100 Jahre Surrealismus
Iván Tovar: Kunst aus der Karibik
von Kai Böhne
Seine erste diesjährige Briefmarkenausgabe vom März 2026 widmete das Instituto Postal Dominicano, der Postdienstleister der Dominikanischen Republik, dem hundertjährigen Bestehen des Surrealismus. 1924 veröffentlichte der französische Schriftsteller André Breton (1896–1966) – er gilt als wichtigster Theoretiker des Surrealismus – das erste Manifest der neuen Kunstrichtung, die sich provokant von der damals etablierten Kunst absetzte.
Listen to the Echo
Eine Ausstellung im Museum Folkwang in Essen
von Rolf Euler
»Hört auf das Echo!« nennt der südafrikanische Künstler William Kentridge eine Ausstellung über Jahrzehnte seines umfangreichen und vielseitigen Schaffens anlässlich seines 70.Geburtstags. Das Museum Folkwang in Essen erinnert an ihn mit Bildern, Grafiken, Tapisserien, vor allem mit Videos aus der Zeit der Apartheid in Südafrika und der Zeit danach.
Ein Weltzeuge
Der Fotograf Sebastião Salgado
von Marina Hoffmann
Ein junges Mädchen mit verschmiertem Gesicht schaut mit stiller Skepsis in die Kamera. In ihren großen, ernsten Augen spiegeln sich Licht und Schatten.
Eine Herde Rentiere zieht durch eine karge Eislandschaft – eine Einheit aus Individuen, deren Farben ineinander übergehen, strömt in die gemeinsame Richtung durch die Kälte.
Ein halbnackter Mann greift den Lauf des Gewehres, das ein anderer Mann in Uniform auf ihn richtet. Er redet auf sein Gegenüber ein. Die rechte Hand hält er auf sein Herz. Der Uniformierte erwidert nichts. Um sie herum andere Menschen, die sie beobachten.
Was hier etwas umständlich beschrieben werden muss, hat ein Mann gesehen und fotografiert: Sebastião Salgado.
›Teil einer autoritären Formierung‹
Der Abschlussbericht zum Antisemitismus bei der documenta 15
von Aram Ziai
Selten war eine Kunstausstellung so in der öffentlichen Kritik wie die documenta 15, die von Juni bis September 2022 in Kassel stattfand und aufgrund der starken Beteiligung von Kunstkollektiven aus dem globalen Süden als »postkolonial« galt. Die Auseinandersetzungen sind nicht isoliert zu betrachten, sondern bewegen sich zwischen dem »Nahostkonflikt« einerseits und der Anerkennung de- und postkolonialer Perspektiven andererseits.
Äthiopische Kunst im Kunstpalast Düsseldorf
Elias Sime: Geschichte, Verbundenheit und Transformation
von Nele Johannsen
Der äthiopische Künstler Elias Sime erzählt von globalen Verbindungen und persönlichen Geschichten mit Hilfe von alltäglichen, uns allen bekannten Gegenständen, die bereits eine eigene Reise hinter sich haben. Die aktuelle Ausstellung »Echo« im Kunstpalast Düsseldorf bietet spannende Einblicke in sein Schaffen, dessen Werke Material und Farbe, Tradition und Transformation, Natur und Technologie in lebendigen und faszinierenden Kompositionen vereinen.
Zusammenhalt
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen haben sich vor Monaten für 2025 ein prophetisches Motto ausgesucht: »Zweifel und Zusammenhalt«.
Olaf Kröck, einer der politischsten Intendanten in Recklinghausen, arbeitet immer mit solchen programmatischen Wortverbindungen, die aus einer gemeinsamen Wirklichkeit entstehen, dann auch eine gemeinsame Theaterlandschaft umfassen. Nach »Vergnügen und Verlust« im Vorjahr nun also das Aufgreifen von heftigen »Zweifeln« an der Zukunft, die die Menschen spüren, verbunden mit einem deutlichen Hinweis auf eine Antwort darauf: »Zusammenhalt«.
Widerstandsformen in der Kunst
Wenn Widerstand in Kunst eingeht, entstehen kraftgebende Bilder an der Wand oder im Kopf
von Ayse Tekin
Zwei Orte, zwei Ausstellungen dokumentieren in München, wie Widerstand und Kunst sich treffen. Beide in ungewöhnlichen Ausstellungsräumen.
