Jan C. Zoellick: Postwachstum. Unser Leben nach dem Wachstumswahn.
isw-Report 110, September 2017. 28 S., € 2,50
von Angela Klein
Mit dem prophezeiten Ende des Verbrennungsmotors ist in der Öffentlichkeit auch ein Diskurs angekommen, der es wagt, das bisherige Mobilitätskonzept, das auf dem privaten Pkw basiert, in Frage zu stellen. Er greift Vorstellungen von einer Lebensweise auf, in deren Mittelpunkt nicht der maximale Produktionsausstoß steht, sondern die beste und ressourcenschonendste Dienstleistung.
Krimi Tipp: Ahmet Ümit: Die Gärten von Istanbul
Übers. Sabine Adatepe. München: btb, 2017. 734 S., € 12
von Udo Bonn
Sie liegen da, ein Schnitt durch die Kehle, blutleer. Die Beine gespreizt, in den gefesselten Händen eine Münze. Sieben Tote an sieben Tagen. Fundorte sind die großen historischen Gebäude von Byzanz, Konstantinopel, Istanbul. Die Stadt mit den vielen Namen und der großen Geschichte. Die Münzen sind historisch mit den Prägungen von Byzas, Konstantin, Theodosius, Justinian, Sultan Mehmed II., Sultan Süleyman I. Was verbindet die Toten und wer hat ein Interesse an ihrem Tod?
Mein Buch des Jahres: Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben (Originaltitel: A Little Life)
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Berlin: Hanser Berlin, 2017. 957 S., 28 Euro
von Petra Hartlieb*
Entwicklungsroman, Männergeschichte, aber…
Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe schon alles gelesen. Immerhin lese ich seit fünfundvierzig Jahren und seit ungefähr zwanzig Jahren professionell, zuerst als Literaturkritikerin, jetzt als Buchhändlerin. Das ist das Schöne an meinem Beruf – die Fülle an Themen, die unfassbare Auswahl, die ich zur Verfügung habe.
Harald Rein: Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…! Bemerkungen über den Zusammenhang von Alltag und Protest.
Wasserburg: AG SPAK, 2017. 184 S., 14,80 Euro
von Peter Nowak
Wenn von armen Leuten die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid mit. Doch wenn der Sozialwissenschaftler und Erwerbslosenaktivist Harald Rein seinem neuesten Buch den Titel Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen gibt, knüpft er an eine Debatte über die Poor Peoples Movements an. Es sind soziale Bewegungen von Menschen, die weitgehend außerhalb der Lohnarbeitsprozesse stehen.
Gerth M. Neugebauer: Erde in Not
Wien: Promedia, 2017. 216 S., 19,90 Euro
von Rolf Euler
Alles achtet auf die Klimaentwicklung und die oft fruchtlosen Verhandlungen zur Begrenzung der Treibhausgase. Inzwischen findet jedoch «heimlich» eine weitere Katastrophe für den Planeten statt: die Vernichtung fruchtbaren Bodens durch die globalisierte und technisierte Produktionsweise.
Krimitipp: Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha
Deutsch von Andrea Stumpf. Berlin: Suhrkamp, 2017. 351 S., 9,95 Euro
von Udo Bonn
Wie schön kann die Ruhe eines eigenen Zimmers sein, der Blick aus einem unvergitterten Fenster statt auf einen Gefängnishof. Und um wie viel schöner ist dann noch ein Angelausflug auf einem See und erst Recht die Autofahrt zum Meer mit einem attraktiven jungen Mann. Delpha Ward war 14 Jahre eingesperrt, weil sie in Notwehr einen Vergewaltiger umgebracht hat. So ist mit Frauen Ende der 50er Jahre in Texas umgegangen worden, und 1973 hat sich daran nicht viel geändert.
Regieren auf sozialdemokratisch
Was ein Kabinettsbeschluss aus dem Jahr 2000 mit den Wahlniederlagen der SPD zu tun hat
von Reiner Tosstorff
Michael Naumann ist gewiss kein Name, den man aus der Politik unbedingt kennen muss. Als Kulturminister Schröders von 1998 bis 2001 und gescheiterter Oberbürgermeisterkandidat der Hamburger SPD 2008 hat er nicht sehr viele Spuren hinterlassen. Eher wurde er als Verleger (Rowohlt) und Journalist (Die Zeit, Cicero) wahrgenommen. Seine kurze Zeit davor in der Politikwissenschaft ergab eine Habilitationsschrift über den irischen Sozialisten James Connolly, von den Briten hingerichteter Mitanführer des Osteraufstands von 1916, die allerdings keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.
Domenico Losurdo: Wenn die Linke fehlt… Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg.
Köln: PapyRossa, 2017. 356 S., 19,90 €
von Anton Holberg
«Das Schild der Humanität ist die beste, sicherste Decke der niederträchtigsten öffentlichen Gaunerei.» Dieser Satz des Schriftstellers Johann Gottfried Seume (1763–1810) könnte zusammen mit «Doppelte Moral – möchte man hinzufügen – war schon immer etwas weniger als gar keine Moral» (Jörg Fauser im Nachwort zu Mickey Spillanes Roman Gangster) als Motto für das im Oktober auf Deutsch erschienene Buch des emeritierten italienischen marxistischen Philosophieprofessors Domenico Losurdo dienen. Losurdo wiederum zitiert in gleichem Sinn Nietzsche: «Und niemand lügt soviel als der Entrüstete.
Rudolf Geist: Die Wiener Julirevolte. Bericht eines Augenzeugen (Hrsg. Dieter Braeg)
Berlin: Die Buchmacherei, 2017
von Angela Klein
Vor 90 Jahren, im Juli 1927, brannte in Wien der Justizpalast – nicht das Werk eines Provokateurs, auch nicht eines einsamen Kämpfers gegen eine heraufziehende Diktatur, sondern das Werk von Hunderten und Tausenden aufs höchste erregter Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich gegen Polizeiwillkür und Klassenjustiz auflehnten.
Krimi: Simone Buchholz: Beton Rouge
Berlin: Suhrkamp, 2017. 227 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn
Als Kandidat lädt man manchmal zum Pressegespräch, wo dann auch nach persönlichen Interessen gefragt wird. Und als Krimileser auch nach einem Tipp.
Ganz unschuldig und ohne Hintergedanken habe ich der sympathischen Vertreterin der dominierenden örtlichen Zeitung unter anderem Beton Rouge von Simone Buchholz empfohlen. Wenn sie den Roman gelesen hat, wird sie mir die Unschuld aber nicht abnehmen.
Bruno Latour: Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime.
Berlin: Suhrkamp, 2017. 522 S., 32 €
von Gerhard Klas
Eher geht die Welt unter…
Gaia ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die Göttin, die die Erde verkörpert. Ihr Problem: Sie ist von einer Krankheit befallen, die Menschheit heißt. So könnte man eine Grundthese von Bruno Latours Buch Kampf um Gaia skizzieren.
150 Jahre Das Kapital
Ein ungelöster Fall
von Ingo Schmidt
Das Kapital ist einer jener Krimis, bei denen die Leser schon früh wissen, wer der Bösewicht ist. Ob er gefasst wird, bleibt aber bis zum Ende offen. Bisher wurde er nicht gefasst. Deswegen ist seit Marx’ Tod eine Reihe weiterer Folgen geschrieben worden.
Die Geschichte beginnt in einer gespenstischen Welt. Sie wirkt friedlich und frei. Sie wird von Menschen bewohnt, die untereinander Waren tauschen.