuntüchtigkeit als Chance. Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung Hrsg. H.Theisen. Heidelberg: Verlag Graswurzelrevolution, 2026. 272 S., 28 Euro
In Zeiten, in denen die neue Kriegstüchtigkeit beschworen wird, braucht es Stimmen, die sich dem entgegenstellen. In dem kürzlich erschienen Band sind gleich 42 dieser Einsprüche gegen den gar nicht so neuen Militarismus versammelt. Herausgeber ist Hermann Theisen, der wegen seines antimilitaristischen Engagements schon drei Gefängnisstrafen hinter sich hat. Dabei ist strikte Gewaltfreiheit für ihn ein unabdingbarer Grundsatz.
Alle Beiträge im Buch stellen sich die Frage, die Hartmut Rosa in seinem Vorwort anspricht: »Wie sieht eine Gesellschaft aus, die kriegsuntüchtig sein will?« Die Antworten darauf fallen denkbar unterschiedlich aus. Schließlich sind in dem Band Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Hintergründen versammelt: neben Aktivist:innen aus der Friedensbewegung auch Sozialdemokrat:innen und mit Elmar Wiesendal sogar ein ehemaliger Politikprofessor an der Hochschule der Bundeswehr.
Wendehälse
Der Friedensaktivist Bernd Fischer schreibt von den Schwierigkeiten, in Zeiten der Kriegstüchtigkeit antimilitaristischen Protest zu artikulieren. Fischer gehört zu einer kleinen Gruppe, die jeden Donnerstag in der Bremer Innenstadt eine Friedensmahnwache organisiert. »Weil wir uns mit Blick auf die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg weigern, den Präsidenten der Russischen Föderation als Inkarnation des Bösen zu dämonisieren und nicht darauf verzichten, die Verantwortung der USA und der NATO an der ukrainischen Katastrophe zu benennen, werden wir in der Bremer Presse als Steigbügelhalter der russischen Kriegsmaschinerie oder als Putins Büttel denunziert«, beschreibt Fischer das politische Klima im eher linksliberalen Bremen.
Fischer weist auch darauf, hin, dass die Friedensmahnwache auch von Leuten denunziert werde, die dem Bremer Friedensforum einmal eng verbunden waren. Hier beschreibt Fischer treffend das Milieu der Ex-Pazifist:innen, die sich zu Bellizist:innen gemausert haben und sogar ihre frühere Kriegsdienstverweigerung bereuen.
Wie immer in Zeiten des Militarismus drängen sich auch Menschen zur Fahne, die mal klüger gewesen sind. Dieses Phänomen war schon in den Anfangstagen des Ersten Weltkriegs zu beobachten, als in allen Ländern Sozialdemokrat:innen und vor allem in Frankreich auch ehemalige Anarchist:innen zu eifrigen Protagonist:innen des Kriegs an der Seite ihrer jeweilige Bourgeoisie wurden.
Wo bleibt der Antimilitarismus?
Es ist erfreulich, dass in dem Buch Einsprüche gegen die jüngste Militarisierung versammelt sind. Nur zwei Kritikpunkte sollen nicht verschwiegen werden. Es fällt auf, dass kaum jüngere Menschen zu Wort kommen. Der Songwriter Max Prosa gehört mit 37 Jahren zu den jüngsten Autoren in dem Buch. Er hat ein Friedenslied beigesteuert, das er mit der Liedermacherin Dota Kehr produziert hat.
Damit zusammen hängt, dass auch das Spektrum der Antimilitarist:innen in dem Buch begrenzt ist. Mit dem Redakteur der Zeitung Graswurzelrevolution, Lou Marin, kommt erfreulicherweise auch ein gewaltfreier Anarchist zu Wort, der deutliche Worte findet: »Nein, Krieg kann sowohl kurz- als auch langfristig nicht durch Diplomatie, sondern nur durch eine Antikriegsbewegung von unten beendet werden, die durch massenhafte Verweigerung und gewaltfreien Widerstand geprägt ist.«
Aus dieser staats- und kapitalismuskritischen Richtung hätte man sich noch mehr Stimmen gewünscht, beispielsweise vom Bündnis Rheinmetall-Entwaffnen. Dann hätte man nicht nur mehr jüngere Stimmen gefunden, sondern auch die kapitalismuskritische Komponente gestärkt. Die kommt in dem Buch tatsächlich zu kurz.
Dabei gehören Kriege zum Kapitalismus wie das Gewitter zur Wolke. Auch die jüngere Militarisierung hat ihre Ursache im globalen Kampf der unterschiedlichen kapitalistischen Mächte und Machtblöcke um Bodenschätze und Absatzmärkte. Dazu gehören Russland und seine Verbündeten ebenso wie China, die USA und die EU. Wenn man diese Zusammenhänge nicht benennt, macht man sich Illusionen über die Friedensfähigkeit des Kapitalismus.
Natürlich wird es immer wieder Waffenstillstände geben, aber die werden oft nur dazu benutzt, noch mehr aufzurüsten, um dann den Krieg fortzusetzen. Da hat Lou Marin sehr recht mit seiner Kritik an einer Friedensbewegung, die die Herrschenden aller Länder immer wieder dazu aufruft, doch friedlich zu sein und sich zu vertragen. Bei einer solchen Sichtweise werden die Ursachen von Militarismus und Krieg ausgeblendet.
Trotz dieser kritischen Punkte ist das Buch eine erfreulich klare Ablehnung von jeder Form von Militarismus und Krieg.
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