Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online 4. Juli 2026

Von Wolfgang Pomrehn

Heute (4.7.) vor 250 Jahren haben Vertreter der 13 britischen Kolonien an der nordamerikanischen Ostküste eine Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. Der Text gilt als das Gründungsdokument der USA, die heute entsprechend mit besonderem Pomp ihren Unabhängigkeitstag feiern.

Allerdings sehen manche das Datum verständlicherweise mit gemischten Gefühlen. Nicht nur die Nachkommen jener Sklaven, die einen westlichen Beitrag zum Aufbau der jungen Republik leisteten, aber wie Tiere behandelt wurden – ein Beitrag, den die Geschichtspolitik der gegenwärtigen US-Regierung aus Lehrplänen und Museen zu löschen versucht.

Auch die Ureinwohner, die native Americans oder first nations, wie sie sich in den USA beziehungsweise in Kanada nennen, haben allen Grund, skeptisch auf die Feierlichkeiten zu schauen. Nicht zuletzt, weil der Text ihre Vorfahren als „gnadenlose indianische Wilde“ bezeichnet und damit zumindest indirekt generell zu Feinden der Kolonisten erklärt. „Das Dokument zeigte“, schreibt Sierra Biidaaban Nadeau, „dass für sie (für die ‘weißen Gründungsväter‘) die indigenen Völker vor allem ein Problem waren, das gelöst oder eliminiert werden musste.“

Der Hintergrund dieser Feindschaft ist einfach erklärt: Die weißen Siedler wollten die Ressourcen der Menschen, die auf dem Kontinent lebten: ihr Land, ihre Wälder, das Wild, die Bodenschätze. In zahllosen Massakern und Kriegen wurden sie in den folgenden 130 Jahren dezimiert, vertrieben und auf –(gemessen an ihrem ursprünglichen Landbesitz– winzige, oft unfruchtbare Territorien zusammengepfercht. Ganze Völker wurden ausgerottet, Kulturen durch organisierte und massenhafte Entführung und Entfremdung der Kinder zerstört. Erst 1924 erhielten die Überlebenden Bürgerrechte.

In diesem Satz liegt ein Erbe, nicht nur Trauer, sondern auch Klarheit. Die „Gründerväter“ hatten die indigenen Völker nicht im Blick, außer als Hindernisse für die Expansion. Der amerikanische Patriotismus beruht oft darauf, diese Tatsache zu vergessen. Sie ist ein Beweis dafür, dass die Vereinigten Staaten die indigenen Völker bewusst entmenschlicht und sie außerhalb der Grenzen von Zivilisation, Moral und politischer Legitimität gestellt haben, um die Enteignung zu rechtfertigen.
Und es ist ein Beweis für noch etwas anderes: Trotz jahrhundertelanger Politik, die auf dieser Logik beruhte, weigerten sich die indigenen Völker zu verschwinden. Sprachen werden noch immer gesprochen, um Vertragsrechte wird noch immer gekämpft, und Kinder werden so erzogen, dass sie sich daran erinnern, wer sie sind.
Es besteht die Versuchung (…) die Geschichte der Gräueltaten der Regierung gegen die indigenen Völker zu beschönigen. Zu sagen, die Sprache sei „ein Kind ihrer Zeit“ gewesen. Doch von den indigenen Völkern wurde stets verlangt, die Gewalt des Kontextes zu akzeptieren, während ihre eigene Geschichte zur bloßen Fußnoten gemacht wird.
Also nein, die Darstellung „als Produkt der Vergangenheit“ ist daher nicht akzeptabel.

Sierra Biidaaban Nadeau

Die Platform Native News Online hat verschiedene Vertreterinnen und Vertreter der überlebenden Völker zu ihrem Verhältnis zur Geschichte und Gegenwart der USA befragt. Herausgekommen ist ein durchaus nuanciertes Bild. Die Interviews stehen hier auf youtube zur Verfügung. Themen sind unter anderem, die jüngsten Angriffe der Trump-Regierung auf das Wahlrecht, Kampf gegen reaktionäre Geschichtspolitik und die Vertragsrechte, das heißt, die große Zahl der gebrochenen Abkommen mit den indigenen Völkern.

