›Die Bosse wollen Klassenkampf? – Können sie haben‹
von Heinrich Neuhaus
Das Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim hat aufgrund seiner Tradition eine besondere Stellung. Nicht nur für die Entwicklung und die Produktion von Kraftfahrzeugen, sondern immer wieder auch für die Entwicklung der IG Metall.
Im Juni hatte der Vorstand von Mercedes-Benz Untertürkheim angekündigt, die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden heraufsetzen zu wollen – ohne Lohnausgleich. Mobiles Arbeiten sollte abgeschafft werden. Zudem sollte eine für Juli geplante Zahlung in Höhe von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts auf 2027 verschoben werden. Damit reagierte der Vorstand auf einen Umsatzeinbruch im ersten Quartal 2026 um 9 Prozent auf 132,2 Milliarden Euro – bei einem Gewinn von immer noch 1,43 Milliarden Euro.
Die Ankündigung quittierten die IGM-Vertrauensleute (VL) bei Mercedes mit einem Aufruf zur Aktion: »Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik! Die Bosse wollen Klassenkampf? Können sie haben!« Er mündete in einen Aktionstag in allen deutschen Mercedes-Werken am 3.Juli, zu dem die IG Metall aufrief.
›Arbeiten für weniger Geld‹?
In ihrer Resolution vom 19.Juni 2026 kritisieren die Vertrauensleute bei Mercedes scharf, dass fast täglich Konzernvorstände Arbeitsplatzabbau und Kürzungen zulasten der Beschäftigten ankündigen. Auch die Regierung bekämpft die Beschäftigten, indem sie den Achtstundentag abschaffen will: »Wir sollen länger arbeiten, für das gleiche Geld oder sogar für noch weniger.«
»Zusätzlich«, so die Erklärung, »plant sie [die Regierung] die ›Rente mit 70‹. Wir sollen arbeiten, bis wir sterben. Das Bürgergeld wird zur … ›Grundsicherung‹. Wir sollen also gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten.«
Und weiter in aller Deutlichkeit: »Das Gesundheitssystem wird kaputtgespart und medizinische Versorgung zunehmend zu einem Privileg für Reiche.«
Aufrüstung und Sozialabbau
In offenem Gegensatz zur faktischen Zustimmung der Gewerkschaftsspitzen zur Aufrüstung schreiben die Untertürkheimer Vertrauensleute: »Das Geld, das in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.«
Den Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit benennen die Kolleginnen und Kollegen wie folgt: »Sie wollen auf unsere Kosten ihre Krise überwinden und noch reicher werden. Wir dagegen wollen einen guten Job, soziale Sicherheit und Frieden. Doch das gibt es nicht von selbst. Sich selbst leidtun, auf eine ›Alternative für Deutschland‹ hoffen oder Bitten und Betteln bei der Regierung hilft nicht.«
Deshalb rufen die Vertrauensleute dazu auf, Demonstrationen und Streiks zu organisieren.
Die Resolution der Untertürkheimer Metaller:innen kritisiert ausdrücklich sowohl den Mercedes-Konzernvorstand wie die Regierung. Sie fordert von der IG Metall gewerkschaftlichen Widerstand und eine dementsprechende Orientierung auch von anderen Vertrauenskörpern und Belegschaften.
›Gegen die Gier der Bosse‹
Immerhin haben danach fünf IGM-Ortsjugendausschüsse im Bezirk Baden-Württemberg und die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) Mercedes-Benz Untertürkheim diese Positionierung als Blaupause benutzt und sich »den Worten der Vertrauensleute aus Untertürkheim« angeschlossen:
– »Bessere Politik braucht unseren gewerkschaftlichen und politischen Kampf! Deshalb warten wir nicht, bis uns jemand bittet zu protestieren. Wir fangen damit an!
– Wir diskutieren wieder stärker politisch mit unseren Kolleg:innen vor Ort im Betrieb. Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
– Wir nutzen jede Gelegenheit, um die Bosse und ihre Regierung zu kritisieren. Zukünftig gibt es keine Jugendversammlung, keine JAV-Sitzung, keine O[rts]J[ugend]A[usschuss]-Sitzung ohne politische Diskussion.
– Auch wenn wir am Anfang wenige oder allein sind: Wenn wir die Stimme erheben und Haltung zeigen, werden wir mehr.
– Sobald die Stimmung in der Belegschaft reif ist, organisieren wir Protest – im Betrieb und in der Stadt.
– Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und fordern Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft – bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen zögern, dann machen wir es selbst.«
›Generalstreik gegen Generalangriff‹
Bei der Protestaktion in Stuttgart am 3.Juli 2026 legte der stellvertretende Untertürkheimer Betriebsratsvorsitzende Michael Clauss nach:
»Das ist ein Generalangriff auf unsere Standards bei Mercedes, aber auch auf unsere Standards, was die Sozialleistungen und unsere Zukunft … anbetrifft … Dieser Generalangriff braucht eins – eine Generalmobilmachung, und das werden wir jetzt tun … Wir werden gemeinsam eine Generalverteidigung fahren. Und weil dieses Wort ja immer sehr umstritten ist in Deutschland: Einen Generalstreik muss man nicht ausrufen. Der passiert halt dann, und wenn ihr das wollt, dann kriegt ihr’s halt.«
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