Europa 27. August 2026

Mit aller Gewalt für ein Atomklo
von Wolfgang Pomrehn

Viele Wälder, viel großflächige Landwirtschaft, kleine Dörfer, viel Leerstand, wenig Arbeitsplätze, die nächste Kleinstadt 22 Kilometer entfernt, der nächste, kaum frequentierte Bahnhof ebenso. Hört sich an wie das westdeutsche Wendland in den 1970er Jahren, ist aber Frankreich.

Hier, westlich von Nancy, südlich von Verdun, nahe des kleinen Dörfchens Bure, will der französische Staat ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll einrichten. Die Region ist dünn besiedelt, leidet unter dem Niedergang des Erzabbaus und der alten Industrie. Überall sonst war die Endlagersuche frühzeitig auf heftigen Widerstand in der örtlichen Bevölkerung gestoßen.
Unwidersprochen bleiben die Pläne auch am Ornain nicht, dem Flüsschen, das sich – jetzt wegen der Dürre fast zu einem Bach zusammengeschrumpft – durch das Département Meuse (Maas) und seine Hauptstadt Bar-le-Duc schlängelt. Mitte August versammelten sich beim Weiler Saint-Armand-sur-Ornain 1500 bis 2000 Atomkraftgegner:innen, um sich bei einem Festival mit viel Musik und Kultur über den Widerstand auszutauschen.
Der hat es in der Vergangenheit nicht leicht gehabt. Massive staatliche Repression wirkt wie ein Spaltpilz in der vielfältigen, in diversen thematischen Bürgerinitiativen organisierten Bewegung. Die einen kümmern sich eher um die Vermittlung der wissenschaftlichen Grundlagen, andere organisieren den kulturellen Widerstand und Dritte beschäftigen sich mit den Auswirkungen auf Grund- und Oberflächenwasser in der Region.
Jahrelang wurden Kritiker mit Ermittlungsverfahren überzogen, die wie die deutschen §129a-Verfahren vor allem der Einschüchterung und Durchleuchtung linker Strukturen dienten. Immer wieder geht die Polizei gewalttätig gegen Demonstrationen vor. Oft kämen Schock- und Gasgranaten zum Einsatz, sagen die Atomkraftgegner. Aus größerer Entfernung von regelrechten Granatwerfern in hoher Frequenz abgeschossen, würden sie unter den Demonstranten explodieren. Ein Demonstrant sei dabei schon ums Leben gekommen, als ihm ein derartiges Geschoss im Nacken explodierte und das Genick brach. Einem anderen sei ein Fuß abgerissen worden.
Verständlich, dass viele Angst haben, auf Demos zu gehen oder gar welche zu organisieren, wie ein deutscher Festivalteilnehmer erzählt, den es aus dem Wendland in die Region verschlagen hat. Jahrelang hatte er mit anderen in einem stillgelegten Bahnhof nahe der Probebohrungen gewohnt. Gegner des Projekts hatten schon im vorletzten Jahrzehnt einen Verein gegründet, um das Gebäude aufzukaufen und zu einem Ort des Widerstands zu machen. Im vergangenen Jahr wurde es dann enteignet und im Frühjahr mit einem massiven Polizeiaufgebot geräumt.
Die Enteignungen sind ein Anzeichen dafür, dass es langsam ernst wird. Die SoZ hatte bereits im Juni darüber berichtet, dass die staatliche Betreibergesellschaft ANDRA vor Gericht grünes Licht bekommen hatte. Eine alte, längst überwucherte Nebenstrecke der Eisenbahn soll für die künftigen Strahlenmülltransporte wieder hergerichtet werden. Auf den letzten gut zehn Kilometern wurde rechts und links der Strecke das Bauernland für eine insgesamt 600 Meter breite Sicherheitszone enteignet.
Noch haben keine Gleisarbeiten begonnen, aber an den Übergängen sind bereits neue Verkehrsschilder aufgestellt und Schranken angebracht. Mehrmals wöchentlich werden dann Behälter mit hochradioaktivem Abfall in teils nicht mehr als drei Metern Abstand an den Wohnhäusern der kleinen Dörfer am Ufer des Ornain vorbeirattern.

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