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Auf dem Weg zur Befreiung oder in den Untergang

Auch sehr lesenswert ein Beitrag zum 250. Jahrestag in Against the Current, dem Magazin von Solidarity, einer US-amerikanischen Organisation aus der Tradition der IV. Internationale. Wir haben einen ersten Teil übersetzt. Der volle Originalext ist hier zu finden.

Die Vereinigten Staaten von Amerika feiern im Juli 2026 ihr 250-jähriges Jubiläum – mit ihrem vielschichtigen und widersprüchlichen Erbe. Wie wir wissen, wurde das Land auf der Grundlage der Fortführung der Rassensklaverei, des Völkermords an den indigenen Völkern und der Bestrebungen nach einer weitreichenden kolonialen Herrschaft gegründet – und gleichzeitig im Kampf gegen all diese Dinge, was zu Widersprüchen führte, die sich durch seine gesamte Geschichte ziehen.

Wie wird man sich also an diesen bedeutsamen Anlass erinnern? Zweifellos an das UFC-Spektakel (Mixed Martial Arts) auf dem Rasen des Weißen Hauses und an ein Grand-Prix-Rennen auf den Straßen der Hauptstadt. Wenn der Pate im Präsidentenstuhl seinen Willen durchsetzt, wird es bald einen 250-Fuß-Bogen geben, der bestehende Denkmäler in den Schatten stellt und das Bild der National Mall dauerhaft verändert.

Diese Feier findet in einem Land statt, in dem ländliche Krankenhäuser vor dem Aus stehen, Masernausbrüche sich ausbreiten, während Hunderttausende ihre Krankenversicherung verlieren und Millionen durch die von Trumps Krieg gegen den Iran beschleunigte Inflation bei Kraftstoff und Lebensmitteln finanziell ruiniert werden. Es ist ein Land, das von der wohl offensten korrupten politischen Elite und der von Gier zerfressenen Kapitalistenklasse in der Geschichte der USA regiert wird.

Wie sind wir hierhergekommen, und wie geht es weiter? Der untrennbare Zusammenhang zwischen imperialistischen Kriegen im Ausland und den Kriegen gegen die Bevölkerung im Inland ist ein wichtiger Schlüssel. Das ist ein Zusammenhang, den kaum ein Politiker, wenn überhaupt, selbst unter den liberalen Demokraten, ausdrücklich benennen wird. Doch Trumps Krieg gegen den Iran – nach seinem falschen Versprechen an seine Anhänger, die „ewigen Kriege“ zu beenden – hat zu heftigen Spannungen zwischen seinen MAGA-Anhängern und den Neokonservativen geführt, die von ihm verlangen, „die Sache zu Ende zu bringen“.

Ebenso zentral ist der extreme Rassismus, der für den Aufstieg autoritärer und im Entstehen begriffener faschistischer Politik von entscheidender Bedeutung ist. Ein wichtiges Indiz für den Zustand des Landes sind die amerikanischen Gulags in Form von Internierungs- und Folterlagern, in denen Zehntausende von Einwanderern festgehalten werden, denen die Abschiebung droht, und die kaum oder gar keine Rechtsmittel, keinen Zugang zu Rechtsbeistand und nicht einmal angemessene Verpflegung, Unterkunft und medizinische Versorgung haben. Von den mehr als 50 registrierten Todesfällen werden zehn als Selbstmord geführt.

Die Vereinigten Staaten steuern zudem auf die Zwischenwahlen im November zu, bei denen das Wahlrecht und die Schutzmaßnahmen gegen Wahlbetrug zahlreichen existenziellen Herausforderungen ausgesetzt sind. Diese reichen von gerichtlich abgesegnetem extremem politisch-rassistischem Wahlkreismanipulation („Gerrymandering“) über Forderungen des Bundesjustizministeriums nach den Wahlunterlagen der Bundesstaaten bis hin zur Einschüchterung lokaler Wahlbeamter (einschließlich Morddrohungen) und potenziellen Angriffen durch rechte Mobs und Terroranschläge.

Die kriminellen Ausschreitungen des US-Imperialismus im Ausland oder die soziale Zerstörung im Inland sind nicht zu übersehen. Und Wut und Widerstand haben zugenommen, von der mehrheitlichen Antikriegsstimmung bis hin zu (zum Beispiel) den empörten Protesten vor der Haft- und Folteranstalt Delaney Hall in Newark, New Jersey.

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