Briefträger-Palast
Ein Denkmal aus Wegesrand-Steinen
von Kai Böhne
Unabhängig von allen künstlerischen Strömungen gestaltete der französische Postzusteller Ferdinand Cheval ein einzigartiges, märchenhaftes Bauwerk aus Wegesrand-Steinen.
In seiner Bibelübersetzung des Buches Jesaja schreibt Martin Luther vom »Stein des Anstoßes« und vom »Fels des Ärgernisses« (Jes.8,14). Seine Formulierung wurde zum Allgemeingut und kennzeichnet im übertragenen Sinn den Auslöser eines Streits oder Ärgernisses.
Acqua Alta
Das neue Buch der französischen Bestsellerautorin
von Gerhard Klas
Isabelle Autissier: Acqua Alta. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
Hamburg: mare, 2024. 208 S., 23 Euro
Hammer-Mann
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Als die Gewerkschaftslinke sich vor vielen Jahren in Frankfurt im IG-Metall-Haus am Mainufer traf, fuhr ich mit Willi Scherer von der Autobahn kommend an der Frankfurter Messe vorbei. Auffallend davor: die Figur des »Hammermanns«.
Labyrinth der Träume
Ballett von Jaroslaw Iwanenko. Musik von Igor Strawinsky
von Liv Kühnel
Salvador Dalí ist wohl der bekannteste Vertreter der surrealistischen Kunst. Bekannt war er jedoch auch für sein extravagantes Auftreten, auch seine politischen Aussagen haben manchmal für Empörung gesorgt.
In Labyrinth der Träume wird Leben und Werk Dalís dargestellt, wir erhaschen einen Blick in sein Innenleben, das ebenso verworren und verwischt war wie seine Kunst.
Eberhard Fiebig zum 93.Geburtstag
›Es ist die alte Geschichte vom Golem…‹
Gespräch mit Eberhard Fiebig
Laut Marx tritt eine Epoche sozialer Revolution ein, wenn die materiellen Produktivkräfte in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, sprich: den Eigentumsverhältnissen geraten. Der Bildhauer Eberhard Fiebig ordnet das durch den 3D-Druck mögliche, additive Produktionsverfahren in diesen Zusammenhang ein. Darüber sprach Angela Klein mit ihm.
Susanna hat nicht gebadet
Von der Vermessenheit des moralischen Zeigefingers – eine Kölner Ausstellung
von Angela Klein
Einer Geschichte in den Apokryphen des Alten Testaments zufolge lauern zwei Älteste und Richter der ehrbaren Frau eines Kollegen in ihrem Garten auf und wollen sie nötigen. Die Frau wehrt dies mit stolzen Worten ab, anerkennt dabei aber zugleich, dass sie verloren ist: Denn wenn sie den Männern nachgibt, bricht sie das Gesetz des Mose, gibt sie ihnen nicht nach, muss sie damit rechnen, von den Männern vor Gericht gestellt zu werden, wo sie keine Stimme und gegen die Autorität der Ältesten keine Chance hat. Sie gibt ihnen nicht nach, schreit um Hilfe, kann ihre Vergewaltigung damit abwehren. Als sie anderntags vor Gericht gestellt wird, tritt der Jüngling Daniel auf und nimmt die beiden Ältesten ins Kreuzverhör. Sie widersprechen sich und werden zum Tod verurteilt.
Zur Viennale 2022
Schuld sind die anderen
von Kurt Hofmann
Sechzig Jahre Viennale: Das war ein Anlass zum Feiern für das renommierte, international geschätzte Festival in Wien. Und dieser wurde nicht zu Starparaden und Selbstdarstellungen genutzt, vielmehr dazu, wie stets ein innovatives Programm von hoher Qualität zu präsentieren.
Grenzen der Aufklärung
Was die Debatte um die documenta ausklammerte
von Helmut Dahmer, Wien
Seit die deutsche Volks- und Mordgemeinschaft 1945 in kollektive Amnesie verfiel, ist – allen Anstrengungen zur »Bewältigung« der Zeit des Nationalsozialismus zum Trotz – das Nicht-wahrhaben-Wollen zu einer Art Volkskrankheit geworden.
