Von oben nach unten
von Kurt Hofmann
«Crossing Europe« ist das Festival des jungen europäischen Films. Was vielfach längst glatt und oberflächlich am Markenprodukt »Europäischer Film« erscheint, ist hier, bei ersten Filmen junger Filmemacher:innen mit »Ecken und Kanten« versehen, inhaltlich und ästhetisch abseits des ewig Gleichen.
Ich verstehe ihren Unmut
Deutschland 2026
Regie: Kilian Armado Friedrich
Alles muss sauber werden, die Kund:innen und der stets drängelnde Chef sollen zufrieden sein: Heike ist als Objektleiterin einer Gebäudereinigung unentwegt Druck ausgesetzt, den sie an die unter ihr weitergibt. Schneller, genauer, reiner soll deren Arbeit sein. Der Ton ist laut und unnachgiebig. Heike ist für ihre Brigade die höchste Autorität. Sie scheint allgegenwärtig zu sein, ständig ist eine Leerstelle zu füllen, nur sie selbst ist da, um das zu kontrollieren und zu bemängeln.
Eine Geburtstagsfeier für eine Kollegin? Verschwendete wertvolle Zeit! Ein »von außen angezettelter« Streik? Ja nicht mitmachen, Kolleginnen, das ist schädlich und wir müssen fertig werden! Solidarität ist für Heike ein unbekanntes Wort, sie weiß, dass auch ihr Job ständig in Gefahr ist, der Boss ist allzeit unzufrieden, Kund:innen, die sie betreuen muss, brüllen ihr per Telefon ins Ohr, und 59 ist kein gutes Alter, um gefeuert zu werden und dann wieder neu anfangen zu können.
Es ist nicht Heikes Schuld, dass sie von Solidarität nichts weiß: Hier, im Prekariat, wo nach oben kein Weg führt, aber nach unten gleich mehrere, zeigt sich keine gewerkschaftlich organisierte Unterstützung, hier gilt das von oben nach unten und die unausgesetzte Präsenz von Druck und Überwachung.
Da ist auch noch ein Subunternehmen, das sich durch die Rechtlosigkeit seiner durchwegs migrantischen Beschäftigten definiert und als kostensparendes Element dem obersten Gebäudereiniger unentbehrlich scheint. Als Heike einem von diesen Untersten eine offizielle Arbeitsbewilligung verschaffen will, ist der Teufel los.
Von Tag zu Tag scheint der Druck zu steigen. Irgendwann hat auch Heike genug. Aber wie geht es für sie weiter?
Ich verstehe ihren Unmut ist ein Spielfilm, der wirkt wie eine Doku. Im Kino über den Alltag im Prekariat zu erfahren, die Arbeitsbedingungen in der besten aller Welten, ungestört durch rechtliche »Hindernisse«: das ist selten. Der gesamte Cast, inklusive der Hauptdarstellerin Sabine Thalau und des Regisseurs, war im Reinigungsgewerbe tätig. Derlei Nachweis mag zur Intensität des Gezeigten beigetragen haben, vor allem aber ist der Film ein Blick auf den kapitalistischen Alltag abseits medialer Wahrnehmung.
Itt érzem magam otthon
(Feels like home)
Ungarn 2025
Regie: Gábor Holtai
Kurz nachdem Rita ihre Arbeit verloren hat, verliert sie auch ihre Freiheit. Auf dem Heimweg entführt, findet sie sich in einer Wohnung wieder, um von ihrem Kidnapper zu erfahren, dass sie dessen Schwester Szilvi und damit Teil der vor Ort residierenden Familie Árpád sei. Sie bekommt als Nachhilfe »ihre« Tagebucheintragungen zu lesen, muss lernen, wie sie sich in einem seltsamen, vom alles beherrschenden »Vater« organisierten Clan einzufügen hat.
Draußen, so wird den Familienmitgliedern eingetrichtert, herrschen Unsicherheit, Not und Kriminalität, nur die heimischen vier Wände und die Anpassung an die Familienregeln böten Schutz vor der bösen Welt.
Ein Spiel mit verteilten Rollen: Alle »Familienmitglieder« teilen Ritas Schicksal, doch sie vertrauen dem »Papa«, dass das »Draußen« Gefahr für sie bedeutet.
Der Film ist ebenso eine Parabel über Anpassung wie eine bittere Satire über die Orbán-Ära in Ungarn. Der Film prunkt mit vielen überraschenden Wendungen sowie einer brillanten Schlusspointe und war der Höhepunkt des diesjährigen Festivals.
Renovacija
(Renovation)
Litauen 2025
Regie: Gabriel? Urbonait?
Ilona lebt in Vilnius und hat eben mit ihrem Freund eine Wohnung in einem Plattenbau bezogen. Dessen Renovierung bedeutet Ärger durch Lärm und Beobachtung von außen. Ilona ist verunsichert durch diese Störungen, die sie im Homeoffice in ihrer Tätigkeit als Übersetzerin erleidet, doch die größere Verunsicherung ist ihr herannahender dreißigster Geburtstag und ihre Unzufriedenheit mit ihrem Beziehungsstatus.
Ein Arbeiter, der vor ihrem Fenster auf dem Gerüst hantiert, wird von ihr hereingebeten und fortan zum Teil ihres Alltags. Ein Heiratsantrag ihres Freundes Matas, der sich zwischenzeitlich zu paramilitärischen Übungen angesichts des Ukrainekriegs gemeldet hat, kommt ebenso zur Unzeit wie der Besuch ihrer sie stets kritisierenden Mutter.
Das Gerüst vor ihrem Fenster, ein sichtbares Provisorium, gleicht ihrer ungeklärten Situation nahe einer zu hinterfragenden Altersgrenze. Weiter im alten Trott oder völlig neu anfangen: So einfach ist dieses Problem für Ilona nicht zu lösen.
Renovacija zeigt eine junge Frau, welche, angetrieben von einem für sie nicht definierbaren plötzlichen Unwohlsein, ihr Leben zu hinterfragen beginnt. Das Haus, in dem sie wohnt, dient dabei als Außenbild: etwas wird renoviert…
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