Chile unter Pinochet
Nona Fernández: Twilight Zone. Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern. Hamburg: Culturebooks, 2024. 240 S., 24 Euro
von Gerhard Klas
Diktaturen wie die von Augusto Pinochet in Chile hinterlassen tiefe gesellschaftliche Traumata. Ihre Aufarbeitung ist ein mühevolles Unterfangen, das nur selten gelingt. Ein großer Wurf ist deshalb der neue Roman Twilight Zone der preisgekrönten chilenischen Schriftstellerin Nona Fernández.
Maria Mies (1931–2023)
Für globalen Frieden, Ökologie und soziale Gleichheit
von Kai Böhne
«Du brauchst nur aufzuheben, was dir vor die Füße fällt«, erzählte Maria Mies der Taz-Autorin Elisabeth Meyer-Renschhausen, während sie auf einem Spaziergang gesammeltes Fallobst schälte und klein schnitt, um es zu Kompott zu verarbeiten. Meyer-Renschhausen hatte die Soziologin im Oktober 2018 für ein Porträt in einem Kölner Altenheim besucht.
Erich Mühsam, 1878–1934
Literat – Pazifist – Anarchist
von Volker Brauch
Das literarische und politische Schaffen von Erich Mühsam ist geprägt durch die unbedingte Aufrichtigkeit und Kompromisslosigkeit, seinen Traum von einem selbstbestimmten, freien Menschen zu verwirklichen. Er bezahlte ihn mit Anfeindungen, Niederlagen, Gefängnisaufenthalten, Folter und letztlich mit dem Tod. Seine Parteinahme galt immer den Ausgestoßenen, Entrechteten und Ausgebeuteten, denen er sich mit tiefem menschlichem Gefühl verbunden fühlte. Bis heute zeigt sein Lebenswerk eine große Strahlkraft. Der 10. Juli, 90.Jahrestag seines Todes, ist ein Anlass, an ihn zu erinnern.
Die ›dritte Zerstörung Stuttgarts‹
Vor 30 Jahren wurde mit Stuttgart 21 die Zerstörung des Bahnknotens und der neoliberale Umbau der Stadt angeschoben
von Tom Adler
Vor 30 Jahren, am 18.April 1994, wurde das Tunnelbahnhofsprojekt Stuttgart 21 von fünf profitlich feixenden Herren der Presse vorgestellt. Kein Superlativ sei übertrieben, strahlte Ministerpräsident Erwin Teufel, sekundiert von Herren, die inzwischen meist tot oder nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen sind für das, was sie seither der Stadt und dem Bahnverkehr angetan haben: Die fatalste Weichenstellung für Stuttgart nach dem (Nachkriegs-)Umbau zur »autogerechten Stadt«.*
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (II)
Adam Smith: Freihandel fürs Kleinbürgertum
von Ingo Schmidt
Adam Smith (1723–1790) war ein Kind der herrschenden Klasse. Der Vater Anwalt, die Mutter Grundbesitzerin. Er hatte einflussreiche Freunde mit einem offenen Ohr für seine ökonomischen Theorien und politischen Ratschläge. Aber erst nach seinem Tod wurden seine Ideen zu einem der zentralen Bezugspunkte des Liberalismus. Die »unsichtbare Hand des Marktes« ist bis heute gängige Floskel liberaler Theorie und Ideologie, obwohl sie bei Smith nicht mehr als eine nebenbei erwähnte Metapher ist.
Verhängnisvolle Freundschaft
Über Grundzüge des US-Imperialismus
von Angela Klein
Werner Rügemer: Verhängnisvolle Freundschaft. Wie die USA Europa eroberten. Köln: Papyrossa, 2023. 328 S., 22,90 Euro
Da denkt man, das Register der Verbrechen der US-Regierungen enthalte nichts mehr, was nicht bekannt wäre – doch weit gefehlt! Werner Rügemer unternimmt in seinem neuen Buch den Versuch, die Systematik hinter diesen Verbrechen zu erforschen und sie aus dem Entstehungsprozess der Vereinigten Staaten von Amerika selbst herzuleiten. Dabei ergeben sich etliche Erkenntnisgewinne.
Buchtipp
Lexikon des guten Lebens
von Rolf Euler
Pluriversum. Ein Lexikon des Guten Lebens für alle. Neu-Ulm: AG SPAK, 2023. 326 S., 18,50 Euro
Wer braucht denn heute noch Lexika – ist nicht alles auf Wikipedia zu finden?
Nein, dieses Buch ist durch Internetlexika nicht zu ersetzen! Es umfasst einen großen Wortschatz des »Pluriversums«, also des »Guten Lebens für alle«.
Tarnen und Täuschen
Filmfestival Crossing Europe
von Kurt Hofmann
Crossing Europe, das Festival des europäischen Films in Linz, bot auch in seiner Ausgabe 2024 ein vielfältiges Programm mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen.
Briefträger-Palast
Ein Denkmal aus Wegesrand-Steinen
von Kai Böhne
Unabhängig von allen künstlerischen Strömungen gestaltete der französische Postzusteller Ferdinand Cheval ein einzigartiges, märchenhaftes Bauwerk aus Wegesrand-Steinen.
In seiner Bibelübersetzung des Buches Jesaja schreibt Martin Luther vom »Stein des Anstoßes« und vom »Fels des Ärgernisses« (Jes.8,14). Seine Formulierung wurde zum Allgemeingut und kennzeichnet im übertragenen Sinn den Auslöser eines Streits oder Ärgernisses.
Immanuel Kant (1724–1804)
›Der Friede ist das Meisterwerk der Vernunft‹
von Hermann Klenner
Immanuel Kant wurde am 22.April 1724 als viertes von neun Kindern des Handwerkmeisters Johann Georg Kant und dessen Ehefrau Anna Regina Kant geboren. Von 1730 bis 1732 besuchte er eine Hospitalschule, danach bis 1740 das pietistische Kollegium Fridericianum. Seine Mutter wie sein Vater erhielten nach ihrem Ableben 1737 bzw. 1746 ein Armenbegräbnis. 1740 begann er ein Universitätsstudium, verließ aber die Universität ohne Examina.
Industrie-Kultur
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Im Ruhrgebiet wird das 25.»Geburtsjahr« der Route der Industriekultur begangen. 1999 waren gerade heftige Bergarbeiterproteste gegen die vorzeitigen Stilllegungspläne aus Bonn verebbt, Stahlindustrie, Bergwerke und Kokereien gab es noch in deutlich sichtbarer Größe. Nun aber wurden alte Standorte entgegen Abrissplänen erhalten. Daraus wurde eine »Route der Industriekultur« erfunden – das zeigte den reformerischen Blick der Zeit.
Kapitalismus als Stoffwechselstörung
Wie Ausbeutung der Arbeit und Zerstörung der Natur zusammenhängen
von Matthias Becker
Simon Schaupp: Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten. Berlin: Suhrkamp, 2024. 417 S., 24 Euro