›Das zerbrechliche Paradies‹
Eine Ausstellung im Gasometer Oberhausen
von Rolf Euler
Der Gasometer in Oberhausen ist schon lange Ausflugsziel erster Güte und die Ausstellung, die jetzt dort läuft, ist noch einmal einen ausführlichen Besuch wert. Sie heißt »Das zerbrechliche Paradies« und betrifft den gegenwärtigen bedrohten Zustand des Lebenssystems Erde.
documenta fifteen – ‹Gemeinsam abhängen›
Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung steht das gemeinschaftliche Leben in der Stadt
von Violetta Bock
Die fünfzehnte documenta vom 18.Juni bis 25.September stellt das gemeinschaftliche Leben ins Zentrum. An vielen Orten finden sich daher Nongkrongs (ein indonesisches Wort für «gemeinsam abhängen»), an denen man entspannt chillen kann.
Comics und correctness
Ralf König, einer, der sich nicht verbiegen lässt
Interview mit Ralf König
Du bist über viele Jahre hinweg mit deinem Schaffen gegen die Diskriminierung der Schwulen und Lesben aufgetreten. Man könnte meinen, es sei bis heute vieles besser geworden. In einem deiner früheren Comics lässt du einen CSU-Mann schimpfen, Homosexualität sei gegen Gott und Natur. Derselbe CSU-Typ würde heute einem Flüchtling seine Schwulenfeindlichkeit vorhalten.
Bitter und bezaubernd
Haitianische Malerei zwischen Vodou und klassischer Moderne
von Angela Klein
Im Jahr 2018 fand in Basel eine Ausstellung über «Kunst aus Haiti 1970–2000» statt. Der daraus entstandene Katalog*, auf dem der vorliegende Artikel mitsamt Illustrationen beruht, ist weiterhin erhältlich.
Die Tschikweiber – das Theaterstück
In Hallein wird die Geschichte der Tabakarbeiterinnen aufgeführt
von Dieter Braeg
‹Tschikweiber haums uns g’nennt›. Die Zigarrenfabriksarbeiterinnen von Hallein. Berlin: Verlag Die Buchmacherei, 2015. 326 S., 20 Euro
Prominente TV-Schauspieler nutzen Covid zur Selbstdarstellung
Zur Video-Aktion „Allesdichtmachen“
von Meinhard Creydt
Die inhaltliche Botschaft der Videos von prominenten TV-Schauspielern zur Covid-Pandemie
lautet: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche sind übertrieben. Die Regierung macht Panik. Der Staat handelt autoritär. Es gibt keine freie Diskussion über die Corona-Politik.
Weißensee-Skandal
Israelische Botschaft unterstützt Antisemiten
von Shir Hever
Der Ton gegen israelkritische Juden wird zunehmend schärfer. Nun wurde eine Vortragsreihe an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee abgesagt.
AlarmstufeRot – Kunst ist systemrelevant
Deutschlands sechstgrößter Wirtschaftszweig steht vor dem Kollaps
Gespräch mit Daniel Schulz, alias Der Schulz
Die aktuelle Situation bedroht die Veranstaltungswirtschaft. Clubs sterben aus, KünstlerInnen, VeranstaltungstechnikerInnen und VeranstalterInnen sind arbeitslos oder stehen vor der Insolvenz.
Rainer Werner Fassbinder (1945–1982)
«Schlafen kann ich, wenn ich tot bin»
von Paul B. Kleiser
Am 31.Mai vor 75 Jahren wurde Rainer Werner Fassbinder in Bad Wörishofen geboren. Ab den späten 60er Jahren wurde er zu einem der produktivsten Autoren und Filmemacher der alten BRD.
150 Jahre brasilianische Choro-Musik
Briefmarken zum Jubiläum
von Kai Böhne
Choro ist ein Melange aus Walzer, Polka und afrikanischen Sklavenrhythmen.
Zum 120.Geburtstag des brasilianischen Saxophonisten Pixinguinha (1897–1973) wurde der 23.April zum «Internationalen Tag der Choro-Musik» erklärt.
Claude Cahun (1894–1954)
Zum Leben und Werk der französischen Fotografin und Schriftstellerin
von Kai Böhne
Zu Beginn der 1920er Jahre führte die französische Künstlerin Claude Cahun gemeinsam mit ihrer Stiefschwester und Lebensgefährtin Suzanne Malherbe ein exzentrisches Bohèmeleben in Paris.
