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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2015 |

Israel Schwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse

Der Neue ISP Verlag sagt deshalb Teilnahme ab

von Martin Lejeune

Mit ihrem Messeschwerpunkt «1965–2015. Deutschland – Israel» «würdigt» die Leipziger Buchmesse im März 2015 ein «besonderes Jubiläum»: 50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen. Aus diesem Grund hat der Neue ISP Verlag aus Köln und Karlsruhe nun seine Teilnahme an der diesjährigen Messe abgesagt.

Der Verlag, der Mitglied in der Assoziation Linker Verlage ist, hatte in Leipzig bereits eine Lesung seines Autors Shir Hever angemeldet. Aus dem Buch Die Politische Ökonomie der israelischen Besatzung. Unterdrückung über die Ausbeutung hinaus wird nun auf der Messe nicht mehr gelesen.

Der Verlagsleiter Wolfgang Feikert sagte gegenüber dem Autor: «Wir hatten die Veranstaltung angemeldet ohne von dem Messeschwerpunkt zu wissen.» Kommuniziert wurde die Nachricht vom Messeschwerpunkt am 11.12.2014 auf der Internetseite der Leipziger Buchmesse. «Es ist eine Literaturmesse. Wenn die Literatur von Politik handelt, dann geht es auch um Politik. Aber es ist kein politisches Programm. Es geht um den länderübergreifenden literarischen Austausch der Autoren, Übersetzer, Verleger sowie des Publikums mit- und untereinander», sagt Ruth Justen, Ansprechpartnerin der Leipziger Buchmesse für die Presse zum Messeschwerpunkt «1965–2015. Deutschland – Israel».

Der Messeschwerpunkt wird in Leipzig im Rahmen des Jublläums stattfinden und deshalb mit der Unterstützung der israelischen Botschaft organisiert. Gerade diese Tatsache sieht Feikert als Problem:

«Die Botschaft repräsentiert die offizielle Regierung Israels. Es geht nur vordergründig um Autoren, sondern um eine Imagekampagne für Israel, seine jetzige Regierung und die Politik dieser Regierung. Die Messe macht sich zum Erfüllungsgehilfen von Regierungspropaganda.» Sein Verlag hat die deutsche Übersetzung des Buches Boykott – Desinvestment – Sanktionen. Die weltweite Kampagne gegen Israels Apartheid und die völkerrechtswidrige Besatzung Palästinas von Omar Barghouti verlegt. Herr Feikert bekennt: «Wir unterstützen den BDS-Aufruf [Boycott, Divestment and Sanctions]. Linke Verlage sollten hinter dem stehen, was sie machen. Wir können nicht gegen die Forderungen von BDS handeln.»

Giuseppe Zambon, Geschäftsführer des Zambon-Verlags, wird trotz des umstrittenen Messeschwerpunkts das Buch Merkel erwache! Israel vor Gericht von Abraham «Abi» Melzer vorstellen. Zambon sagt: «Wir werden die Messe nicht boykottieren. Im Gegenteil. Das ganze Theater wird von den Zionisten und seinen Komplizen in Deutschland veranstaltet. Ich versuche, von dem großen Interesse am Zionismus zu profitieren, um unsere Sichtweise zu präsentieren.»

Die Bundesrepublik Deutschland feiert das Jubiläum 50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen auch auf der Buchmesse in Jerusalem, die im Februar stattfindet. Deutsche Autoren und Journalisten werden mit Unterstützung des Auswärtigen Amts zur Messe in Jerusalem eingeladen. Da es zwischen der DDR und Israel keine offiziellen diplomatischen Beziehungen gab, deckt das Jubiläum nur die Beziehungen Israels zur BRD ab. Um auch das Verhältnis zwischen der DDR und Israel zu beleuchten, wird es auf der Buchmesse die Extraveranstaltung «Israel, die DDR und die deutsche Linke geben».

Zeitzeugen aus Israel, den palästinensischen Gebieten und aus der ehemaligen DDR diskutieren am 13.März das Verhältnis zwischen der DDR, Israel und der deutschen Linken im Zeitgeschichtlichen Forum. Die Veranstaltung steht unter dem Titel «Zwischen Palästina-Solidarität und Antizionismus – Israel, die DDR und die deutsche Linke». Sie ist eine Kooperation von Deutschlandradio, dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig und der Leipziger Buchmesse. Auch wird der in Berlin lebende Fotograf Ali Ghandtschi seine Anthologie Mein Israel – Juden und Palästinenser erzählen vorstellen. Das Buch erscheint Anfang März bei Suhrkamp.

In einer Erklärung des Neuen ISP Verlags zum Rückzug seiner Teilnahme heißt es:

«Die Leipziger Buchmesse muss sich fragen lassen, wie es um ihre Unabhängigkeit von Staaten und Regierungen, unseres Erachtens eine Grundbedingung für eine freie Literatur, bestellt ist.

– Angesichts des grausamen Kriegs im Sommer 2014, den Israel gegen die Zivilbevölkerung des Gazastreifens und der Westbank geführt hat,

– angesichts der tausendfachen Opfer der Bombardements (vor allem Kinder und Jugendliche), der Vernichtung von Häusern und Wohnungen, der gesundheitlichen Gefährdung im Anschluss durch Krankheiten und Seuchen,

– angesichts des sich verschärfenden Siedlungsbaus und Landraubs, so dass die Fläche der palästinensischen Gebiete heute nur noch 20% des historischen Palästina beträgt,

– angesichts des Ausbaus einer Trennmauer, die palästinensische Gebiete quasi einmauert,

– angesichts der abgestuften rassistischen Unterdrückung der Palästinenser, die nach UN-Kriterien der Apartheid in Südafrika gleichkommt,

– angesichts der Tatsache, dass sich Israel seit Jahrzehnten allen UN-Resolutionen nach Rückzug aus den besetzten Gebieten widersetzt,

bekräftigen wir unsere Unterstützung der Forderungen der internationalen Kampagne der palästinensischen Zivilgesellschaft nach Sanktionierung der israelischen Politik (BDS)*, die folgende Ziele hat:

– Rückzug von Israel aus den besetzten Gebieten,

– gleiche Rechte für alle, ob Israelis oder Palästinenser, die auf dem Gebiet von Palästina leben,

– Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge.

Aus diesen Gründen können wir an einer Veranstaltung, die maßgeblich von den hiesigen Vertretern der israelischen Regierung mitgestaltet wird, nicht teilnehmen.

Karlsruhe, den 7.1.2015.

Neuer ISP Verlag, Köln/Karlsruhe, Shir Hever, Autor, Mitglied des Alternative Information Center, Jerusalem und der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost (EJJP).“

*Omar Barghouti: Boykott – Desinvestment – Sanktionen. Die weltweite Kampagne gegen Israels Apartheid und die völkerrechtswidrige Besatzung Palästinas. Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2012.

Die vollständige Fassung dieses Artikel findet sich auf der Webseite des Autors: www.martinlejeune.com.


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