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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Mare Nostrum

Am Rande notiert
von Rolf Euler

«Mare Nostrum?» Ist das Mittelmeer immer noch «unser Meer?» fragen die Ruhrfestspiele Recklinghausen in ihrem diesjährigen Motto. Das Fragezeichen im 70.Jahr der Festspiele versucht aus mehreren Gründen, zum Denken anzuhalten. Es ist – neben anderen, dem Theater geschuldeten Gründen – auch eine Reaktion auf die Flucht von Tausenden in den letzten Jahren, an deren Schicksal die Ruhrfestspiele in mehreren Aufführungen und Veranstaltungen anknüpfen.

Die Römer bezeichneten das Mittelmeer ganz selbstverständlich als «ihr Meer», nachdem ihr Imperium an allen Küsten beherrschend war. Italien verband im Ersten Weltkrieg seine Kriegsziele mit dem Wort «Mare nostro», um seinen imperialen Anspruch geltend zu machen. Und die italienische Seenotrettungsaktion für Flüchtlinge aus Afrika von 2013 bis 2014 trug ebenfalls den Namen «Mare Nostrum», die Aktion wurde jedoch aus Kostengründen eingestellt und von der europäischen Grenzabwehrtruppe Frontex abgelöst.

Es ist stiller geworden um die Katastrophen, denen die Flüchtlinge nach wie vor ausgesetzt sind. Es kommen ja kaum noch welche in Deutschland an – Zelte werden abgebaut, Turnhallen freigegeben, die Hetze der AfD gegen den Islam ausgeweitet. Wo sind die Bilder von der griechischen Grenze und dem Lager Idomeni? Wo sind die Berichte von Lesbos und anderen Inseln, auf denen Flüchtlinge inhaftiert sind? Die Bilder von Abschiebungen nach dem Menschenhandelsabkommen zwischen der EU und der Türkei? Die Berichte über erneute Fluchtrouten übers Mittelmeer? Die tägliche Aufmerksamkeit hat sich gefälligst anderen Dingen zuzuwenden…

Nach dem Deal mit Ankara sprach Innenminister de Maizière, wahrscheinlich in einer eigenen Version der «christlichen Tradition des Abendlandes», auf die er nicht müde wird sich zu berufen: «Auch wenn wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten müssen, unser Ansatz ist richtig.» Die Bilder von Tränengasschüssen auf Frauen und Kinder, von Menschen, die sich verzweifelt nach Unterkunft und Hilfe umsehen und an Zäune klammern, sollen wir (?) «aushalten» – uns wappnen gegen menschliche Gefühle zugunsten der Betroffenen und ihrem Schicksal? Das ist Wasser auf die Mühlen derer, die an den Grenzen gern auch schießen lassen möchten. Damit ist das Wörterbuch des Unmenschen um eine Variante reicher.

Da haben unter anderem Norbert Blüm oder der Papst sich an eine andere, eher christliche Tradition gehalten. Und die Frage nach dem Mittelmeer als «unserem Meer» in nichtimperialistischer, solidarischer Weise beantwortet.


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