Plastiken vom 3D-Drucker
Zu Besuch beim Schöpfer des doppelten Rotulus
von Manuel Kellner
Wir sind gegen Ende November zu Besuch bei Eberhard Fiebig* in seinem Atelier in Kassel. Angela Klein ist schon lange Zeit mit ihm befreundet. Wir sehen Plastiken, darunter viele aus Kunststoff, Bilder und einen 3D-Drucker. Fiebig bewirtet uns mit Tee und Gebäck und spricht über seine Arbeit. Wir stellen ihm die eine oder andere Frage.
100 Jahre Bauhaus. Vielfalt, Konflikt und Wirkung
(Hrsg. Bernd Hüttner, Georg Leidenberger.) Berlin: Metropol, 2019. 272 S., 22 Euro
von Angela Klein
Es gibt bei dem ganzen Rummel, der um das Bauhaus gemacht wird, wenig Literatur, die sich kritisch damit befasst: mit seinen inneren Widersprüchen; dem, was es zusammengehalten und was es auseinandergetrieben hat; mit seiner Verortung zwischen dem Aufbruch in eine neue, noch zu gestaltende Welt und dem ästhetischen Ausdruck des entwickelten Industriekapitalismus.
Frauen am Bauhaus
«…für die Werkstatt nicht geeignet»
von Angela Klein
Das 1919 gegründete Bauhaus hat viele Vorläufer. Seine Besonderheit liegt darin, dass bei ihm nicht nur der Wunsch nach künstlerischer Erneuerung Pate stand, sondern auch die gefühlte Notwendigkeit, «alle Bereiche des Lebens zu reformieren», wie es in der lesenswerten Geschichte des Bauhauses von Magdalena Droste heißt.
Agnès Varda (1928–2019)
Zum letzten Film und ihren Werken
Paul B. Kleiser
Am 29.März ist die belgisch-französische Fotografin und Filmemacherin Agnès Varda in betagtem Alter gestorben. Bis zuletzt war sie als Regisseurin, aber auch als bildende Künstlerin aktiv; ihr letzter Film Varda par Agnès wurde auf der Berlinale uraufgeführt und soll bald in die Kinos kommen.
Alles Bauhaus oder was?
Wie die inneren Widersprüche zugekleistert werden
von Dietrich Heißenbüttel*
Die Weißenhofsiedlung wurde im Bauhaus-Stil erbaut: Solche Halbwahrheiten haben zur Hundertjahrfeier der Kunstschule in Weimar und Dessau Konjunktur. Richtiger werden sie dadurch nicht. Zeit, ein wenig Essig in den Schaumwein zu tröpfeln.
Politik und Poesie
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Was hat das wohl miteinander zu tun in Zeiten von Fakenews, Sachzwängen und erneuten kalten Kriegen? «Politik und Poesie» lautet das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele auf, die mit Theater, Tanz, Lesungen, Kabarett im Mai und Juni wieder in Recklinghausen unter neuer Leitung stattfinden werden.
15 Jahre AlstomChor
Jubiläum in Mannheim
Gespräch mit Bernd Köhler
2003 gründete sich im Kontext eines massiven Widerstands gegen Arbeitsplatzabbau der Mannheimer AlstomChor. Mit einem bewegenden Fest feierte er Ende Oktober 2018 sein 15jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Bernd Köhler, dem Initiator des Chors.
Kunst und 68
Der etwas andere Blick auf die wilden 60er Jahre
von Angela Klein
Flashes of the Future – Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen
Aachen, Ludwig Forum, Jülicher Str. 97-104, bis 19.August 2018
Wer tatsächlich vor 50 Jahren ideenreich für Reflexion, für Veränderung eintrat, es war die Kunst in vielfältiger Weise.
Images en lutte
Bilder einer Ausstellung zu 1968
von Bernard Schmid
Die Kunsthochschule Ecole des Beaux Arts in der Pariser Rue Bonaparte wurde zweimal von der Polizei geräumt: einmal im Frühsommer 1968, nach mehrwöchiger Besetzung durch Kunststudierende, Lehrpersonal und andere Rebellierende des Pariser Mai, um vier Uhr morgens. Das andere Mal im Februar 1974, nachdem dort fast drei Jahre lang allwöchentlich Vollversammlungen der im Gefolge des 68er Aufbruchs aufkeimenden feministischen sowie Homosexuellen-Bewegung stattgefunden hatten. Die Regierung unter Präsident Georges Pompidou glaubte, dadurch dem Emanzipationsspuk ein Ende setzen zu können.