Sozialismus 27. August 2026

Sozialismus unter den Bedingungen des Klimanotstands
Buchrezension von Angela Klein

Kohei Saito: Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus. München: dtv, 2026. 363 S., 26 Euro

Heutzutage kann man froh sein, wenn junge Wissenschaftler Marx studieren und aus seinen Schriften Anregungen zur Bewältigung gegenwärtiger Krisen ziehen.

Der japanische Philosoph Kohei Saito hat sich um eine erneute kritische Lektüre von Marx sehr verdient gemacht – vor allem durch seine akribische Durchforstung der Exzerpte des alten Marx, die Aufschluss geben über dessen Rezeption des Stands der naturwissenschaftlichen Forschung seiner Zeit – auf dem Gebiet der Chemie wie auch der Agrarwissenschaft, der Geologie, Mineralogie u.a.m.
Die daraus gewonnenen Erkenntnisse über die ökologische Dimension von Marx’ Kritik der kapitalistischen Produktionsweise ist in Deutschland vor allem 2016 unter dem Titel Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus bekannt geworden. 2024 folgte mit Systemsturz ein Versuch, basierend auf diesen Erkenntnissen einen Weg aus dem Kapitalismus und der Klimakrise aufzuzeigen – in Japan wurde das Buch ein Bestseller.
Sein neues Buch, Am Ende des Fortschritts, sucht immer noch einen Ausweg aus der doppelten, sozialen und ökologischen Krise, allerdings verwirft er dabei die Prämissen, auf denen Systemsturz basierte. Denn das ist die große Neuerung im seinem neuen Buch: Die ökologische Katastrophe ist unvermeidlich, das 1,5-Grad-Ziel und verschiedene Kipppunkte bereits erreicht, wo nicht überschritten. Es geht nicht mehr um die Frage, wie die Klimakatastrophe aufgehalten werden kann, sondern wie wir mit ihr in einer Weise umgehen können, dass daraus nicht zugleich eine soziale Katastrophe wird, die die Menschheit erst recht in einen selbstmörderischen Ruin treibt.

Dunkel ist die Begrifflichkeit
Die Alternative »Sozialismus oder Barbarei« aktualisiert Saito folgendermaßen: Das Ziel, in einer kommunistischen Überflussgesellschaft zu leben, wie es lange eine Utopie der Arbeiterbewegung war und auch im Kommunistischen Manifest erscheint, ist unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr erreichbar. Wir haben es von nun an angesichts der Belastungen durch den Klimawandel mit Mangelwirtschaft zu tun. Diese aber ruft eine Kriegswirtschaft auf den Plan, die in zwei Richtungen gehen kann: den Technofaschismus à la Peter Thiel oder einen »Dunklen Sozialismus«.
Die Begrifflichkeit, die Saito verwendet, irritiert am meisten bei seiner Argumentation. Denn je weiter man im Buch liest, desto deutlicher wird, dass er unter Kriegswirtschaft einen Zustand versteht, in dem Staatsmacht – also auch Zwang – erforderlich ist, um die notwendigen Maßnahmen durchzusetzen, damit der menschliche CO2-Ausstoß drastisch gesenkt und eine Gesellschaft sich durchsetzen kann, die für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, vor allem der Grundbedürfnisse produziert, und nicht für den Profit privater Kapitaleigner. Um diese Staatsmacht näher zu bestimmen, greift Saito auf Marx’ Konzept der Diktatur des Proletariats zurück, wobei er sich dahingehend verdient macht, dass er erklärt, was zu Marx’ Zeiten unter dem Begriff »Diktatur« verstanden wurde: nämlich nicht die Tyrannei eines einzelnen, sondern der Übergang von der kapitalistischen Profitwirtschaft in eine sozialistische Demokratie. Das Vorbild einer solchen »Diktatur« ist für ihn die Pariser Kommune, die nicht nur neue Formen solidarischer und genossenschaftlicher Produktion und Verwaltung hervorgebracht hat, sondern die sich auch der Maßnahmen der alten Eigentümer und ihrer Regierung zu erwehren hatte, die Herrschaft des Kapitals wieder herzustellen.
Zwischen Kriegswirtschaft, Diktatur des Proletariats, demokratischem Sozialismus und »Dunklem Sozialismus« sind die Übergänge fließend, die Begriffe nicht klar voneinander abgegrenzt. »Dunkel« ist dieser Sozialismus wohl nur deshalb, weil der Staat darin eine prominente Rolle spielt, wobei Saito anerkennt, dass dieser Staat sukzessive in die Gesellschaft zurückgenommen wird und sich gerade nicht als ein von ihr Getrenntes etablieren soll.

Marx reicht nicht
Abgesehen von der Rolle, die dieser Übergangsgesellschaft mit den vielen Namen im Kampf gegen den Fossilismus und bei der Anpassung an den Klimanotstand zufällt, den Saito inzwischen für unabwendbar hält und nur in seiner Heftigkeit vom Menschen noch zu beeinflussen, sind die Konzepte, auf die er zurückgreift, alle nicht neu. Und die Vorschläge, die er für präventives Handeln zum Schutz gegen den Klimanotstand entwickelt, sind ebenfalls bekannt, wenngleich leider nicht systematisiert zu einem Konzept einer ökosozialistischen Planwirtschaft.
Originell ist Saito in der Hinsicht, dass er seine Kategorien zum Verständnis der »Endphase des Kapitalismus« und seiner Überwindung ausschließlich von Marx herleitet. Dadurch entsteht jedoch eine Begriffsverwirrung, die nicht notwendig wäre, wenn Saito es unternommen hätte, sich Theorie und Praxis des Sozialismus im 20.Jahrhundert und die dabei gemachten Erfahrungen mitsamt ihrer Kritik zu eigen zu machen und darauf aufzubauen. Insbesondere die linke Kritik an der sowjetischen Planwirtschaft hätte ihm geholfen, andere Kritikpunkte an dieser – und somit auch andere Ansatzpunkte für ihre Überwindung – zu finden, als ausgerechnet Friedrich Hayek und seiner neoliberalen Kritik an der Planwirtschaft recht zu geben. Die reformsozialistischen Versuche und die Debatten, die sie ausgelöst haben, waren jedenfalls schon deutlich weiter und sind es wert, erneut ausgegraben zu werden.

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